#2#
Der Baum

Der Baum

Sag mal, hörst du das?“, fragt die Allerliebste.

In solchen Fällen sage ich vorsichtshalber immer: „hmmm“.

„Das ist doch unheimlich, oder?“

Ich mache wieder „hmmm“ und tippe weiter.

„Hörst du mir überhaupt zu?“

„Ja doch!“

„Was könnte das denn sein?“

Wenn ich jetzt zurückfrage ‚Was denn?‘, würde ich ja zugeben, dass ich ihr nicht zugehört habe, dass mein ‚welche Schuhe soll ich anziehen?‘-Durchzugskanal auf Durchzug geschaltet war. So ist es besser, dass ich nur irgendetwas ganz unverständliches murmele. Das muss aber klingen, wie ein Wort mit mehreren Silben, sonst merkt die das!

Gott-sei-Dank, sie merkt es diesmal nicht und sagt: „Das ist ein regelrecht gefährliches Geräusch.“

Bei dem Wort ‚gefährlich‘ merke ich auf. Was ist da gefährlich? Vorsichtig erkundige ich mich:
„Ja, das klingt gefährlich, was meinst du, was das sein könnte?“

„Das wollte ich eigentlich von dir wissen.“

„Ich weiss es auch nicht, was meinst du?“

In diesem Moment höre ich es auch. Von draußen tönt ein lautes Knarren und Krachen an meine Ohren. ‚Gefahr für die Höhle‘, meldet der Teil meines Gehirns, der noch aus der Steinzeit übrig ist und ich gehe auf den Balkon.

Es scheint von den Bäumen herzurühren, die am Rande unseres Grundstücks stehen. Von dort kommt ein unglaublich lautes Knarren. Und eben auf dieses Knarren konzentriere ich mich, als meine kleine ungarische Steppenläuferin leichtfüßiger als sonst hinter mich tritt und mir, um das Knarren zu übertönen, plötzlich ins Ohr ruft: „Unheimlich, oder?“

Mir fährt der Schreck in die Knochen und ich zucke zusammen.

„Siehste“, sagt sie, „jetzt erschrickt es dich auch.“

„Das warst du!“

„Ich habe doch nicht geknarrt, das sind die Bäume!“

In diesem Moment kracht und knarrt es wieder und während ich noch mit den Augen suche, welcher der vielen Bäume da knarrt und kracht, höre ich ein wirklich unheimliches Geräusch. Zuerst klingt es so, als ob ein Zug in einen Tunnel einfährt, so ein gleichmäßiges, langgezogenes Grollen. Dann folgt ein Knarren, als wenn ein Riese ein gigantisches Tor aufschiebt, das schon lange nicht mehr geölt wurde. Was folgt, ist ein explosionsartiger Knall und der mittlere von allen Bäumen, eine 25 Meter hohe Pappel, bricht in der Mitte auseinander.
Obwohl der Knall klang, wie von einer Kanone abgefeuert, geschieht das, was folgt, wie in Zeitlupe. Die Krone neigt sich mit einem über 10 Meter langen Stück des Stammes zur Seite.

Die Allerliebste kräht: „Der fällt uns auf den Kopf!“

Mit der Überlegenheit eines Dreibeins nehme ich sie in den Arm, um ihr das Gefühl des Geborgenseins zu vermitteln und meinen männlichen Schutz auf sie einwirken zu lassen. Statt sich nun an mich zu schmiegen, schüttel sie mich ab und ruft:
„Du brauchst dich jetzt gar nicht ängstlich an mich zu drücken!“

Währenddessen hat der umsinkende Baum die Kronen der neben ihm stehenden Bäume gestreift, bleibt mal hier, mal dort hängen und schließlich tönt ein Knacken an unsere Ohren, das anzeigt, dass er sich jetzt richtig im Wipfel eines kleineren, benachbarten Baumes verhakt hat.

Da hängt er nun direkt über den Parkplätzen neben unserem Haus, unter ihm das Auto von Frau Muschelknautz vom zweiten Stock. Ich schiebe die Allerliebste beiseite und rufe vom Wohnzimmer eben bei Frau Muschelknautz an.

