Spott + Hohn und Politik

Das psychologische Paradoxon der „großen Brüder“

Zerrissen 800x500

Im Westen Deutschlands ist die Enttäuschung über die Vereinigten Staaten in den vergangenen Jahren spürbar gewachsen. Viele Menschen empfinden Irritation, ja bisweilen sogar eine Art Vertrauensbruch. Jahrzehntelang galt die USA als Schutzmacht, als Stabilitätsanker, als Garant für Sicherheit, Freiheit und Demokratie.

Enttäuschung über die USA im Westen

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Westen politisch, kulturell und militärisch in ein transatlantisches Bündnissystem eingebettet, das nicht nur strategisch, sondern auch emotional wirkte. Amerika war mehr als ein Partner – es war ein Bezugspunkt. Popkultur, Wirtschaftskraft, NATO, Marshallplan – all das wurde zum Fundament eines positiven Selbstbildes.

Werbung

Vor diesem Hintergrund trifft jede wahrgenommene Abkehr von demokratischen Idealen oder multilateralen Verpflichtungen im Westen besonders empfindlich. Es ist nicht nur politische Kritik, es ist eine Art biografische Erschütterung. Das Selbstverständnis vieler Menschen beruhte darauf, dass der „große Bruder“ jenseits des Atlantiks im Zweifel für Stabilität sorgt.

Russland als „Großer Bruder“

Was dabei häufig übersehen wird, ist eine historische Spiegelung. Auch die Menschen in den sogenannten neuen Bundesländern wuchsen mit einem „großen Bruder“ auf. Nur war dieser nicht Washington, sondern Moskau. Die Sowjetunion wurde in der DDR nicht nur als militärische Schutzmacht dargestellt, sondern als ideologischer Leitstern, als Befreier vom Faschismus, als Garant für Frieden und soziale Gerechtigkeit. Über Jahrzehnte hinweg war diese Erzählung Bestandteil von Schulunterricht, Medien, politischer Bildung und öffentlicher Symbolik.

Natürlich wissen viele Ostdeutsche sehr genau, wie restriktiv das System war und welche Realitäten jenseits der offiziellen Propaganda existierten. Aber politische Sozialisation wirkt langfristig. Wer über Jahrzehnte in einem bestimmten außenpolitischen Deutungsrahmen aufgewachsen ist, entwickelt kulturelle Prägungen, selbst wenn er später kritischer wird. Der Westen neigt dazu, diese Prägung zu unterschätzen oder als überwunden zu betrachten. Doch kollektive Erfahrungen verschwinden nicht einfach mit einem Systemwechsel.

Das Paradoxon

Das führt zu einem bemerkenswerten Paradoxon. Während im Westen ein gewisser moralischer Anspruch gegenüber den USA formuliert wird, weil man von ihnen demokratische Vorbildfunktion erwartet, wird gleichzeitig häufig irritiert reagiert, wenn in Teilen Ostdeutschlands eine historisch gewachsene Skepsis gegenüber dem Westen und eine ambivalente, teilweise sogar wohlwollende Haltung gegenüber Russland sichtbar wird. Die einen erleben eine Enttäuschung über ihren traditionellen Schutzpartner, die anderen bewahren – bewusst oder unbewusst – Erinnerungen an ihren einstigen Schutzrahmen.

Das bedeutet keineswegs, dass Ostdeutsche pauschal „pro-russisch“ wären oder Westdeutsche unkritisch gegenüber Amerika. Solche Verkürzungen wären falsch. Aber es erklärt, warum sicherheitspolitische Debatten, NATO-Fragen oder Russlandpolitik in Ost und West bisweilen unterschiedlich emotional aufgeladen sind. Beide Teile Deutschlands haben historische Bindungserfahrungen mit Großmächten gemacht, die als Schutz und Orientierung präsentiert wurden.

