Wer einmal bei AliExpress etwas bestellt hat, dem schickt die chinesische Handelsplattform regelmäßig Mails mit den Angeboten des Tages. Das kann man natürlich abbestellen. Ich lasse mich aber ganz gerne mal verführen und genieße es, alle paar Tage mal in den Angeboten der Chinesen zu stöbern.
Ganz interessanter Trick: Ich lege Sachen in den Warenkorb, kaufe sie aber nicht. Der Algorithmus von AliExpress merkt das und bietet dann Kaufanreize in Form von Preisreduzierungen oder Gutscheinen für diese Artikel.
Beispiel: Ich hatte für einen Bekannten ein Laptopnetzteil gesucht. Da ich noch nicht 100 %-ig sicher war, ob es das Richtige ist, lag es im Warenkorb herum. Der Preis betrug 12,– Euro.
Schon am nächsten Tag boten mir die Chinesen das Netzteil für 9,99 Euro an. Drei Tage später gab es 25 % Rabatt. Das Netzteil würde also nur noch rund 7,50 Euro kosten.
Hier muss man aufpassen! Die Chinamänner sind clever. Preisangaben sind oft nur Schall und Rauch. Es kann immer passieren, dass im letzten Moment auf einmal ein völlig anderer Preis im Warenkorb angezeigt wird.
Es gilt immer der Preis, der da steht, wenn man den PayPal-Button drückt.
In diesem Fall waren das 8 Euro.
(Normalerweise würde ich sagen, dass man auf keinen Fall ein Netzteil für 8 Euro beim Chinesen kaufen sollte. Aber in diesem Fall erhielten wir tatsächlich ein einwandfreies Netzteil. Der Kollege ist Ingenieur und hat es interessehalber aufgeschraubt. Er war begeistert. Ansonsten: Bei solchen kritischen Sachen bitte immer vorsichtig sein. CE-Zeichen sind da Makulatur!)
Kommen wir aber zum eigentlichen Thema dieses Artikels: Von AliExpress verarscht und das gerne!
Ich habe ja im Moment das Armbanduhrenfieber. Ich schrieb hier schon darüber.
Grund: Ich habe mir einen größeren Uhrenkasten zur Präsentation meiner kleinen Armbanduhrensammlung geholt. Den möchte ich mit schönen Armbanduhren füllen. Das heißt: Eigentlich ist er voll, aber teilweise mit ganz, ganz billigen Quarzuhren. Darunter solche, die 4 oder 5 Komplikationen haben, von denen aber keine funktioniert, weil die kleinen Zeiger nur aufgeklebt sind. Ich habe auch kaum etwas dafür bezahlt. So zum Anziehen waren sie mal ganz schön. Aber heute möchte ich eigentlich keine Uhren mehr haben, bei denen man Batterien wechseln muss, oder in denen solche auslaufen können.
Und so habe ich mich logischerweise auch auf Ali-Express nach schönen Uhren umgeschaut. Dort bekommt man auch Uhren von den bekannten Hommage-Herstellern San Martin und Pagani ziemlich günstig.
Ja, und das hat sich AliExpress natürlich gemerkt und scheißt mich jetzt mit entsprechenden Sonderangeboten zu, um es mal deutlich zu sagen.
Das Allermeiste sind absolute Blender. Üppig ausgestattete Uhren mit zig Zeigern, aber alles immer nur Quarz. Und das will ich ja nicht. Dafür sind die Preise dieser Uhren unglaublich. 6 Euro bis 12 Euro.
Vor 7 Tagen poppte eine Werbung auf, für eine Hommage der Philippe Patek Nautilus. Eine Nautilus gehört im Grunde in jede Uhrensammlung. Sie ist ein absoluter Klassiker hinsichtlich des Designs.
Ich traute meinen Augen nicht: AliExpress wollte ernsthaft dafür nur 8,99 Euro.
Das muss eine Quarzuhr sein, war meine feste Überzeugung. Auch die Angabe „automatische Herrenuhr“ konnte mich nicht überzeugen, denn mit solchen Bezeichnungen gehen die Chinamänner und -frauen sehr verschwenderisch und leichtfertig um. Schließlich läuft eine Quarzuhr ja auch automatisch.
Doch es gab Fotos, auch von der Rückseite. Und wie bei sehr vielen Uhren mit Automatikuhrwerk ist auch bei dieser Uhr ein Glasboden eingebaut, durch den man das Uhrwerk sehen kann. Tatsächlich hatte es ein richtiges Automatikuhrwerk!
Und nun kommt’s: Wie ich oben beschrieb, sind die Händler auf AliExpress auch hinsichtlich der Checkout-Preise sehr kreativ.
Aus den 8,99 Euro wurden im Verlauf des Kaufs dann sage und schreibe 21,- Euro. Das hat nichts mit Versandkosten zu tun. Das ist einfach nur ein Trick. Es wird auch nie gesagt, weshalb der vorherige Preis auf einmal nicht mehr gilt.

