Spott + Hohn und Politik

Der Rehaugenskandal: Wie das Internet aus einem Satz eine Affäre machte

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Der Homo sapiens und seine Vorfahren vermehren sich durch einen recht unspektakulären Begattungsvorgang. Er dauert statistisch betrachtet im Schnitt dreieinhalb Minuten und erzeugt im besten Fall ein hilfloses Nachkommen, das neun Monate lang ausgetragen und dann drei Jahre umsorgt werden muss.

Für eine vergleichsweise langlebige Spezies ist das zum Arterhalt gerade so ausreichend; kurzlebigere Arten wären damit längst ausgestorben.

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Damit Männchen und Weibchen sich finden und dann den Fortpflanzungsakt durchführen, sind Menschen auf ganz bestimmte sexuelle Reize geprägt.
Was wir heute Erotik oder die Wirkung des anderen Geschlechts nennen, ist nichts weiter als tief in uns verwurzeltes, instinktives Verhalten.

Dass Männer Frauenbrüste attraktiv finden, ist tatsächlich nichts anderes als die prüfende Ausschau danach, ob dieses Weibchen auch genügend Milch zum Aufziehen des Nachwuchses produzieren kann. Wenn Frauen Männern auf den Hintern schauen, ist das ebenso nur ein archetypischer Reflex zum Abchecken der Lauf- und Jagdfähigkeiten eines potentiellen Geschlechtspartners.

Merke: Gegen diese Instinkte kann der Mensch nichts machen, sie sind tief und fest in ihm verwurzelt.

Man kann diesen Gedanken sehr schön noch ein Stück weiterführen, wenn man sich klarmacht, wie wenig von dem, was wir heute für „romantisch“, „ästhetisch“ oder „geschmackvoll“ halten, tatsächlich bewusst gewählt ist. Der Mensch bildet sich gerne ein, er sei ein vernunftbegabtes Wesen, das seine Entscheidungen reflektiert trifft. In Wirklichkeit ist ein beträchtlicher Teil unseres Verhaltens das Echo uralter Programme, die in einer Zeit entstanden sind, als unsere Vorfahren noch nicht einmal wussten, dass sie irgendwann einmal Steuererklärungen abgeben oder Videokonferenzen führen würden.

Das Gehirn arbeitet dabei mit erstaunlich einfachen Mustern. Eine bestimmte, aber nicht zu weit gehende Symmetrie im Gesicht gilt als attraktiv, weil sie unbewusst als Zeichen von Gesundheit und genetischer Stabilität interpretiert wird. Eine klare Haut signalisiert Abwesenheit von Krankheiten. Wie bereits gesagt: Eine bestimmte Körperproportion weist auf Fruchtbarkeit hin. Das alles geschieht nicht, weil wir es uns rational überlegen, sondern weil irgendwo tief im limbischen System ein uralter Algorithmus anspringt, der in etwa sagt: „Das sieht nach gutem Fortpflanzungsmaterial aus.“

Wir übersehen dabei oft, dass diese biologischen Programme mit der modernen Welt in einem gewissen Missverhältnis stehen. Der Mensch lebt heute in einer Umgebung, die mit der Savanne Ostafrikas ungefähr so viel gemeinsam hat wie ein Einkaufszentrum mit einer Mammutjagd. Trotzdem reagiert unser Gehirn noch immer auf dieselben Signale. Ein gut geschnittener Anzug, ein rotes Kleid oder ein bestimmter Duft wirken deshalb nicht etwa magisch, sondern sprechen lediglich die gleichen neuronalen Schalter an, die vor zehntausenden Jahren schon aktiv waren.

Gleichzeitig überlagert die Kultur diese Instinkte mit Regeln, Moralvorstellungen und Modeerscheinungen. In manchen Zeiten galt Fülle als Zeichen von Wohlstand und damit als attraktiv, in anderen Zeiten wurde extreme Schlankheit zum Ideal erklärt. Der biologische Kern bleibt jedoch erstaunlich stabil. Auch wenn der Mensch sich einbildet, über seinen Instinkten zu stehen, arbeitet im Hintergrund weiterhin die alte Mechanik der Evolution.

