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Haben Menschen von Natur aus Angst vor Schlangen und Spinnen?

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Haben Menschen von Natur aus Angst vor Schlangen und Spinnen? – Kaum ein Thema wirkt auf den ersten Blick so eindeutig und ist bei näherem Hinsehen doch so kompliziert wie die Frage nach der Angst vor Schlangen und Spinnen.

Viele Menschen sind überzeugt: Diese Furcht muss angeboren sein. Zu verbreitet ist sie, zu spontan, zu körperlich. Man zuckt zurück, bevor man überhaupt nachdenken kann. Und viele Betroffene sagen: Ich bin nie darauf trainiert worden, ich hatte kein ängstliches Elternhaus, ich bin nie gebissen oder verletzt worden – und trotzdem ist die Angst da.

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So ist das auch bei mir. Es hat niemanden gegeben, der sich hingesetzt und mir erklärt hätte, dass Schlangen oder Spinnen verabscheuungswürdig oder angsteinflößend seien.
Und trotzdem habe ich vor Schlangen Angst. Bei Spinnen ist das nicht so ausgeprägt. Als Ehemann und Familienvater bin ich ja dazu verdammt, „die wegmachen“ zu müssen.

Aber ich weiß, dass mir die Angst doch anerzogen wurde. Mehr dazu weiter unten.

Die Forschung der vergangenen Jahre zeichnet dazu ein ziemlich spannendes Bild. Die kurze Antwort lautet: Eine fertige Angst vor Schlangen und Spinnen ist nach heutigem Stand wahrscheinlich nicht angeboren. Angeboren oder sehr früh vorhanden scheint aber eine besondere Bereitschaft zu sein, solche Tiere schnell zu bemerken, sie als besonders relevant zu verarbeiten und Angst vor ihnen leichter zu lernen als vor vielen anderen Dingen.

Wir wissen also: Nicht die Angst vor Schlangen und Spinnen ist angeboren, sondern ein Vorrang bei der Wahrnehmung.

Babys haben offenbar nicht einfach Angst

Das ist der Punkt, an dem die Sache für viele überraschend wird. Gerade die entwicklungspsychologische Forschung spricht deutlich dagegen, dass schon kleine Babys eine echte, spontane Schlangen- oder Spinnenangst zeigen.

In klassischen Arbeiten mit Säuglingen zeigte sich: Wenn man sehr jungen Kindern Schlangen oder andere Tiere präsentiert, reagieren sie nicht so, wie man es bei echter Angst erwarten würde. Sie meiden die Tiere nicht automatisch, sie wenden sich nicht klar ab, sie zeigen nicht zuverlässig Flucht oder Abwehr. Erst wenn zu den Bildern eine ängstliche Stimme hinzukam, verbanden sie Schlangen eher mit Furcht. Das spricht eher für eine frühe Lernbereitschaft als für eine von selbst ausbrechende Angst.

Noch deutlicher wird es in Übersichtsarbeiten, die verschiedene Experimente zusammenfassen: Dort wird betont, dass Säuglinge und Kleinkinder bei Schlangen und Spinnen zwar aufmerksam und interessiert reagieren, aber gerade keine eindeutigen Verhaltenszeichen von Angst zeigen. In manchen Studien versuchten 9-monatige Kinder sogar, bewegte Schlangen auf dem Bildschirm zu greifen. Und auch 18- bis 36-monatige Kinder zeigten bei lebenden Schlangen und Spinnen eher neugieriges Interesse als klare Furcht.

Das passt gut zu der Beobachtung, dass ganz junge Babys oft tatsächlich unbedarft wirken. Und genau das ist ein starkes Argument gegen die These, dass Menschen mit einer fix und fertigen Schlangenangst geboren werden.

Aber Babys reagieren trotzdem anders auf Schlangen und Spinnen

Nun kommt die zweite Hälfte der Wahrheit. Dass Babys keine echte Angst zeigen, heißt nicht, dass ihr Gehirn Schlangen und Spinnen so behandelt wie Gänseblümchen oder Goldfische.

Mehrere Studien zeigen, dass schon sehr junge Kinder auf Schlangen und Spinnen besonders schnell aufmerksam werden. Sie entdecken sie in visuellen Suchaufgaben schneller als harmlose Vergleichsreize. Außerdem gibt es Arbeiten mit Pupillenerweiterung und Hirnaktivität, die darauf hindeuten, dass diese Tiere bei Säuglingen erhöhte physiologische Erregung oder eine besondere neuronale Verarbeitung auslösen.