Die psychologische Herausforderung liegt darin, diese unterschiedlichen Prägungen anzuerkennen, ohne sie politisch zu romantisieren. Wer nur die eigene Enttäuschung über den transatlantischen Partner reflektiert, übersieht womöglich, dass andere Landesteile ebenfalls mit historischen Loyalitätsmustern ringen. Demokratie verlangt jedoch, politische Entscheidungen nicht aus nostalgischer Bindung an frühere „Brüder“, sondern aus nüchterner Gegenwartsanalyse zu treffen.

Gerade in Zeiten geopolitischer Spannungen zeigt sich, wie tief solche Prägungen wirken können. Sie erklären nicht alles, aber sie helfen zu verstehen, warum politische Debatten in Deutschland manchmal weniger rational verlaufen, als man es erwarten würde.

Das Dilemma

Hinzu kommt ein weiterer psychologischer Faktor, der selten offen benannt wird. Nach der deutschen Wiedervereinigung dominierte im politischen und medialen Diskurs weitgehend die westdeutsche Perspektive. Der Westen verstand sich – nicht ganz zu Unrecht – als Sieger des Systemkonflikts. Demokratie, Marktwirtschaft, Rechtsstaatlichkeit hatten sich durchgesetzt. Dieses Selbstverständnis war stark und prägend.

Für viele Ostdeutsche bedeutete das jedoch auch, dass ihre eigene Sozialisation implizit als unterlegen, falsch oder historisch gescheitert markiert wurde. Die offizielle Erzählung lautete: Das westliche Modell hat gewonnen, das östliche ist gescheitert. Wer in diesem Klima öffentlich Sympathien oder auch nur ein differenziertes Verständnis für Russland äußerte, lief Gefahr, schnell in eine Ecke gestellt zu werden – als nostalgisch, unaufgearbeitet oder politisch naiv.

In einem solchen Umfeld entwickeln sich häufig verdeckte Loyalitätsmuster. Nicht aus bewusster politischer Strategie, sondern aus sozialem Anpassungsdruck. Viele Menschen haben über Jahre hinweg bestimmte Neigungen oder kulturelle Prägungen nicht offen artikuliert, weil sie wussten, dass diese gesellschaftlich kaum akzeptiert waren. Was nicht sagbar ist, verschwindet jedoch nicht automatisch – es verlagert sich ins Private, ins Unausgesprochene.

Gerade deshalb wirkt die gegenwärtige geopolitische Verschiebung für manche Beobachter irritierend. Während Teile Westdeutschlands nun erleben, dass sich die Vereinigten Staaten – zumindest unter bestimmten politischen Konstellationen – weniger verlässlich, weniger berechenbar oder weniger wertegebunden präsentieren, entsteht eine neue Unsicherheit. Der einstige moralische Fixpunkt gerät ins Wanken. Die Enttäuschung speist sich aus einem impliziten Erwartungsanspruch: Der eigene „große Bruder“ sollte stabil bleiben.

Das Dilemma besteht darin, dass nun beide historischen Bezugssysteme – das amerikanische im Westen und das sowjetisch-russische im Osten – an Selbstverständlichkeit verlieren. Die einen erleben eine Irritation ihres transatlantischen Vertrauens, die anderen sehen ihre lange unterdrückten oder zumindest zurückgehaltenen Orientierungen plötzlich im öffentlichen Diskurs wieder stärker thematisiert. Diese Gleichzeitigkeit verstärkt die Spannungen.

Gerade deshalb ist es wichtig, die unterschiedlichen historischen Prägungen nicht gegeneinander auszuspielen, sondern als Teil der deutschen Gesamtbiografie zu begreifen. Politische Urteile sollten sich nicht aus nostalgischen Loyalitäten speisen – weder in die eine noch in die andere Richtung –, sondern aus einer nüchternen Bewertung aktueller politischer Entwicklungen.

Die Versuchung der „offenen Hand“ – und ihre Risiken

Am politischen Rand, sowohl links als auch rechts, ist seit einigen Jahren ein Narrativ zu beobachten, das sich erstaunlich ähnelt: Man müsse „nach allen Seiten offen“ sein. Man dürfe Russland nicht ausgrenzen. Man müsse Moskau die Hand reichen, statt auf Konfrontation zu setzen. Dialog statt Sanktionen, Verständigung statt Abschreckung.

