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Postcode-Lotterie – Ich kündige

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Es war mal eine nette Idee, die aus Holland zu uns herübergeschwappt ist: die Postcode-Lotterie. Der Gedanke dahinter: Bei dieser Lotterie werden keine klassischen Losnummern gezogen, sondern die eigene Postleitzahl wird zur Losnummer. Gewinnt ein bestimmter Postcode, profitieren alle Teilnehmenden in diesem Gebiet – je nachdem, wie viele Lose sie besitzen.

Man gewinnt also allein, aber zugleich im Verbund mit den Nachbarn. Das Prinzip lebt davon, Gemeinschaft zu suggerieren: Heute jubelt vielleicht die halbe Straße, morgen der ganze Ortsteil. Ein bisschen Dorffest-Gefühl, ein bisschen „Wir gegen den Rest der Republik“.

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Für diese Art der Lotterie gibt es durchaus Für und Wider, aber im Kern ist es erst einmal ein sympathischer Ansatz. Man spielt nicht nur für sich, sondern irgendwie auch für sein Umfeld. Zudem wird betont, dass ein Teil der Erlöse an gemeinnützige Organisationen fließt. Man tut also vermeintlich etwas Gutes – und hat nebenbei die Chance, etwas zu gewinnen. Moralisch entlastetes Glücksspiel sozusagen.

Vor einigen Jahren habe ich für uns so ein Los gekauft. Und ja: Wir haben tatsächlich ein paar Mal 10 Euro gewonnen. Das schmälert den Verlust, mehr nicht. Denn mit 12,50 Euro im Monat ist die Postcode-Lotterie weder spektakulär teuer noch wirklich günstig. Es ist genau dieser Betrag, der gefährlich unauffällig ist. Nicht weh genug, um sofort zu kündigen. Aber über Jahre hinweg eben doch ein ordentlicher Posten.

Nun haben wir innerhalb kurzer Zeit sogar zweimal hintereinander so einen 10-Euro-„Gewinn“ erzielt. Klasse. Dachte ich. Bis ich merkte: Geld gab es diesmal gar nicht mehr.

Offenbar hat die Postcode-Lotterie ihr Gewinnsystem umgestellt. Statt einer Überweisung bekommt man nun Zugang zu einem internen „Shop“. Dort darf man sich für seinen Gewinnbetrag einen Sachartikel aussuchen. Keine freie Auswahl, kein Markt, kein Geldwert – sondern ein vorgegebenes Sammelsurium aus Haushaltskram, Deko, Technikspielzeug und Restposten-Ästhetik.

Das Angebot ist überschaubar. Und, sagen wir es höflich: sehr speziell. Wir konnten von dem angebotenen Kram nichts gebrauchen. Also haben wir ein Wiegemesser für die Küche genommen, nicht weil wir eines brauchten, sondern mit der Absicht, es irgendwann irgendwem zu schenken. Ein klassischer Verlegenheitsgewinn.

Beim zweiten 10-Euro-Gewinn wurde es dann noch absurder. Diesmal gab es nicht einmal mehr einen Sachartikel, sondern wir wurden auf eine Gutscheinplattform umgeleitet. Dort durfte man sich dann einen Rabatt- oder Einkaufsgutschein für verschiedene Onlineshops aussuchen.

Also kein Geld. Kein Gegenstand. Sondern das Recht, irgendwo anders Geld auszugeben. Im besten Fall mit einem kleinen Bonus. Im schlechtesten Fall mit einem Gutschein, der einen dazu animiert, Dinge zu kaufen, die man ohne diesen „Gewinn“ niemals gekauft hätte.

Das neue Gewinnprinzip funktioniert damit so:
Man zahlt echtes Geld ein – und bekommt im Gewinnfall entweder vorselektierte Sachprämien oder Konsumanreize. Keine freie Verfügung mehr über den Gewinn. Kein echtes „Ich habe gewonnen“, sondern ein „Du darfst jetzt bitte hier etwas bestellen“.

Ökonomisch ist das clever. Für den Anbieter sind Sachpreise und Gutscheine deutlich günstiger als Auszahlungen. Einkaufspreise, Kontingente, Kooperationsverträge – der nominelle Gewinnwert hat mit den realen Kosten oft wenig zu tun. Für den Spieler bedeutet es aber: Der „Gewinn“ verliert seinen Charakter. Er wird zur Marketingmaßnahme.