Wichtig ist dabei aber die saubere Unterscheidung: Erhöhte Aufmerksamkeit oder Erregung ist nicht automatisch Angst. Ein Reiz kann biologisch bedeutsam, überraschend oder hochrelevant sein, ohne dass ein Baby schon dieselbe Emotion empfindet wie ein Erwachsener mit Phobie. Genau diese Unterscheidung betonen auch kritische Stimmen in der Fachliteratur. Die Daten sprechen eher für eine frühe Sensibilität oder Aufmerksamkeitslenkung als für eine angeborene Furcht im engeren Sinn.

Der Schlüsselbegriff: Preparedness

Der wichtigste Begriff in diesem Zusammenhang lautet Preparedness, auf Deutsch etwa biologische Vorbereitetheit. Gemeint ist damit nicht, dass der Mensch mit einer fertigen Phobie zur Welt kommt. Gemeint ist vielmehr, dass unser Gehirn für manche Reize besonders empfänglich ist, weil sie in der Evolutionsgeschichte relevant waren.

Schlangen sind dafür das Paradebeispiel. In der evolutionären Vergangenheit konnten sie für Primaten und frühe Menschen tatsächlich lebensgefährlich sein. Deshalb könnte sich ein Wahrnehmungssystem entwickelt haben, das schlangenähnliche Formen besonders schnell registriert. Die klassische Theorie von Öhman und Mineka1 geht davon aus, dass sich Angst vor evolutionär relevanten Gefahren leichter und hartnäckiger lernen lässt als Angst vor neutralen Dingen.

Auch Tierexperimente passen dazu. Berühmt sind Arbeiten mit Rhesusaffen: Im Labor aufgezogene Affen hatten zunächst keine ausgeprägte Angst vor Schlangen. Sie lernten diese Furcht aber sehr schnell, wenn sie andere Affen dabei beobachteten, wie diese ängstlich auf Schlangen reagierten. Interessanterweise galt diese schnelle soziale Angstübertragung selektiv eher für Schlangen als für harmlose Objekte wie Blumen. Das spricht nicht für eine vollständig angeborene Angst, wohl aber für eine angeborene Lernbereitschaft gegenüber bestimmten Bedrohungen.

Wann kommt die Angst dann?

Die Vermutung liegt nahe: Vielleicht sind Babys zunächst angstfrei, und die eigentliche Angst entsteht erst später, wenn Gehirn, Wahrnehmung, Bewegung und soziale Orientierung weiter ausreifen. Genau in diese Richtung geht ein großer Teil der heutigen Forschung.

Bei Säuglingen dominieren zunächst Aufmerksamkeit, Exploration und Reizverarbeitung. Später kommen andere Dinge hinzu: soziale Orientierung an Bezugspersonen, stärkere Gedächtnisbildung, sprachliche Informationen, die Fähigkeit, Gefahr zu antizipieren, und natürlich kulturelle Deutungen. Ein Kind muss nicht erst gebissen werden, um Angst zu entwickeln. Es reicht oft, wenn es wiederholt mitbekommt, dass Schlangen gefährlich oder ekelerregend seien oder wenn Erwachsene sichtbar zusammenzucken, sich ekeln oder warnend reagieren.

Und ich bin davon überzeugt, dass es solche Mikrosignale waren, die mir in meiner Kindheit mitgegeben worden sind. Ein unwillkürlicher Angstschrei der Mutter beim Anblick einer Schlange im Fernsehen, ein schnelles Wegziehen des Kindes beim Anblick einer Schlange im Wald, Darstellung der „gefährlichen“ Tiere in Film und Fernsehen, das sind alles Trigger, die sich im Gehirn des Kindes festsetzen.

Eine neuere Meta-Analyse zur elterlichen verbalen Bedrohungsinformation zeigt, dass Kinder Ängste gegenüber neuen Reizen tatsächlich durch bedrohliche Informationen der Eltern entwickeln können. Daneben gibt es Studien zum stellvertretenden Lernen: Kinder übernehmen Furcht auch dann, wenn sie bei anderen ängstliche Reaktionen beobachten.

Mit anderen Worten: Die eigentliche Angst muss nicht plötzlich aus dem Nichts im Baby auftauchen. Sie kann sich im Verlauf der Entwicklung aus einer frühen biologischen Sensibilität und späterem sozialen, sprachlichen und kulturellen Lernen zusammensetzen.

Warum haben dann auch Menschen Angst, die nie bewusst trainiert wurden?

Das ist eine der spannendsten Fragen. Und die Forschung liefert darauf eine Antwort, die dem Erleben vieler Betroffener ziemlich nahekommt.

Denn Lernen bedeutet nicht nur ausdrückliche Erziehung. Niemand muss einem Kind feierlich sagen: Vor Schlangen musst du Angst haben. Es genügt oft schon, dass in Filmen Schlangen als unheimlich inszeniert werden, dass in Büchern bedrohliche Bilder auftauchen, dass Erwachsene einen Warnlaut ausstoßen, dass Medien ständig Giftigkeit, Angriff und Gefahr betonen oder dass allein die Form und Bewegung der Tiere eine starke biologische Alarmbereitschaft auslösen. All das kann zu einem impliziten Lernen führen, also zu einem Lernen, das einem später gar nicht mehr bewusst ist.