Aber Leute: 21 Euro! Das ist für eine solche Uhr nichts. Gar nichts!
AliExpress hat mich verarscht, denn 21 Euro sind nicht 8,99 Euro. Aber diese 21 Euro sind absolut wenig. Ich bin total bereit, das dafür zu bezahlen.
Heute, eine Woche später ist die Uhr da.

Ich habe eine schwere, vollkommen sauber verarbeitete Armbanduhr mit Automatikuhrwerk, Edelstahlarmband und dicker, fester Schließe bekommen. Sie sieht genauso aus, wie auf den Fotos im Netz.
Mich interessiert auch nicht, ob und wie exakt sie dem Original nachempfunden ist. Wer da mit der Uhrmacherlupe drangeht, ist ein Depp. Ich sehe immer mal wieder YouTube-Videos wo Leute ernsthaft 100-Euro-Uhren unter dem Mikroskop mit 50.000-Euro Originalen vergleichen…
(Wenn es den Content-Erstellern darum geht, auf diese Weise zu beweisen, dass eine nachgemachte Hommageuhr für kleines Geld nicht das bietet, wie eine Luxusuhr für einen fünfstelligen Betrag, dann sind das Deppen. Wenn sie aber, wie ich auch schon gesehen habe, beweisen, dass eine San Martin-Hommage-Uhr fast schon in einigen Details besser verarbeitet ist, als eine echte Rolex, dann sind das meine heimlichen Helden.)

Erster kleiner Wermutstropfen: Auf den „Marken“-Namen Luolingongjue auf dem Ziffernblatt hätte ich zugunsten eines kürzeren, etwas europäischer klingenden gerne verzichtet.
Man kann versuchen, den Namen Luolingongjue silbenweise auseinanderzunehmen:
Luo / Ling / Gong / Jue
das sind alles echte Silben im Chinesischen
Aber: In dieser Kombination ergibt sich kein sinnvoller Begriff. Das wäre ungefähr so, als würde man im Deutschen sagen: „Waldstuhlblauzeit“

Die Chinesen haben irgendein Wort erfunden, von dem sie meinen, es würde auf uns verkaufsfördernd wirken. Vor allem aber tun sie damit eins: Sie zeigen deutlich auf, dass sie keine Namensmarkenrechte von Philippe Patek und anderen renommierten Uhrenherstellern verletzen wollen.
Zweiter kleiner Negativpunkt: Ich benötige ein Armband in 21 cm Länge. Die Uhr passt mir, so wie sie geliefert wurde, absolut genau. Perfekt. Für mich also genau richtig. Normalerweise sollten solche Armbänder aber mindestens 23-24 cm lang sein, damit auch Herren mit stärkeren Handgelenken glücklich werden. Ich musste keine Glieder entfernen. In diesem Fall wären es ausdrückbare Stifte gewesen.
Fazit
Ja, AliExpress trickst. Ja, die Preise sind manchmal eher Verhandlungssache als feste Größe. Und ja, man wird dabei auch ein Stück weit „verarscht“.
Aber: Man wird nicht immer schlecht verarscht.
In meinem Fall habe ich für überschaubares Geld eine Uhr bekommen, die Spaß macht, gut aussieht und technisch absolut in Ordnung ist. Keine Wunderuhr, kein Meisterwerk der Haute Horlogerie – aber eben auch kein Schrott.
Und genau das ist vielleicht der entscheidende Punkt: Wer weiß, worauf er sich einlässt, wer keine unrealistischen Erwartungen hat und wer bereit ist, auch mal ein kleines Risiko einzugehen, kann bei diesen Angeboten durchaus gewinnen.
Man darf sich nur nichts vormachen lassen. Eine 20-Euro-Uhr ist keine 20.000-Euro-Uhr. Aber sie kann trotzdem Freude machen.
Oder anders gesagt: Manchmal ist es völlig in Ordnung, sich mit offenen Augen ein kleines Stück „Fake-Luxus“ zu gönnen – solange man weiß, dass es genau das ist.
Bildquellen:
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