Du weißt es bestimmt: In Kalbsleberwurst ist keine Kalbsleber enthalten und im bayerischen Leberkäse ist weder das eine, noch das andere, nämlich weder Leber, noch Käse enthalten1. Wir wissen also, dass manche Produkte nur so heißen, weil es Tradition ist, weil man etwas aufhübschen will oder weil wir uns einfach dran gewöhnt haben.
Die Lachsforelle beispielsweise gibt es gar nicht.2
Und auch der Seelachs ist kein Lachs, sondern ein Dorsch3
Es ist also klar, dass manche Produkte ihren irreführenden Namen vor allem deshalb haben, weil man sich davon verspricht, dass wir Verbraucher etwas Teureres damit asoziieren.
Aber es gibt auch Produkte, bei denen man etwas nachdenken muss, warum die einen anderen Namen (bekommen) haben.
Manchmal sind es die kleinen Alltagsbeobachtungen, die einen ins Grübeln bringen.
Dreibeinblog-Co-Autor Frank Mischkowski war kürzlich in der Schweiz und berichtete mir etwas, das zunächst fast absurd klingt: Die bei uns ganz normale Milch mit 1,5 % Fett wird dort offenbar vielfach gar nicht mehr einfach „Milch“ genannt.4
Stattdessen begegnet einem immer häufiger der Begriff „Milch Drink“.5
Ich musste schmunzeln – und fühlte mich gleichzeitig an etwas ganz anderes erinnert: an Gold.
Milch ist nicht gleich Milch
In Deutschland ist es völlig normal, zwischen verschiedenen Fettstufen zu unterscheiden:
- Vollmilch (3,5 %)
- Fettarme Milch (1,5 %)
- Magermilch (unter 0,5 %)
Und trotzdem nennen wir das alles schlicht: Milch.
In anderen Ländern sieht man das deutlich strenger. Dort wird argumentiert: Wenn ein natürlicher Bestandteil – nämlich das Fett – zu stark reduziert wird, dann ist das ursprüngliche Produkt eben nicht mehr dasselbe.
Verstehen kann ich das natürlich schon. Wenn man aus der Milch fast alles Fett herausholt, hat man am Ende nur noch milchartiges Wasser. Es ist also die Frage, wann eine Milch wirklich noch eine Milch ist.
Also bekommt sie einen anderen Namen.
Das mag zunächst kleinlich erscheinen, ist aber im Kern eine Frage der Definition und der Ehrlichkeit gegenüber dem Verbraucher.
Und genau so ist es beim Gold
Jetzt kommt die Parallele, die ich so spannend finde.
In Deutschland ist Schmuck aus 333er Gold weit verbreitet. Das bedeutet: 333 von 1.000 Teilen sind tatsächlich Gold. Der Rest besteht aus anderen Metallen.
Oder anders gesagt:
Nur ein Drittel ist überhaupt Gold.

Trotzdem sprechen wir ganz selbstverständlich von „Goldschmuck“.
In anderen Ländern wäre das kein Gold mehr
In vielen anderen Ländern sieht man das deutlich strenger.
Dort gilt: Unter einem bestimmten Feingehalt darf ein Material gar nicht mehr als Gold bezeichnet werden.
333er Schmuck würde dort eher als Metalllegierung gelten – aber nicht als „Gold“ im eigentlichen Sinne.
Das wirkt zunächst übertrieben, hat aber denselben Hintergrund wie bei der Milch: Man möchte vermeiden, dass ein Produkt mit einem Begriff beworben wird, der mehr verspricht, als tatsächlich enthalten ist.
Ist 333er Gold überhaupt echtes Gold?
Ja – und daran gibt es nichts zu deuteln. 333er Gold besteht zu 33,3 % aus reinem Gold, ein klar definierter und gesetzlich festgelegter Anteil. Es handelt sich weder um vergoldetes Metall noch um eine minderwertige Imitation. Es ist massives Gold – allerdings mit dem niedrigsten Feingehalt, der in Deutschland noch als „Gold“ bezeichnet werden darf.
Die Verwirrung entsteht vor allem im internationalen Vergleich. In Ländern wie der Schweiz, Frankreich oder den Niederlanden liegt die Grenze höher: Dort gilt erst 375er Gold (9 Karat) als Mindeststandard. In Deutschland hingegen ist auch 333er Gold offiziell als Gold anerkannt.6
In der Schweiz werden Legierungen mit 333er Feingehalt (8 Karat) meist nicht mehr als echtes Gold angesehen, sondern eher als goldhaltiges Material oder sogar als Ersatzprodukt eingeordnet. In Frankreich findet man solche niedrigen Legierungen höchstens im unteren Preissegment, während sie in vielen asiatischen Ländern eher auf einfachen Märkten angeboten werden. In Frankreich selbst ist hingegen vor allem 18-karätiges Gold – also 750er Gold – weit verbreitet und gilt dort als gängiger Standard.7
Die deutsche Großzügigkeit
In Deutschland ist man in beiden Fällen deutlich großzügiger. Milch bleibt Milch – egal, wie viel Fett noch enthalten ist. Gold bleibt Gold – selbst wenn zwei Drittel davon gar keines sind.