Ich erkläre das manchmal so: Wenn sich zwei Menschen auf einer Party begegnen, dann stehen dort nicht nur zwei moderne Individuen mit Smartphone und Netflix-Abo. In Wirklichkeit treffen sich auch zwei sehr alte Programme, die seit hunderttausenden von Jahren versuchen, ein einziges Ziel zu erreichen: die Weitergabe der eigenen Gene. Alles andere – Flirt, Romantik, Kerzenschein und Liebesgedichte – ist gewissermaßen nur die kulturelle Verpackung für einen Vorgang, der biologisch betrachtet erstaunlich schlicht ist.

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Ich verlinke dieses unerträgliche Video nicht, sondern zeige nur das Startbild. Hier werden Manuel Hagel und die CDU mit Epstein in einem Atemzug genannt. Wie dreckig und respektlos ist das denn?

Manuel Hagel und der Rehaugenskandal

Um den sogenannten „Rehaugenskandal“ sachlich einzuordnen, muss man zunächst verstehen, was Manuel Hagel tatsächlich gesagt hat – und in welchem Zusammenhang. Viele der drastischen Deutungen im Netz entfernen sich nämlich ziemlich weit von dem ursprünglichen Kontext.

Der Ursprung: ein Video aus dem Jahr 2018

Auslöser der Debatte war kein aktueller Wahlkampfauftritt, sondern ein acht Jahre alter Videomitschnitt aus dem Jahr 2018. Darin schilderte Manuel Hagel – damals Landtagsabgeordneter – in einem Interview eine Episode aus einem Schulbesuch. 

Hagel erzählte, dass er damals eine Klasse besucht habe, in der überwiegend Mädchen waren, und sagte dabei sinngemäß, dass es für einen jungen Abgeordneten durchaus angenehm sei, eine Klasse mit vielen Schülerinnen zu besuchen. In diesem Zusammenhang erwähnte er auch eine konkrete Schülerin, deren Frage ihm im Gedächtnis geblieben sei. Dabei beschrieb er sie mit den Worten:

„Sie hieß Eva. Braune Haare, rehbraune Augen.“ 

Außerdem fiel in dem Interview der Satz, dass es bei einem hohen Mädchenanteil in der Klasse „für einen 29-jährigen Abgeordneten schlimmere Termine“ gebe. 

Der Kontext war also ein Rückblick auf einen Schulbesuch und die Erinnerung an eine konkrete Situation, in der eine Schülerin eine Frage gestellt hatte.

Warum daraus ein Skandal wurde

Kurz vor der baden-württembergischen Landtagswahl 2026 wurde dieser alte Ausschnitt wieder verbreitet, unter anderem über soziale Medien. Dadurch entstand eine politische Debatte darüber, ob Hagels Beschreibung einer minderjährigen Schülerin unangemessen oder sexistisch gewesen sei. 

Kritiker warfen ihm vor, er habe das Aussehen der Schülerin unnötig betont, obwohl eigentlich ihre Frage im Mittelpunkt gestanden habe. Eine Grünen-Politikerin kommentierte etwa, es sei problematisch, dass bei der Schilderung einer Begegnung mit einer Minderjährigen deren äußeres Erscheinungsbild hervorgehoben werde. 

Andere Stimmen hielten die Aufregung dagegen für überzogen und verwiesen darauf, dass es sich um eine spontane, eher flapsige Bemerkung aus einem älteren Interview handle, die im Wahlkampf gezielt erneut verbreitet worden sei.

Der CDU-Politiker ist von vorlauten und inkompetenten Influencern, Kommentatoren und politischen Stimmen im Netz in die Nähe von Jeffrey Epstein gerückt worden. Manche besonders denkbefreite YouTube-Schwurbler sprachen es sogar aus, dass sie in den Äußerungen Hagels Epstein und seine kriminellen Handlungen wiedererkennen.

