Das endgültige Aus für RNF – ein Regionalsender scheitert an Führungslosigkeit und Dauerkrise – Die Hoffnungen auf eine Rettung haben sich nicht erfüllt: Das Rhein-Neckar-Fernsehen (RNF) stellt seinen Sendebetrieb ein.
Kein schönes Weihnachtsgeschenk für Mitarbeiter, Zuschauer und Werbekunden des Regionalsenders RNF: Wenige Tage vor Weihnachten endet damit die 39-jährige Geschichte des ältesten privaten Regionalsenders Deutschlands – und das kurz vor einem Jubiläum, das eigentlich Anlass zur Rückschau und zum Feiern hätte sein sollen. 21 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verlieren ihre berufliche Perspektive, eine ganze Region einen medienpolitisch wichtigen Akteur.
Dass es so weit kommen würde, war zwar nicht über Nacht absehbar, aber dennoch symptomatisch für eine Entwicklung, die sich über Jahre hinweg angebahnt hat. Die nunmehr vierte Insolvenz innerhalb von weniger als zehn Jahren erwies sich als die eine zu viel.
Ein Sender ohne Führung
Auslöser der aktuellen Situation ist der Tod des geschäftsführenden Gesellschafters Joachim Schulz, der am 6. November im Alter von 68 Jahren verstarb. Schulz hatte RNF erst Anfang Dezember 2024 vollständig übernommen und den Sender als Alleininhaber in sein Unternehmensportfolio integriert. Damit lag die wirtschaftliche und strategische Verantwortung allein bei ihm.
Genau hier liegt der Kern des Problems: Nach Angaben des Betriebsrats hatte Schulz keine tragfähigen Vertretungsregelungen geschaffen, keine Vollmachten erteilt und keine Strukturen hinterlassen, die einen geregelten Übergang ermöglicht hätten. Mit seinem Tod war RNF faktisch führungslos. In einem ohnehin finanziell angespannten Umfeld ist das für ein Medienunternehmen ein kaum aufzufangender Zustand.
Mangels Aussicht auf eine schnelle Bestellung eines Not-Geschäftsführers sah sich die Belegschaft gezwungen, selbst die Initiative zu ergreifen. Anfang Dezember meldete RNF Insolvenz an; seit dem 1. Dezember befand sich der Sender in einem vorläufigen Insolvenzverfahren.
Hoffnung auf Investoren – und ihr rasches Ende
Noch vor wenigen Tagen hatte RNF selbst in seiner Nachrichtensendung über die prekäre Lage berichtet. Der vorläufige Insolvenzverwalter Tobias Wahl sprach offen von nahezu leeren Kassen, stellte aber zugleich einen möglichen Investor in Aussicht. Das Interesse sei „ernsthaft und glaubwürdig“, hieß es, zumindest für eine mittel- und langfristige Perspektive. In einer Abschiedssendung von RNF bezifferte Wahl das Loch, das es akut zu stopfen gilt, als mittleren 5-stelligen Betrag.
Ein Investor sei möglicherweise bereit, hier einzuspringen.
Diese Hoffnung hat sich nun als trügerisch erwiesen. Weder eine kurzfristige Zwischenfinanzierung noch eine tragfähige Zukunftslösung kamen zustande. Zusätzliche Mittel blieben aus, der Sendebetrieb ließ sich nicht länger aufrechterhalten. Damit war die Entscheidung unausweichlich: RNF stellt den Betrieb ein.
Betroffen sind 21 Beschäftigte – Journalistinnen, Techniker, Redakteure und Verwaltungsmitarbeiter –, die bis zuletzt versucht haben, den Sender am Leben zu halten. In einer Erklärung betonte das Team, man wolle „weiterkämpfen“ und prüfe weitere Schritte. Realistisch betrachtet sind die Handlungsspielräume jedoch minimal.
Es wurde berichtet, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter teilweise schon länger keine Gehälter und Löhne mehr bekommen haben. Jetzt sei die Arbeitsagentur mit einer Lösung eingesprungen. Der Vermieter habe auf Mietzahlungen verzichtet und auch mit etlichen Dienstleistern sei eine Lösung gefunden worden. Auch die Anteilnahme aus dem Kreis der Zuschauer und Regionsbewohner sei ungeheuer groß, wurde in der Abschiedssendung gesagt; „jedoch habe keiner Mail ein Scheck beigelegen“.
Ein Déjà-vu mit tragischer Konsequenz
So endgültig das Aus nun erscheint, so wenig ist die Situation für RNF völlig neu. Der Sender blickt auf eine lange Geschichte wirtschaftlicher Unsicherheit zurück. Bereits mehrfach stand das Regionalsenderprojekt vor dem Abgrund – und wurde immer wieder, oft unter hohem persönlichen Einsatz der Belegschaft, gerettet.
Besonders bitter ist die Parallele zur jüngeren Vergangenheit: Im Januar 2020 hatte der Heidelberger Unternehmer Andreas Schneider-Neureither RNF übernommen. Auch er verstarb unerwartet. In der Folge rutschte der Sender 2021 erneut in die Insolvenz. Dass sich nun – nur wenige Jahre später – ein fast identisches Szenario wiederholt, wirft ein Schlaglicht auf die strukturelle Fragilität des Modells RNF.
