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Demonstrieren statt Sprechen: Was das Gendern aus unserer Sprache macht

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Da sagt der Fernsehmoderator, dass der Dank nicht nur den Sportlern, sondern auch den Trainer*innen und Trainern gebührt.

Der Onkel hat gegendert. Kann er meinetwegen, wenn er meint, damit irgendeinem etwas Gutes zu tun.
Aber bitte schön, wenn man es sich zur Aufgabe macht, der zuschauenden Bevölkerung klugscheißerisch aufs Brot zu schmieren, dass das Wort Trainer allein nicht reicht, sondern dass man in inklusivem Überschwang auch noch die Frauen, Transsexuellen, ohne-Geschlecht-Lebenden und einige Bekloppte mit einbauen muss. Dann wird aus Trainer nach meinem Sprachverständnis Trainerinnen und Trainer. Da sind meiner Meinung nach alle mit gemeint: Die Frauen mit Trainerinnen, die Männer mit Trainer und die anderen mit dem Bindewort UND.

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Weshalb man aber „Trainer(Pause)innen und Trainer“ sagen muss, wird sich mir niemals erschließen.
Es kann doch nur bedeuten, dass normales Sprechen nicht mehr ausreichen soll. Und es bedeutet auch, dass nicht nur das normale Sprechen nicht mehr richtig sein soll, sondern auch das „normale“ Gendern mittlerweile schon nicht mehr genug ist. Nein, es muss der sprachliche Doppel-Whopper sein, Trainer*innen und Trainer.

Denn offenbar reicht es heute nicht mehr, korrekt zu sprechen. Man muss es auch hörbar korrekt meinen. Das Sprechen selbst wird zur Gesinnungsprüfung. Zur kleinen mündlichen Zusatzklausur im Nebenfach Zeitgeist. Wer die Pause nicht setzt, wer das Sternchen nicht mitdenkt, wer nicht hörbar stolpert, der hat offensichtlich innerlich noch nicht ausreichend gearbeitet.

Wer nicht mitmacht, wird angefeindet und, wie das eben heute Mode ist, sofort als Nazi diffamiert. Noch schlimmer: Die Weichgespülten haben sich für Menschen, die gerne korrektes Deutsch sprechen, das Schimpfwort Sprachnazi einfallen lassen.

Schon allein deshalb unterstütze ich seit Jahren die Aktion „Sprachwahrer des Jahres“ der Deutschen Sprachwelt1.

Das Ganze erinnert fatal an diese automatischen Sicherheitsdurchsagen: „Bitte beachten Sie beim Verlassen des Zuges den Abstand zwischen Zug und Bahnsteigkante.“ Niemand wäre je auf die Idee gekommen, ohne diesen Satz quer über den Bahnsteig in den Abgrund zu springen – aber gesagt werden muss er trotzdem. So ist es jetzt auch mit der Sprache. Man sagt nicht mehr Trainer, man sagt Trainer*innen und Trainer, damit auch wirklich jeder merkt: Hier spricht kein Mensch, hier spricht ein Haltungsbeauftragter.

Und natürlich genügt es nicht, einfach Trainerinnen und Trainer zu sagen. Das wäre ja zu flüssig, zu verständlich, zu alltagstauglich. Das könnte ja versehentlich noch wie Sprache klingen. Nein, es muss knirschen. Es muss knacken. Es muss diesen kleinen verbalen Bordstein geben, an dem jedes Gespräch einmal kurz stolpert, damit alle wissen: Achtung, hier wird gerade ein gesellschaftliches Großprojekt vollzogen.

Diejenigen, die so sprechen, möchten sich herausstellen, wie diejenigen, die jedem sofort auf die Nase binden, dass sie Vegetarier sind, dass sie mit meinem Glauben nichts anfangen können oder dass sie jetzt nur noch japanischen Muschi-Tee aus Chile trinken.

Das Sternchen ist dabei nicht mehr bloß ein Zeichen, sondern ein akustisches Möbelstück der Wichtigtuerei. Man hört es nicht nur, sondern allen anderen soll es aufgedrängt werden. Diese kleine kunstvolle Vollbremsung mitten im Wort, dieses erzieherische Hüsteln der Sprache, dieser Moment, in dem der Moderator innerlich vermutlich kurz prüft, ob er jetzt moralisch korrekt eingeparkt hat.