„Hallo Frau Muschelknautz? Hier ist Wilhelm, ich wohne unter ihnen. Ich muss ihnen was sagen…“

„Wer ist da?“

„Wilhelm!“

„Nein, da sind sie falsch verbunden, hier ist Muschelknautz.“

„Das weiß ich, ich wohne doch unter ihnen.“

„Nein, ich habe keinen Untermieter, das wüßte ich doch!“

„Hören Sie, da draußen ist ein Baum abgebrochen und sie sollten Ihr Auto besser wegfahren.“

„Wer ist über den Zaun gekrochen?“

Ich lege einfach auf und gehe selbst nach oben. Durch die Wohnungstür höre ich, wie Frau Muschelknautz offenbar immer noch in ihren Telefonhörer kräht:

„Soll das ein obszöner Anruf sein? Melden Sie sich gefälligst! Unverschämtheit, eine alte Frau so zu ärgern. Sie sollten sich schämen, Sie Wüstling, Sie Lüstling!“

Ich klingele schon zum dritten Mal und endlich macht sie mir die Tür auf.

„Ach Sie sind es, Herr Wilhelm.“

„Frau Muschelknautz, draußen ist eine Pappel zersplittert…“

„Was ist mit Pappe vergittert? Sie müssen etwas lauter sprechen.“

Ich strenge mich an und spreche so laut ich kann:

„Auto! Baum! Kaputt!“

Das wirkt! Die Alte greift sich ihren Schlüsselbund und entwickelt eine, für ihr Alter erstaunliche, Geschwindigkeit. Durch mein Rufen habe ich aber auch die ganzen anderen Rentner in unserem Haus von ihren Vormittags-Talkshows weggerufen. Das Treppenhaus füllt sich und ich höre, wie Frau Kleiberle von unten zu Frau Muschelknautz sagt: „Hat der Ihnen was getan?“
Herr Ofenloch hat vorsichthalber einen kleinen schwarzen Knirps-Regenschirm in der Hand, mit dem er sich drohend in die andere Handfläche schlägt. Seine Augen funkeln gefährlich und ich weiß, dass das ein schlechtes Zeichen ist. Die Eingeborenen hier sind durch zahlreiche Raufereien bei den mehrmals jährlich stattfindenden Gockel-, Fischer-, Wein- und Kirchweihfesten besonders im Raufen und Prügeln geschult. Da helfen mir im Zweifelsfall meine fast zwei Meter Körpergröße und nahezu zwei Zentner Lebendgewicht auch nur bedingt weiter.

Die Lage entspannt sich erst, als ich die etwa zwölfköpfige Eingeborenenabordnung davon überzeugen kann, dass ich keinesfalls die Absicht hegte, die beinahe 80-jährige und ebenso schwerhörige, wie schwergewichtige Frau Muschelknautz zu meiner Sexgespielin zu machen.
Herr Worschtesupp vom Nebenhaus ruft von unten hoch: „Do is’n Boom gebroche!“

Die Lynchtruppe verliert schlagartig das Interesse an mir und man stiefelt geschlossen nach unten, um Frau Muschelknautz beim Umparken zuzuschauen. Nun ist Frau Muschelknautz eine typische Vertreterin sowohl ihres Geschlechts, als auch ihrer Altersklasse und fährt entsprechend. Etwa 18 mal muss sie vor- und zurücksetzen, bis sie ihr Auto endlich aus der Gefahrenzone manövriert hat.

Ich schaue mir das Ganze von meinem Balkon an und insgeheim steigt in mir der Wunsch auf, der Baum könne sich jetzt und in diesem Moment schlagartig von seiner vorübergehenden Ruhestellung in der Nachbarkrone befreien und die gesamte versammelte Nachbarschaft zermalmen.

Während ich da so stehe und in meinen Träumen schwelge, kommt die Allerliebste mit dem Telefon am Ohr auf den Balkon und ich höre, wie sie mit der Feuerwehr telefoniert.
Sie schildert die Gefahrensituation und vergisst auch nicht am Ende zu sagen: „Und noch eins, wir bezahlen den Einsatz nicht, wir melden das bloß!“

Gutes Mädchen! Man weiß ja nie.

Zu mir gewandt sagt sie: „Wir können ja froh sein, dass unser Auto da ganz hinten am Ende der Straße steht, da kann ihm nichts passieren.“

Wenig später höre ich Martinshörner, nicht eins, sondern viele, sehr viele. Die freiwillige Feuerwehr ist ausgerückt, um unserem gefährlichen Baum zuleibe zu rücken. Das erste Feuerwehrauto biegt in unsere Straße ein, es ist ein großer Rüstwagen. Dann kommt der zweite Wagen, ein großer Löschzug. Ihm folgen der VW-Bus des Kommandanten, der rote Jeep des stellvertretenden Kommandanten und noch ein großer Rüstwagen.
Sie alle fahren direkt bis an an Baum vor und nach kurzer Zeit tummeln sich da unten 14 Feuerwehrmänner. Die Dialoge kann ich nicht wiedergeben, die eingeborenen Freiwilligen sind unter sich und ihr Kauderwelsch klingt für mich dann immer wie „Haschu, Muschu, Kannschu“.