Was Hagel selbst dazu sagte

Manuel Hagel selbst reagierte später auf die Kritik und erklärte, dass ihm nicht bewusst gewesen sei, dass diese Bemerkung einmal solche Wellen schlagen könnte. Auch in seinem Umfeld wurde darauf hingewiesen, dass der Satz im Rückblick unglücklich formuliert gewesen sein könne, aber nicht in der Absicht gefallen sei, eine Schülerin herabzusetzen oder zu sexualisieren. 

Die Kontroverse blieb damit im Kern eine politische und kommunikative Debatte über Tonfall und Wirkung einer Formulierung, nicht über irgendeinen tatsächlichen Skandal im strafrechtlichen oder moralischen Sinn.

Wichtig für die Einordnung

Festhalten lässt sich deshalb:
Der sogenannte „Rehaugenskandal“ basiert auf einer kurzen Passage aus einem Interview von 2018, in dem Hagel bei der Beschreibung eines Schulbesuchs auch das Aussehen einer Schülerin erwähnte. Diese Passage wurde im Wahlkampf 2026 erneut verbreitet und löste eine Diskussion über Sexismus und politische Kommunikation aus.

Mit kriminellen Handlungen, sexuellen Übergriffen oder gar Strukturen wie im Fall Jeffrey Epstein hat die ursprüngliche Aussage nichts zu tun. Die Verbindung zu solchen Themen stammt ausschließlich aus Interpretationen und Zuspitzungen in sozialen Medien, nicht aus dem Inhalt der Aussage selbst.

Das biologische Hintergrundrauschen

Wir können die zuvor beschriebenen biologischen Grundlagen des menschlichen Verhaltens durchaus als eine Art Hintergrundrauschen verstehen, das bei fast allen sozialen Begegnungen mitläuft. Menschen nehmen einander wahr, sie scannen – meist völlig unbewusst – Gesichter, Körperhaltung, Stimme, Mimik. Innerhalb von Sekundenbruchteilen fällt im Gehirn eine Bewertung darüber, ob jemand sympathisch wirkt, vertrauenswürdig erscheint oder schlicht attraktiv ist. Dieser Vorgang läuft automatisch ab, ganz gleich, ob wir ihn gutheißen oder nicht.

Mehr als eine solche persönliche Einordnung vorzunehmen und uneleganterweise darüber zu reden, ist inhaltlich gar nicht passiert. Hagel hat weder eine anzügliche Bemerkung gemacht noch irgendeine Grenzüberschreitung geschildert. Er hat schlicht das getan, was Menschen seit jeher tun: Er hat wahrgenommen, dass ihm das Erscheinungsbild eines anderen Menschen positiv auffällt, und hat diese Wahrnehmung in einer Erinnerung erwähnt.

Die Dynamik dahinter, die in den letzten Tagen des Landtagswahlkampfs in Baden-Württemberg 2026 Fahrt aufnahm, ist typisch für eine Zeit, in der Wokeness und eine mitunter übersteigerte Antisex-Rhetorik dazu führen, dass jede noch so beiläufige Bemerkung unter moralischem Hochdruck analysiert wird. Ein kurzer Satz, der früher kaum jemandem aufgefallen wäre, wird heute seziert, aus dem Zusammenhang gelöst und mit Bedeutungen aufgeladen, die er nie hatte.

Dabei lohnt es sich, einen Schritt zurückzutreten und sich den ursprünglichen Vorgang nüchtern anzusehen. Manuel Hagel hat reagiert, wie ein durchschnittlicher junger Mann eben reagiert, der gerade der Pubertät entwachsen ist. Er hat sich daran erinnert, dass ihm das Aussehen einer Schülerin aufgefallen ist. Punkt. Mehr steckt in dieser Bemerkung nicht.

Er ist über seine zahlreichen Wahlkampftermine befragt worden, und hat erzählt, dass es auch ganz angenehme Termine gibt.
Ich bin selbst Kommunalpolitiker gewesen und weiß, wie man von Termin zu Termin gehetzt wird. Zu Terminen, die man sich oft genug nicht selbst ausgesucht hat. Und zu Terminen, auf die man entweder überhaupt keine Lust hat, oder die sogar sehr unangenehm sein können.