Auf den ersten Blick klingt das moderat und versöhnlich. Wer könnte schon gegen Dialog sein? Wer wünscht sich nicht Frieden?

Doch dieses Argument blendet einen zentralen Fakt aus: Russland hat mit dem Angriff auf die Ukraine einen völkerrechtswidrigen Krieg begonnen. Ein souveräner Staat wurde überfallen, Gebiete wurden annektiert, hunderttausende Menschen sind gestorben oder geflohen. Dieser Krieg dauert inzwischen mehrere Jahre an und hat die europäische Sicherheitsordnung grundlegend erschüttert.

Wer in dieser Situation von „Freundschaft“ oder „normalisierten Beziehungen“ spricht, verschiebt den Fokus. Nicht der Angegriffene steht im Zentrum, sondern der Aggressor wird als missverstandener Partner inszeniert. Die moralische Achse gerät ins Rutschen.

Hinzu kommt ein weiterer Faktor, der die Debatte erheblich beeinflusst: Informationspolitik im digitalen Raum. Es ist inzwischen gut dokumentiert, dass russische staatliche und staatsnahe Akteure gezielt soziale Medien nutzen, um Narrative zu verstärken, Zweifel zu säen und gesellschaftliche Spaltungen zu vertiefen. Das geschieht nicht immer plump oder offensichtlich. Viel häufiger werden bestehende Frustrationen, historische Bindungen oder geopolitische Unsicherheiten aufgegriffen und emotional aufgeladen.

Gerade in einem Land wie Deutschland, das historisch zwischen Ost und West steht und unterschiedliche Sozialisationserfahrungen in sich trägt, fallen solche Botschaften auf fruchtbaren Boden. Wer ohnehin enttäuscht von den USA ist oder sich von der Bundesregierung nicht ausreichend vertreten fühlt, ist empfänglicher für Erzählungen, die eine vermeintlich ausgewogene, „unabhängige“ Position zwischen den Blöcken versprechen.

Hier entsteht eine neue Wahlmotivation, die weniger ideologisch, sondern stark emotional gespeist ist. Manche Westdeutsche reagieren auf die veränderte Rolle der USA mit dem Wunsch nach Distanz zum transatlantischen Bündnis. Manche Ostdeutsche empfinden eine dauerhafte Kritik an Russland als ungerecht oder einseitig. In beiden Fällen kann sich daraus die Tendenz entwickeln, Parteien zu wählen, die eine Annäherung an Moskau propagieren – sei es aus Protest, aus Identitätsgründen oder aus geopolitischer Skepsis.

Die Gefahr liegt nicht allein in einzelnen programmatischen Forderungen. Sie liegt in der Verschiebung des strategischen Koordinatensystems. Deutschland ist wirtschaftlich, sicherheitspolitisch und institutionell tief in europäische und transatlantische Strukturen eingebunden. Eine politische Bewegung, die diese Einbindung relativiert oder infrage stellt, verändert nicht nur Rhetorik, sondern langfristige Sicherheitsarchitektur.

Offenheit für Dialog ist ein legitimes politisches Ziel. Aber Dialog setzt Gegenseitigkeit voraus. Wer ein Land, das aktiv Krieg führt und internationale Vereinbarungen bricht, ohne klare Bedingungen wieder als normalen Partner behandelt, riskiert eine Erosion eigener Prinzipien.

Gerade deshalb sollten Wahlentscheidungen nicht aus einem diffusen Gefühl der Ausgleichssehnsucht oder geopolitischen Kränkung heraus getroffen werden. Sie betreffen nicht nur symbolische Haltungen, sondern konkrete außen- und sicherheitspolitische Weichenstellungen.

Bildquellen:

  • zerrissen_800x500: Peter Wilhelm KI

Lesezeit ca.: 10 Minuten | Tippfehler melden


Lesen Sie doch auch:


(©si)