Auf jeden Fall scheinen sie zu beschließen, dass man zum Absägen eines gefährlich in 12 Meter Höhe querhängenden Baumes wohl am Allerbesten eine Leiter nimmt. Zwar haben sie oben auf den Rüstwagen jeweils gleich mehrere davon, aber es wäre doch viel zu schade, würde man bei einem derartigen Großeinsatz nicht die schöne neue große Drehleiter herbeirufen.
Das meinen auch die Umstehenden. Die Menge der Gaffer ist inzwischen auf über Hundert angewachsen und ich nehme an, dass Richterin Salesch an diesem Mittag eine Einschaltquote von unter 0 Prozent zu verzeichnen hat.

Vor allem die älteren Männer wissen alle ganz genau, wie man dem Baum am Besten beikommen könnte und ich höre Wörter wie „Wegsprengen“, „Runnerziehen“, „nach hinne drücke“. Jeder weiß was und jeder weiß es besser. Darüber geraten einige der Rentner in Streit und es droht in einen bürgerkriegsähnlichen Zustand umzuschlagen. Gerade bevor sie sich mit Mistgabeln und Dreschflegeln bewaffnen können, hört man aber das durchdringende Martinshorn der großen Drehleiter.

Majestätisch biegt das große Fahrzeug in unsere Straße. Ja, so muss eine schöne, neue, große Drehleiter aussehen, die auch von meinen Steuergeldern bezahlt worden ist!
Langsam nähert sie sich dem Ort des Geschehens. Zu viel Eile wäre auch unangebracht, denn dann bestünde die Gefahr das einige der auf die Straße springenden Rentner überfahren würden.
Sie wollen dem Fahrer sagen, wo er genau hinfahren muss und vermutlich noch ganz genau erklären, in welchem Winkel und auf welche Höhe er die Leiter ausfahren muss.

Dadurch wird der Fahrer etwas abgelenkt und es kommt, wie es kommen muss, er streift mit seinem niegelnagelneuen Drehleiterauto ausgerechnet meinen VW-Bus und reißt den Außenspiegel ab.

„Scheiße!“, denke ich.

Das Folgende geschieht recht zügig. Die Wehrmänner fahren die Leiter aus und einer klettert mit einer Kettensäge hinauf. Glücklicherweise hat er solche Gehörschutzkopfhörer auf, weshalb er die gebrüllten Anweisungen der Rentner nicht hören kann. Mal rufen sie ‚links‘, mal ‚rechts‘, mal ’nuff‘, mal ’nunner‘. Doch er bekommt davon nichts mit und ruckzuck hat er den Baum fachmännisch mit der Kettensäge zerteilt und die Stücke donnern auf den mittlerweile abgesperrten Parkplatz.
Keiner der Rentner wird erschlagen, schade!

Nach und nach rücken die roten Wagen wieder ab und die Rentner verlieren ihr Interesse an jeglicher Form von Bürgerkrieg und Feuerwehreinsatz. Drinnen fängt ja auch bald Richter Hold an und es wird langsam Zeit.

Was bleibt ist mein abgerissener Außenspiegel.

Das Fazit: Hätte die Allerliebste die Feuerwehr nicht gerufen, wäre ein Dutzend nerviger Alter erschlagen, zermalmt und zerquetscht worden, mein Auto wäre heilgeblieben und wir hätten einen ganzen Nachmittag Spaß haben können.

Wer ist also mal wieder Schuld?

So, jetzt muss ich mal mit der Gemeinde telefonieren, wer mir meinen Spiegel ersetzt.

© 25.10.2006

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Peter Wilhelm, ist Autor zahlreicher Bestseller. Der Psychologe und Dozent arbeitet als Publizist und ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift.
Er ist Autor zahlreicher Satiren, Glossen und Kolumnen und Sachverständiger und Fernsehexperte. Er schreibt im Dreibeinblog über die hauptsächlichsten Nebensächlichkeiten dieser Welt und testet Produkte, Service und Angebote.
Sie erreichen ihn über das Kontaktformular oder direkt unter peter@europa-host.de


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