Der Zopfmann ist schon über 60 Jahre alt, trägt aber einen Pferdeschwanz. Dabei ist sein Haar schon so schütter, dass er die für den Zopf benötigten Haare von ganz vorne straff über den Schädel ziehen muss. Deshalb benötigt der Zopfmann auch kein Botox, er zieht sich die Stirn und das Gesicht quasi durch das straff zusammengebundene Haar glatt.
Der Zopfmann ist Goldschmied und Uhrmacher. Deshalb besuche ich ihn ab und zu. Meist muss ich für die Allerliebste irgendwelche Schmuckstücke ändern oder reparieren lassen. Das macht der Goldschmied sehr gut, zuverlässig und zu einem vertretbaren Preis.
Aber auch, wenn ich mit meinen Uhren ein Problem habe, ist der Zopfmann meine Anlaufstelle. Manchmal kann ich ein Armband nicht kürzen, weil ich das passende Werkzeug nicht habe. Oder aber ein Gehäusedeckel weigert sich, aufzugehen, wenn mal die Batterie gewechselt werden muss.
Einmal bin ich zum Zopfmann gefahren, weil an einer Fakeuhr ein kleiner Zeiger abgefallen war. Der wackelte nun unten am Ziffernblatt herum und das sah blöde aus.
Doch der Zopfmann schob die Uhr angewidert wieder zu mir rüber. Nein, so etwas fasse er nicht an. Mit Fake-Uhren gebe er sich nicht ab. Das gehe gegen seine Ehre als Uhrmacher.
Nun ja, sagte ich, es sei doch einfach nur eine Uhr. Ist doch egal, was da draufsteht. Wenn ich jetzt mit einer anderen billigen Uhr mit dem gleichen billigen Uhrwerk gekommen wäre, hätte er sie doch auch angenommen. Aber nur, weil da ein falscher Markenname draufsteht, stelle er sich jetzt so an.
Es folgte ein viertelstündiger Vortrag über die Ehre des Uhrmachers, wie schlecht die Uhrwerke solcher nachgemachter Uhren seien und dass er schon aus Prinzip so etwas nicht anfasse.
Okay, das konnte ich verstehen: Berufsehre ist eben Berufsehre.
Du wirst auch einen Sommelier nicht davon überzeugen können, dass ein Wein aus dem Tetrapack auch mal gut schmecken kann.
Ich nehme also meine Uhr und will wieder gehen, da ruft mich der Zopfmann zurück. Er blickt sich über die Schulter um, obwohl außer uns niemand im Laden ist. Er senkt die Stimme, schaut sich nochmal um.
Dann zieht er eine Schublade unter seiner Ladentheke auf und präsentiert mir eine Schaulade mit etwa 30 Armbanduhren.
Alles Fakeuhren: Rolex, Cartier, Gucci, Breitling…
„Das hier sind gute Replika-Uhren.“
Ich kenne solche Uhren. Sie werden vom Chinamann für um die 80 Euro vertickt. Der Zopfmann verlangt zwischen 200 und 600 Euro dafür.
Natürlich frage ich ihn, was denn nun der Unterschied zwischen meiner nachgemachten Uhr und diesen Uhren sei.
Er antwortet: „Die hier sind Ersatzstücke. Die trägt man im Theater oder im Opernhaus, wenn man seine echten Uhren nicht aus dem Tresor holen möchte.“
Ich stehe mit offenem Mund da und staune.
Er fährt fort: „Es gibt alles auch in unecht. Diamantenarmbänder, Perlenketten, Diademe, Ohrringe, alles. 90 % des Schmucks, den man bei großen Auftritten der reichen Leute sieht, sind Replikas. Die tragen das aber nicht, um anzugeben. Die haben ja die echten Stücke, wollen aber nicht, dass die sich abnutzen, verloren gehen oder gestohlen werden.“
„Und was unterscheidet diese Fakeuhren jetzt von meiner? Hab‘ ich schon mal gefragt.“
„Das hier sind sehr gute Replikas, keine Fakes. Deshalb sind sie auch etwas teurer.“
Berufsehre hat also im Grunde genommen nur was mit dem Preis zu tun.
Bildquellen:
- zopf_800x500: Peter Wilhelm ki


















Damit wäre ja zumindest geklärt das die Uhrmacherehre käuflich ist, dann geht es nur noch um den Preis… 😉