Genau deshalb ist die persönliche Erfahrung vieler Menschen keineswegs ein Gegenbeweis gegen die Lernhypothese. Im Gegenteil: Sie passt gut zu einem Modell, wonach Menschen nicht ausdrücklich trainiert werden müssen, sondern aufgrund einer biologischen Vorstruktur schon durch relativ geringe und indirekte Einflüsse eine Schlangenangst entwickeln können.

Und was ist mit Spinnen?

Bei Spinnen ist die Lage ähnlich, aber nicht völlig identisch. Auch hier zeigen viele Studien eine frühe Aufmerksamkeitslenkung und erhöhte Relevanz. Auch hier ist die These stark, dass Angst nicht fertig angeboren ist, sondern leichter gelernt wird. Allerdings gibt es in der Literatur immer wieder Diskussionen darüber, ob Spinnen wirklich dieselbe evolutionsbiologische Sonderstellung haben wie Schlangen. Für Primaten dürften Schlangen historisch der ältere und bedeutendere Selektionsdruck gewesen sein. Spinnenangst könnte deshalb teilweise über ähnliche Mechanismen laufen, teilweise aber auch stärker mit Ekel, kulturellen Bildern und gelernter Abwehr verknüpft sein.

Das erklärt vielleicht auch, warum manche Menschen vor Schlangen panische Angst haben, aber Spinnen nur widerlich finden – oder umgekehrt. Die Emotion ist nicht immer dieselbe. Forschung zu Bedrohungsreizen und Tierphobien zeigt, dass sich Angst, Ekel und Aufmerksamkeit zwar überschneiden können, aber nicht identisch sind.

Was sagt die neuere Forschung insgesamt?

Wenn man die wichtigsten Arbeiten zusammenzieht, ergibt sich heute ungefähr dieses Bild:

1. Neugeborene und sehr junge Babys haben keine überzeugend nachweisbare, fertige Schlangen- oder Spinnenangst.
Sie reagieren nicht wie kleine Menschen mit Phobie. Sie erkunden, schauen hin, greifen sogar zu.

2. Sehr früh vorhanden ist aber offenbar eine besondere Sensibilität für diese Reize.
Schlangen und Spinnen werden schneller entdeckt und physiologisch anders verarbeitet als viele neutrale Reize.

3. Diese frühe Sensibilität dürfte das spätere Lernen von Angst erleichtern.
Das ist der Kern der Preparedness-Theorie.

4. Die eigentliche Angst entwickelt sich wahrscheinlich im Zusammenspiel mit Erfahrung.
Dazu gehören Beobachtungslernen, Sprache, kulturelle Bilder, Medien, familiäre Reaktionen und eventuell einzelne unangenehme Erlebnisse.

5. Deshalb können Menschen Schlangenangst haben, obwohl sie nie bewusst dazu erzogen wurden.
Die Angst muss nicht ausdrücklich beigebracht werden; sie kann sehr leicht und sehr indirekt entstehen, weil das Gehirn für genau diese Lernrichtung besonders empfänglich ist.

Fazit

Die Frage „angeboren oder erlernt?“ ist in diesem Fall wahrscheinlich zu grob. Die derzeit beste wissenschaftliche Antwort lautet eher: Die volle Angst vor Schlangen und Spinnen ist vermutlich nicht angeboren. Angeboren ist eher eine Bereitschaft, gerade diese Tiere besonders schnell zu bemerken und sie leichter mit Gefahr zu verknüpfen. Die eigentliche Angst entsteht dann später durch Entwicklung und Lernen – oft subtil, oft unbewusst, oft ohne dass man je sagen könnte, wer einem das beigebracht hat.

Das ist auch der Grund, warum beide Lager ein bisschen recht haben. Die einen sagen: Babys haben doch gar keine Angst. Das stimmt weitgehend. Die anderen sagen: Aber irgendetwas Besonderes muss es mit Schlangen und Spinnen auf sich haben. Auch das stimmt. Offenbar kommt der Mensch nicht mit einer fertigen Schlangenphobie zur Welt, aber auch nicht als völlig neutrales Blatt Papier.

Vielleicht ist das die eleganteste Formulierung: Nicht die Angst ist angeboren, sondern die leichte Erlernbarkeit der Angst.

Quellen und Studien

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19120429/
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6716607/
https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2017.01710/full
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/11488376/
https://link.springer.com/article/10.3758/BF03197783
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8944018/
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6749087/
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10794497/

Bildquellen:

  • schlangen_800x500: Peter Wilhelm

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