Der Mönch Berthold Schwarz hat das Schwarzpulver erfunden, deshalb heißt es ja auch so, oder? Es gibt diese schönen Geschichten, die man schon als Kind hört und die sich irgendwie festsetzen. Eine davon ist die vom Mönch Bertold Schwarz, der angeblich im Mittelalter das Schwarzpulver erfunden hat. Ein frommer Mann, ein bisschen Alchemie, ein bisschen Zufall – und zack: Boom, Kanonen, Geschichte geschrieben.
So einfach ist es leider nicht. Oder besser gesagt: So schön einfach ist es leider nicht.
Die berühmte Legende
Die Geschichte geht ungefähr so: Ein Mönch – mal Franziskaner, mal Benediktiner, je nach Quelle – experimentiert in seinem Kloster mit allerlei Stoffen herum. Salpeter, Schwefel, Holzkohle. Dinge, mit denen sich damals viele Alchemisten beschäftigten.
Er zerstampft das Gemisch in einem Mörser, stellt alles auf den Ofen, verlässt den Raum – und kurz darauf: eine gewaltige Explosion. Der Stößel wird mit solcher Wucht in die Decke geschleudert, dass er dort stecken bleibt.
Nicht einmal durch das Berühren mit einer Reliquie der hl. Barbara konnte der Stößel gelöst werden.
Die umstehenden Brüder sind beeindruckt, vielleicht auch etwas erschrocken – und die Menschheit hat angeblich das Schwarzpulver entdeckt.
Aus dem Mörser wird später die Kanone, (deshalb heißen manche Kanonen auch Mörser) und die heilige Barbara wird zur Schutzpatronin der Artilleristen. Fertig ist die perfekte Erfindergeschichte.
Das Problem: Den Mann hat es wahrscheinlich nie gegeben
So schön diese Geschichte ist – sie gehört höchstwahrscheinlich ins Reich der Legenden. Historiker sind sich heute weitgehend einig: Bertold Schwarz ist vermutlich eine erfundene Figur.
Er taucht erst in späteren Quellen auf, vor allem in Handschriften des 15. Jahrhunderts. Mal ist er Mönch, mal Gelehrter, mal Alchemist, mal sogar Grieche. Das allein ist schon ein deutlicher Hinweis darauf, dass hier eher eine Geschichte gewachsen ist als eine echte Biografie überliefert wurde.
Mit anderen Worten: Je mehr Varianten es gibt, desto unwahrscheinlicher ist es, dass es sich um eine reale Person handelt.
Schwarzpulver gab es schon viel früher
Noch deutlicher wird die Sache, wenn man sich die tatsächliche Geschichte des Schwarzpulvers anschaut.
Die grundlegenden Bestandteile – Salpeter, Schwefel und Holzkohle – waren schon lange vor dem angeblichen Bertold Schwarz bekannt. Bereits im 13. Jahrhundert gibt es sichere Hinweise auf Schießpulver in Europa, etwa bei dem Gelehrten Roger Bacon.
Und noch früher? In China war Schwarzpulver bereits im 9. Jahrhundert bekannt. Dort wurde es zunächst für Feuerwerke und später auch für militärische Zwecke genutzt.
Auch im arabischen Raum war das Wissen vorhanden, lange bevor in Europa jemand auf die Idee kam, Kanonen zu bauen.
Kurz gesagt: Als Bertold Schwarz angeblich das Schwarzpulver erfand, war es längst erfunden.
Warum gibt es die Geschichte dann überhaupt?
Das ist eigentlich der spannendste Teil.
Solche Figuren wie Bertold Schwarz entstehen oft aus einem ganz bestimmten Bedürfnis heraus: Man möchte eine komplexe Entwicklung auf eine einfache Geschichte reduzieren. Am besten mit einem klaren „Erfinder“.
Und noch etwas spielt eine Rolle: nationale Ehre.
Im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit war es durchaus attraktiv, wichtige Erfindungen „dem eigenen Kulturkreis“ zuzuschreiben. Ein deutscher Mönch als Erfinder des Schießpulvers? Das klang einfach gut.
Ein bisschen wie Robin Hood – nur eben mit mehr Explosion.
Gab es vielleicht doch ein Vorbild?
Immer wieder wurde versucht, hinter der Legende eine reale Person zu finden. Verschiedene Historiker haben Kandidaten vorgeschlagen, etwa Gelehrte oder Alchemisten aus dem süddeutschen Raum. Doch keine dieser Theorien konnte sich wirklich durchsetzen.
Am Ende bleibt es dabei: Es gibt keine belastbaren Belege für die Existenz dieses angeblichen Erfinders.
Die Wahrheit ist weniger spektakulär – aber realistischer
Die Entstehung von Schwarzpulver und Feuerwaffen war kein einzelner Geistesblitz, sondern ein schrittweiser Prozess. Viele Menschen in verschiedenen Regionen haben über lange Zeit hinweg experimentiert, verbessert und weiterentwickelt. Technische Innovation entsteht selten durch einen einzigen Moment. Meist ist es ein Puzzle aus vielen kleinen Erkenntnissen.
Oder anders gesagt: Nicht ein Mönch hat die Welt verändert – sondern viele kluge Köpfe, über viele Jahre hinweg.
Oft ist es aber auch so, dass die Zeit einfach reif für eine bestimmte Erfindung ist. Andere Dinge und Materialien wurden entdeckt oder erfunden, die nun die Entwicklung von etwas ganz Neuem ermöglichen. Weltweit machen sich Ingenieure, Erfinder und manchmal auch Autodidakten daran. Und so kommt es, dass beispielsweise das Telefon von mehreren Leuten quasi gleichzeitig erfunden wurde.
Fazit
Die Geschichte von Bertold Schwarz ist eine schöne Legende. Sie erklärt auf einfache Weise etwas, das in Wirklichkeit viel komplexer ist.
Doch gerade das macht sie so interessant. Sie zeigt, wie wir Menschen dazu neigen, große Entwicklungen auf einzelne Figuren zu reduzieren.
Erfunden hat das Schwarzpulver also nicht Bertold Schwarz – sondern die Menschheit.
Und das ganz ohne Klosterküche und explodierenden Mörser.
Mehr Infos hier:
https://de.wikipedia.org/wiki/Berthold_Schwarz
https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzpulver
Bildquellen:
- Berthold-Schwarz_800x500: André Thevet, Gemeinfrei, wikimedia.org

