Und ich gebe heute, über 40 Jahre später zu, dass mir der Termin bei den jungen Landfrauen viel angenehmer war, als der bei den Stadtwerkern, die mich durch die nach Scheiße stinkende Kanalisation geführt haben.

Ich mag die Stadtwerker, ich mag die alten Leute im Altersheim, ich bin auch herzlich gerne ins Hospiz und zu den Bergarbeitern gegangen. Aber ich gebe unumwunden zu, dass die jungen Landfrauen mich als jungen Mann mehr angesprochen haben. So what? Und was jetzt? Was bitteschön ist daran so schlimm?

Niemals wäre ich doch auf die Idee gekommen, eine von den jungen Bäuerinnen anzugrapschen, verbal ausfällig zu werden oder mir irgendeinen sexuellen Kontakt auszumalen.
Männer finden nunmal attraktive junge Frauen reizvoller als alte Bergleute in Traditionsuniformen. Meine Fresse!

Wenn man ehrlich ist, kennt jeder Mensch diesen Moment. Wir nehmen andere Menschen wahr und bilden uns spontan eine Meinung darüber, ob uns ihr Erscheinungsbild anspricht oder nicht. Das geschieht automatisch, unbewusst und ohne jede Absicht. Männer tun das bei Frauen, Frauen tun es bei Männern, und natürlich beobachten Menschen auch andere Menschen desselben Geschlechts auf ähnliche Weise. Der Mechanismus ist schlicht Teil unserer biologischen Ausstattung.

Das bedeutet noch lange nicht, dass daraus irgendeine Handlung folgt. Wir leben im monogamistisch geprägten Abendland, und der überwältigende Teil der Menschen hat seine Triebe, seine Phantasien und sein Verhalten sehr gut unter Kontrolle. Zwischen dem flüchtigen Gedanken „Diese Person sieht gut aus“ oder „Ich finde Frauen attraktiver als Männer (oder umgekehrt)“ und irgendeinem realen Verhalten liegen Welten.

Im konkreten Fall sagt Hagels Aussage im Grunde nichts weiter aus, als dass ihm offenbar braune Haare und rehbraune Augen gefallen. Mehr kann man daraus schlicht nicht ableiten. Alles andere – die Empörung, die moralischen Anklagen und die grotesken Vergleiche mit realen Verbrechen – entsteht erst in der nachträglichen Interpretation.

Und vielleicht zeigt dieser kleine Skandal vor allem eines: Wie weit sich manche Debatten inzwischen von der einfachen Erkenntnis entfernt haben, dass Menschen eben Menschen sind – mit Instinkten, Wahrnehmungen und spontanen Eindrücken, die sich nicht abschalten lassen und die für sich genommen noch lange keinen moralischen Skandal darstellen.

Me-Too ist richtig und wichtig

Ich finde an Manuel Hagels Aussage nichts, aber auch gar nichts Verwerfliches. Es mag sein, dass sich die Zeiten verändert haben und dass sich auch die Sensibilität vieler Menschen gegenüber bestimmten Äußerungen im Zuge der lautstark geführten Me-Too-Debatte verschoben hat. Und das ist grundsätzlich eine gute Entwicklung. Es ist richtig, dass es heute klarere Grenzen gibt als früher.

Das an den Po- oder ans-Knie-Greifen, das früher in manchen Büros und Betrieben als eine Art grober „Umgangston“ geduldet wurde, gehört hoffentlich endgültig der Vergangenheit an. Anzügliche Bemerkungen von Chefs gegenüber weiblichen Angestellten sollten ebenfalls Geschichte sein.

Ich habe noch Zeiten erlebt, in denen solche Dinge tatsächlich vorkamen. Ich erinnere mich daran, wie der Redaktionsleiter einer großen deutschen Tageszeitung zu einer jungen Pressefotografin, die ein Foto hinten noch mit ihrem Namen abstempeln wollte, sagte: „Dir möchte ich mal gerne meinen Stempel irgendwohin drücken!“

Ich habe miterlebt, wie weibliche Küchenhilfen von Köchen in einer Großküche in die Kühlräume gedrängt und dort belästigt wurden. Und ich habe gesehen, wie ein junges Lehrmädchen gemobbt und fertiggemacht wurde, weil sie sich dem Büroleiter nicht „hingeben“ wollte.