Mehr als ein Einzelfall
Das Ende von RNF ist mehr als das Scheitern eines einzelnen Unternehmens. Es steht exemplarisch für die schwierige Lage regionaler Medienangebote in Deutschland. Private Regionalsender bewegen sich in einem Spannungsfeld aus begrenzten Werbemärkten, steigenden Produktionskosten, wachsendem Konkurrenzdruck durch digitale Angebote und einer Medienpolitik, die regionale Vielfalt zwar rhetorisch betont, wirtschaftlich aber kaum absichert.
Hinzu kommt eine personelle Abhängigkeit von einzelnen Investoren oder Gesellschaftern. Wenn ein solches Unternehmen keine stabilen Governance-Strukturen besitzt, keine breitere Eigentümerbasis und keine belastbaren Rücklagen, kann der Wegfall einer einzigen Person existenzbedrohend sein – wie RNF nun schmerzhaft zeigt.
Zu erwähnen ist, dass solche Unternehmen klassisches Privatfernsehen sind. Das heißt, sie erhalten keinerlei Zuwendungen aus Rundfunkbeiträgen und müssen sich aus anderen Töpfen, vorzugsweise aus Werbeeinnahmen und Kooperationen, finanzieren.
Ein leiser Abschied
Dass RNF ausgerechnet kurz vor Weihnachten und kurz vor seinem 40-jährigen Bestehen den Sendebetrieb einstellen muss, verleiht dem Ende eine besondere Bitterkeit. Für viele Zuschauerinnen und Zuschauer war der Sender über Jahrzehnte hinweg ein vertrauter Bestandteil der regionalen Medienlandschaft. Für die Mitarbeitenden war er Arbeitsplatz, Identität und nicht selten auch Herzensprojekt.
Ob es noch zu einer späten Wendung kommt, ist offen. Die Fakten sprechen derzeit dagegen. Wahrscheinlicher ist, dass RNF als weiteres Beispiel in die Geschichte eingeht, wie schwer es regionale Medienangebote heute haben – selbst dann, wenn sie journalistisch relevant, historisch gewachsen und tief in ihrer Region verankert sind.
Es geht ja nicht nur um die 21 Mitarbeiter, sondern auch um die Zulieferer und Dienstleister, sowie nicht zuletzt um die Familien der Beschäftigten. Und auch die Zuschauer und Freunde des Senders darf man nicht vergessen, für die RNF oft die einzige, verlässliche und transparente Informationsquelle war.
Es ist RNF nicht gelungen, das zu tun, was jeder YouTube-Kanal aus dem Effeff beherrscht: Gelder sammeln, Zuschauer zu Spenden zu motivieren und einen sekundären Geldfluss in Gang zu bringen. Mitgliedschaften in RNF-Clubs hätten tausende Zuschauer und Fans binden und zu kleinen regelmäßigen Zahlungen animieren können. Diese Chance wurde, wenn überhaupt nur halbherzig angedacht und nicht konsequent umgesetzt.
Der Bereitschaft des örtlichen Handels und der Dienstleister, Werbung zu schalten, ist in Zeiten aufeinanderfolgender Krisen und leerer Kassen auch Grenzen gesetzt. Heutzutage kann man für überschaubare Beträge auch schon in Mainstream-Sendern Werbung schalten, bei manchem Sender sind die Werbepreise gerade im Sinkflug.
Die Kommunen, namentlich Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen, verfügen ebenfalls über keine Mittel, um einen sinnvollen Weiterbetrieb des Senders stemmen zu können. Angesichts maroder Straßen, verfallender Schulgebäude und zusammengestrichener öffentlicher Leistungen, hätte hierfür auch kaum jemand Verständnis.
Manche fragen sich, ob nicht ein „back to the roots“ eine Lösung sein könnte. Schließlich hat RNF mit einfachsten Mitteln und großem Improvisationsvermögen seinen Sendebetrieb aufgenommen. Da stellt sich die Frage, ob nicht wenigstens ein Notbetrieb mit reduzierten Ansprüchen und kleinerer Mannschaft möglich gewesen wäre. Ein Zuschauer fragt, weshalb man nicht die ungenutzte Etage im Fernsehturm Mannheim als Notstudio herrichtet, um wenigstens eine regelmäßige Nachrichtensendung für die Region zu produzieren.
In Hinblick auf die Qualität, die mancher YouTuber mit geringsten Mitteln abliefert, ist das keine ganz unberechtigte Frage.
Doch derzeit ist es einfach so, dass eine Lösung nicht in Sicht ist.
Der Bildschirm bleibt dunkel. Und mit ihm verschwindet ein Stück regionaler Öffentlichkeit.
Vielleicht geschieht ja noch ein kleines Wunder …
Bildquellen:
- rnflife_800x500: screenshot rnf-life
Hashtags:
Ich habe zur besseren Orientierung noch einmal die wichtigsten Schlagwörter (Hashtags) dieses Artikels zusammengestellt:
Keine Schlagwörter vorhanden

















