Wenn in Dokumentationen über das Dritte Reich Bilder von Adolf Hitler und seiner Hündin Blondi gezeigt werden, wird oft betont, der Diktator habe mit dem Deutschen Schäferhund einen „typisch deutschen Hund“ bevorzugt. Diese Darstellung klingt stimmig – schließlich trägt die Rasse ja das Wort „deutsch“ im Namen. Doch sie ist historisch ungenau. Tatsächlich war der Deutsche Schäferhund zu Hitlers Zeit noch eine vergleichsweise junge Hunderasse.
Der Deutsche Schäferhund – eine moderne Erfindung
Die Rasse „Deutscher Schäferhund“ wurde erst im Jahr 1899 offiziell begründet – also zehn Jahre nach der Geburt Adolf Hitlers. Das war also eine ganz neue und moderne Hunderasse. Hitler war 10 Jahre alt, als man zum ersten Mal überhaupt von dieser neuen Hunderasse hörte. Bis der Deutsche Schäferhund durch Zucht weitere Verbreitung gefunden hatte, waren weitere 20 bis 25 Jahre vergangen. Die Hunderasse entstand aus dem Bestreben, einen einheitlichen Gebrauchshund zu schaffen, der sich besonders für Hüte- und Wachaufgaben eignete. Der ehemalige Kavalleriehauptmann Max von Stephanitz gilt als „Vater der Rasse“. Er gründete in Frankfurt am Main den Verein für Deutsche Schäferhunde (SV) und legte mit seinem Hund „Horand von Grafrath“ den Grundstein für die neue Zuchtlinie.
Vor dieser Zeit gab es in Deutschland zwar zahlreiche Hütehunde, aber keine einheitliche Rasse mit festgelegten Merkmalen. Die Tiere unterschieden sich stark je nach Region, Funktion und Züchter. Erst durch von Stephanitz wurde der Deutsche Schäferhund zu einem gezielt gezüchteten Arbeitshund mit bestimmten äußeren und charakterlichen Eigenschaften.
Hitlers „Vorliebe“ – Symbolik statt Tradition
Als Adolf Hitler Jahrzehnte später in der Öffentlichkeit mit Deutschen Schäferhunden auftrat, war das eben keine deutsche Urrasse eines Hundes, sondern immer noch ein relativ neuer und bei vielen auch unbekannter Hund. Zwar war die Rasse längst zum Symbol des „deutschen Gebrauchshundes“ geworden – kräftig, gehorsam, wachsam und intelligent, aber es war eben keine uralte deutsche Hunderasse, die quasi direkt auf den Wolf zurückzuführen ist. Die Eigenschaften des Deutschen Schäferhundes passten hervorragend zu dem Selbstbild, das das nationalsozialistische Regime propagierte: Disziplin, Treue und Stärke. Dass der Schäferhund tatsächlich erst wenige Jahrzehnte alt war, ging in dieser Symbolik unter.
Hitler selbst war, soweit sich aus Berichten rekonstruieren lässt, ein Tierliebhaber mit besonderer Zuneigung zu Hunden. Seine bekannteste Hündin, Blondi, wurde ihm um 1941 von Martin Bormann geschenkt. Sie begleitete ihn bis in die letzten Tage im Bunker. Doch seine Wahl des Deutschen Schäferhundes hatte weniger mit historischer Verwurzelung zu tun als mit der propagandistischen Inszenierung eines idealtypischen „deutschen Tieres“.
Vom Gebrauchshund zum Symbol
Im frühen 20. Jahrhundert wurde der Deutsche Schäferhund auch international populär. Besonders nach dem Ersten Weltkrieg fand die Rasse weltweite Verbreitung, unter anderem durch den Filmhund Rin Tin Tin, der in den USA zu einem echten Star wurde. Ironischerweise wurde der „deutsche“ Schäferhund dort zum Inbegriff des treuen und heroischen Gefährten – lange bevor Hitler ihn zu seinem persönlichen Begleiter machte.
Damit wurde der Schäferhund zum Opfer seiner eigenen Symbolkraft: In Deutschland verband man ihn zunehmend mit militärischer Disziplin, Wachsamkeit und Gehorsam – Eigenschaften, die während der NS-Zeit politisch überhöht und ideologisch vereinnahmt wurden. Nach 1945 haftete der Rasse deshalb ein zweifelhafter Ruf an, als sei sie ein „Hund des Regimes“. Das war natürlich Unsinn, denn kein Tier kann für menschliche Ideologien verantwortlich gemacht werden. Der Deutsche Schäferhund verkörperte lediglich jene Eigenschaften, die man ihm als Arbeitshund bewusst angezüchtet hatte: Loyalität, Schutztrieb und Lernfreude.
Interessanterweise schadete ihm dieses Image vor allem im Ausland kaum. Gerade in den USA, wo die Rasse schon seit den 1920er-Jahren populär war, wurde der Deutsche Schäferhund nach dem Krieg gelegentlich als „Nazi-Hund“ bezeichnet – und doch wuchs seine Beliebtheit weiter. Viele Halter schätzten genau das, was man ihm unterstellte: seine Entschlossenheit, seine Treue und seine Fähigkeit, zu bewachen und zu beschützen. Aus der vermeintlichen Symbolfigur des autoritären Deutschlands wurde so paradoxerweise der Inbegriff des verlässlichen Familien- und Polizeihundes. Die Rasse hatte damit gewissermaßen jene Rolle erfüllt, für die sie einst gezüchtet worden war – als verlässlicher Wächter und loyaler Gefährte, nicht als ideologisches Aushängeschild.
Ein Hund mit Missverständnissen
Die Vorstellung, der Deutsche Schäferhund sei ein „uralter deutscher Hund“, ist also falsch. Er ist vielmehr ein Produkt moderner Zucht, entstanden in einer Zeit technischer und gesellschaftlicher Umbrüche. Seine Beliebtheit bei Hitler war kein Ausdruck jahrhundertealter Tradition, sondern eine späte symbolische Aufladung einer noch jungen Rasse.
Fazit:
Der Deutsche Schäferhund ist jünger als Adolf Hitler – und seine Geschichte hat mit Ideologie nichts zu tun. Er war nie ein mythischer „Urvater deutscher Treue“, sondern das Ergebnis einer modernen, funktionalen Zuchtidee.
Heute ist der Deutsche Schäferhund weltweit einer der beliebtesten Hunde – nicht als politisches Symbol, sondern als vielseitiger, kluger und treuer Begleiter des Menschen. Genau so sollte man ihn auch sehen.
Bildquellen:
- schaeferhund_800x500: Peter Wilhelm

