Das hat Vorteile: Die Begriffe sind einfach, eingängig und für den Verbraucher vertraut. Aber es hat eben auch einen Haken: Die Bezeichnung sagt weniger über die tatsächliche Qualität aus, als man vielleicht denkt.
Warum das eigentlich ganz sinnvoll ist
Je länger man darüber nachdenkt, desto logischer erscheint das Ganze. Bezeichnungen sind nicht nur Namen. Sie transportieren Erwartungen. Wenn ich „Milch“ lese, erwarte ich ein Produkt, das eben überwiegend Milch und nicht Wasser ist.
Wenn ich „Gold“ höre, denke ich an ein wertvolles Edelmetall.
Wenn beides nur noch in stark veränderter oder verdünnter Form vorliegt, ist es durchaus legitim, darüber nachzudenken, ob der Name noch passt.
Fazit
Ob Milch oder Gold – es geht am Ende immer um dieselbe Frage:
Wie viel vom Original muss noch enthalten sein, damit wir es so nennen dürfen?
Deutschland ist hier in diesen Punkten eher großzügig. Andere Länder sind strenger.
Beides hat seine Berechtigung.
Aber eines ist sicher: Ein Blick über die Grenze schärft das Bewusstsein dafür, dass Begriffe nicht immer das bedeuten, was wir spontan darunter verstehen.
Oder anders gesagt:
Nur weil „Milch“ draufsteht, ist nicht immer überwiegend Milch drin.
Und nur weil „Gold“ draufsteht, kann es sei, dass es überwiegend ganz was anderes ist.
1. “Gesetz über den Feingehalt der Gold- und Silberwaren in der im Bundesgesetzblatt Teil III, Gliederungsnummer 7142-1, veröffentlichten bereinigten Fassung, das zuletzt durch Artikel 9 des Gesetzes vom 25. April 2007 (BGBl. I S. 594) geändert worden ist”.
2. Gesetzliche Vorschriften (Edelmetallkontrolle). Sonderdruck aus “Schmuck, Edelsteine, Uhren”. 2005.
3. https://www.bmf.gv.at/Finanzmarkt/Punzierung/_start.htm
4. http://www.hallmarkingconvention.org/index.php
5.http://www.hallmarkingconvention.org/bo/commun/upload/document/informationbrochuregerman.pdf
6. http://www.ezv.admin.ch/ezv/00433/02685/index.html?lang=de
7. http://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/feingehg/gesamt.pdf
Bildquellen:
- goldteile: Peter Wilhelm
- goldteile_800x500: Peter Wilhelm
- gold-melken_800x500: Peter Wilhelm KI
Fußnoten:
- https://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/DE/_Ernaehrung/Lebensmittel-Kennzeichnung/LeitsaetzeFleisch.pdf?__blob=publicationFile&v=7 (zurück)
- Aus zoologischer Sicht sind alle Forellen Lachsfische, einige gehören mit dem Atlantischen Lachs sogar in dieselbe Gattung (Salmo), jedoch gibt es keine eigene Art Lachsforelle. Als „Lachsforelle“ werden u.a. Regenbogenforellen mit durchs Futter rosa gefärbtem Fleisch verkauft. (zurück)
- Der Köhler oder Kohlfisch (Pollachius virens) gehört zur Familie der Dorsche und damit zur Ordnung der dorschartigen Fische. Fischer und Angler nennen ihn in der Regel „Köhler“. In Handel und Gastronomie wird er aus historischen (und verkaufsfördernden) Gründen fast ausschließlich unter dem Handelsnamen Seelachs verkauft. (zurück)
- https://www.saldo.ch/artikel/artikeldetail/billigmilch-weniger-gesundes-fett (zurück)
- https://de.wikipedia.org/wiki/Milch#Sorten (zurück)
- https://goldbrief.de/ratgeber/333-gold/ (zurück)
- https://www.t-online.de/finanzen/boersen-news/id_62407456/333er-gold-darf-sich-nicht-mehr-goldschmuck-nennen.html (zurück)

