Das sind Situationen, bei denen man gar nicht lange diskutieren muss. Das ist übergriffig. Das ist falsch. Und das ist ungerecht. In solchen Fällen habe ich den Mund aufgemacht und Stellung bezogen, weil man bei so etwas schlicht nicht schweigen darf.

Aber dass ein Politiker sagt, er habe einen Termin als angenehm empfunden, weil er dort überwiegend Frauen gegenübersaß, und dass ihm eine braunhaarige junge Frau mit Rehaugen positiv aufgefallen ist – meine Fresse, das ist nun wirklich meilenweit von jeder Form sexueller Übergriffigkeit entfernt.

Man kann natürlich einwenden, dass Politiker und überhaupt Menschen im Licht der Öffentlichkeit besonders sorgfältig mit ihren Worten umgehen sollten. Wer eine Vorbild- oder Leitungsfunktion innehat, steht nun einmal stärker unter Beobachtung als andere. Das stimmt, und daran führt auch kein Weg vorbei.

Woke Empörung zum Selbstschutz

Was mich an dieser ganzen Affäre persönlich am meisten nervt, ist eine andere Beobachtung. Es sind nicht nur die lautstarken Kommentatoren im Netz oder die erwähnten YouTube-SchwurblerInnen, die aus einer banalen Bemerkung ein moralisches Drama formen. Es sind auch Politiker und öffentliche Stimmen aus dem eigenen politischen Lager, die sich reflexhaft distanzieren und den moralischen Zeigefinger heben.

Wenn dann etwa ein Thomas Strobl öffentlich erklärt, solche Aussagen seien problematisch oder unangemessen, fällt es mir schwer, das wirklich als tief empfundene moralische Empörung zu lesen. Ich kann mir schlicht nicht vorstellen, dass ein Mann seiner Generation – oder viele andere in vergleichbaren Positionen – im Grunde genommen tatsächlich etwas fundamental Anstößiges in der ursprünglichen Aussage Manuel Hagels sehen.

Natürlich kann ich mich irren. Aber mein Eindruck ist ein anderer: Viele wissen sehr genau, dass es sich um eine relativ harmlose, vielleicht etwas flapsige Bemerkung handelt. Eine Bemerkung, wie sie in einem lockeren Gespräch vermutlich hundertfach am Tag fällt, ohne dass jemand auch nur eine Augenbraue hebt.

Doch in der heutigen politischen Kommunikationslandschaft funktioniert das nicht mehr so. Wer im Licht der Öffentlichkeit steht, muss ständig damit rechnen, dass einzelne Sätze aus dem Zusammenhang gerissen und durch die sozialen Medien gejagt werden. Und wenn dann erst einmal eine moralische Empörungswelle anrollt, entsteht ein enormer Druck, sich möglichst schnell davon zu distanzieren.

Man muss dann, so scheint es, sofort und deutlich in das Horn der Meinungsaufpasser blasen. Nicht unbedingt, weil man innerlich empört wäre, sondern weil man vermeiden möchte, selbst ins Fadenkreuz zu geraten. Denn wer nicht laut genug mitverurteilt, läuft Gefahr, selbst zum Teil des Problems erklärt zu werden.

Diese Dynamik hat etwas Paradoxes. Sie führt dazu, dass öffentliche Debatten immer weniger von ehrlichen Einschätzungen geprägt sind und immer stärker von ritualisierten Distanzierungen. Jeder weiß im Grunde, dass die ursprüngliche Bemerkung nicht der große Skandal ist, als der sie dargestellt wird. Aber niemand möchte derjenige sein, der das laut ausspricht und damit Gefahr läuft, selbst zum nächsten Ziel der Empörungsmaschinerie zu werden.