Und damit kommen wir zu den Kritikpunkten.

Erstens: Ein Gewinn, über den man nicht frei verfügen kann, ist kein echter Gewinn.
Geld kann ich sparen, verschenken, spenden, investieren oder ausgeben. Ein vorgegebener Sachartikel oder ein Gutschein zwingt mich in eine Konsumrichtung, die ich mir nicht ausgesucht habe.

Zweitens: Das neue System verschleiert den realen Wert.
Ein „10-Euro-Gutschein“ klingt gut. Ob er aber tatsächlich einen realen Gegenwert von 10 Euro hat, steht auf einem anderen Blatt. Versandkosten, Mindestbestellwerte, eingeschränkte Sortimente – der tatsächliche Nutzen ist oft deutlich geringer.

Drittens: Das Ganze kippt vom Glücksspiel in Richtung Verkaufsplattform.
Plötzlich ist man nicht mehr Gewinner, sondern Kunde. Man klickt sich durch Shops, vergleicht Produkte, liest Bewertungen. Der Gewinn erzeugt Arbeit. Und am Ende kauft man vielleicht noch etwas dazu, „weil man ja sowieso schon da ist“.

Viertens: Psychologisch ist das ein klassischer Bindungstrick.
Sachprämien und Gutscheine erzeugen mehr Interaktion als eine Überweisung. Man beschäftigt sich länger mit der Lotterie, loggt sich ein, klickt sich durch Angebote, trifft Entscheidungen. Der Gewinn wird zum Event. Und Events binden.

Fünftens: Der karitative Gedanke rückt weiter in den Hintergrund.
Je stärker die Lotterie zur Waren- und Gutscheinmaschine wird, desto mehr verschiebt sich der Fokus von „wir fördern Projekte“ zu „wir verteilen Zeug“. Das moralische Feigenblatt wird dünner.

Kurz gesagt: Uns gefällt diese Entwicklung nicht.

Für uns hat das so ein G’schmäckle wie das McDonald’s-Monopoly. Da bekommt man auch ganz viele „Gewinne“, die in Wirklichkeit nur minimale Rabattprozente aller möglicher Shops sind, bei denen man erst mal Geld ausgeben und was kaufen muss, um dann den angeblichen „Gewinn“ abziehen zu können. Lachhaft!

Wir kündigen die Postcode-Lotterie. Nicht empört, nicht dramatisch – aber konsequent. Wenn wir schon Geld in Glücksspiel stecken, dann möchten wir im Gewinnfall auch wirklich gewinnen. Und nicht zu einer Art Prämienabteilung umfunktioniert werden.

Wir werden wieder auf klassische Lotterien umsteigen. Fernsehlotterie, Glücksspirale oder etwas Vergleichbares. Wir sind keine exzessiven Spieler. Aber wir finden, dass es nicht verkehrt ist, ein kleines bisschen ins Glücksspiel zu investieren. Nicht aus Hoffnung auf Reichtum, sondern als gelegentliches Spiel mit dem Zufall.

In meinem ganzen, langen Leben habe ich vielleicht 20 Lottoscheine abgegeben. Wenn wir zweimal im Jahr für 10 Euro spielen, ist das schon viel. Vor Jahren habe ich einmal fünf Richtige im Lotto gehabt und durfte mich über eine schöne Summe freuen. Auch sonst waren wir immer mal wieder bei Gewinnspielen mit kleinen und mittleren Gewinnen dabei. Das waren echte Gewinne. Geld, über das man sich freuen konnte, ohne erst einen Katalog studieren zu müssen. Außerdem zieht einem so ein Los-Abo auf Dauer eben doch mehr Geld aus der Tasche, als einem/mir/uns lieb ist.

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Also: Tschüss Postcode-Lotterie.

Es kann durchaus sein, dass ich bei den „neuen“ Gewinnmöglichkeiten auch was falsch verstanden habe. Aber das ist egal: ich hätte lieber einfach, so wie es früher war, einfach meinen Gewinn überwiesen.

Bildquellen:

  • Bildschirmfoto-2026-01-12-um-06.32.27_800x500: Peter Wilhelm screenshot
  • kurbelwelle_800x500: Peter Wilhelm KI

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(©si)