So entsteht ein Klima, in dem nicht mehr entscheidend ist, was jemand tatsächlich gesagt hat, sondern wie schnell und wie demonstrativ andere darauf reagieren. Und am Ende bleibt dann der Eindruck zurück, dass eine Gesellschaft, die eigentlich gelernt hat, echte Übergriffigkeit klar zu benennen, gleichzeitig Gefahr läuft, zwischen ernsthaften Problemen und harmlosen Bemerkungen nicht mehr sauber zu unterscheiden.

Aufpassen!

Ich habe neulich aus dem Wohnzimmerfenster geschaut und die Menschen beobachtet, die durch unsere Straße laufen. Einfach so zum Zeitvertreib und um ein paar Atemzüge frische Luft zu kriegen. Dann kam ein kleines Mädchen. Vielleicht 12 bis 14 Jahre alt. Das Kind hatte afrikanische Wurzeln und trug ein typisch afrikanisches Kleid. Ganz bunt und sehr schön. Auf dem Kopf trug das Mädchen ein zu einer Art Turban gewickeltes Tuch aus dem gleichen Stoff.
Das gesamte Erscheinungsbild des Mädchens war wunderschön und sehr interessant.
Dann schaute das Kind herum und entdeckte mich am Fenster. Ich lächelte und winkte und sagte: „Du siehst aber sehr schön aus.“ Das Mädchen hat sich gefreut und „Dankeschön“ gesagt.
Hinterher kam mir in den Kopf, dass irgendwelche bösmeinenden Beobachter der Szene das auch missinterpretieren könnten. Wo sind wir gelandet?

Darum geht es

Mir geht es in dieser ganzen Angelegenheit übrigens ausdrücklich nicht um die Grünen-Bundestagsabgeordnete, die den alten Clip aus dem Jahr 2018 wieder in Umlauf gebracht hat. Es geht mir weder um ihre Person noch um ihre Motive. Auch die Frage, ob dahinter eine gezielte Aktion zur politischen Diskreditierung eines Gegners steckt, interessiert mich an dieser Stelle nur am Rande. Das ist ein eigenes Thema, über das man sicher ebenfalls diskutieren könnte.

Mir geht es um etwas Grundsätzlicheres.

Nämlich um die Frage, ob wir als Gesellschaft noch in der Lage sind, zwischen unterschiedlichen Kategorien von Verhalten zu unterscheiden. Zwischen dem, was vielleicht unbedacht, ungeschickt oder leichtfertig formuliert ist – und dem, was tatsächlich schlimm, verwerflich oder moralisch zu verurteilen ist.

Diese Unterscheidung scheint mir in vielen öffentlichen Debatten zunehmend verloren zu gehen.

Nicht jede unüberlegte Bemerkung ist eine Grenzüberschreitung. Nicht jeder flapsige Satz ist ein moralischer Skandal. Und nicht jede Beobachtung über das Aussehen eines Menschen ist automatisch Ausdruck von Sexismus oder gar von übergriffigem Verhalten.

Mir geht es schlicht um den gesunden Menschenverstand.

Darum, wie normale Menschen miteinander reden, wie sie einander wahrnehmen und wie sie über andere urteilen. Im Alltag beobachten wir einander, wir registrieren Erscheinungsbilder, wir finden manche Menschen sympathisch oder attraktiv und andere weniger. Das gehört zum sozialen Miteinander, und es geschieht meist ganz ohne Hintergedanken.

Wenn wir beginnen, jede solche Wahrnehmung sofort unter den Verdacht moralischer Verfehlung zu stellen, verlieren wir ein wichtiges Maß: die Fähigkeit, Dinge einzuordnen.

Und genau diese Fähigkeit zum Einordnen – zum nüchternen Abwägen zwischen Ungeschicklichkeit und wirklicher Verfehlung – scheint mir im aktuellen Empörungsbetrieb manchmal schmerzlich zu fehlen.

Bildquellen:

  • rehaugen_800x500: Peter Wilhelm KI
  • Bildschirmfoto-2026-03-14-um-05.35.00_800x500: YouTube

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(©si)