Inhaltlich geht es um Sport. Um Leistung. Um Training. Um Schweiß, Disziplin, Erfolge. Aber gesprochen wird es, als verlese man eine Betriebsanleitung für ein besonders empfindliches Haushaltsgerät. „Trainer… *innen… und Trainer.“ Bitte nicht zu schnell, bitte nicht zu natürlich, bitte nicht so, dass noch jemand denkt, hier stünde die Sache im Vordergrund und nicht die sprachliche Selbstvergewisserung. Ach was, es geht gar nicht um die Selbstvergewisserung. Die, die so sprechen, wissen genau, was sie da labern. Sie tun das, um anderen ihre Gesinnung um die Ohren zu hauen und um sich selbst darzustellen. Das ist keine Unterbrechung im Sprachfluss, um sich selbst irgendetwas zu beweisen oder, um zu überlegen, nein, es ist reine Selbstdarstellung mit selbsterteiltem vermeintlichem Bildungsauftrag.

Am Ende bleibt der Eindruck: Der Dank gilt nicht in erster Linie den Trainern. Er gilt der Sprache. Und der eigenen Kunst, sie so zu verbiegen, dass sie garantiert niemand mehr einfach nur versteht, sondern immer auch bewundert – für ihre moralische Gymnastik.

Früher sagte man: „Danke an die Trainer.“ Heute sagt man: „Seht her, ich weiß und belehre Euch darüber, wie das hier zu laufen hat.“

Dabei wedelt da der linguistische Schwanz mit dem sprachlichen Hund.

Infokasten: Wie viele Deutsche sind gegen „Gendern“?

Je nach Umfrage (Fragestellung, „Genderzeichen“ vs. „gendergerechte Sprache“ allgemein) liegen die Ablehnungswerte meist deutlich in der Mehrheit:

  • 65 % lehnen eine geschlechterneutrale Sprache in Medien und Öffentlichkeit ab (Infratest dimap, Mai 2021 / Trendangabe auf der Seite). Quelle: Infratest dimap
  • 73 % lehnen den Gebrauch von Gendersternchen oder ähnlichen Formen (Sternchen, Doppelpunkt, Kunstpause etc.) in Texten ab (Forsa/RTL-ntv Trendbarometer, Juli 2023; berichtet u. a. von n-tv). Quelle: n-tv (Forsa/RTL-ntv, Juli 2023)
  • 80 % lehnen Gendern für sich persönlich ab (Civey-Umfrage für t-online, Dezember 2023; 14 % dafür, 6 % unentschieden). Quelle: t-online (Civey, Dez. 2023)

Hinweis: Die Werte sind nicht 1:1 vergleichbar, weil die Fragen unterschiedlich formuliert sind (z. B. „Genderzeichen“, „in Medien/Öffentlichkeit“, „für mich persönlich“).

Eine Kindergärtnerin, sorry: Erzieherin, sagte neulich folgenden Satz zu mir: „Ja, so sind unsere Kinderinnen und Kinder, wir sind darüber sehr glücklich, auch die Erzieher(PAUSE)innen.“

Ich schrieb neulich schonmal über die „Gästinnen und Gäste“ und über die „Kund*innen und Kunden“. Doppelgemoppelte Sprachvergewaltigung ist das und nicht eine Verbesserung irgendeines Missstandes.
Es gibt kein Problem mit dem normalen Sprechen, ergo benötigen wir auch keine Lösung für dieses nichtexistente Problem.

Es kommt auf das Verbindende in unserer Gesellschaft an. Es kommt auf Inklusion und Teilhabe an. Das muss aber im täglichen Leben praktisch umgesetzt und geleistet werden, nicht durch eine quasi-religiöse Gehirnwäsche auf sprachlicher Ebene, die keiner will.

Wenn jemand unstillbaren Tatendrang verspürt, der mag sich doch dem intensiv drängenden Problemthema Nummer 1 widmen: Setze Deine ganze Kraft dafür ein, dass im Kölner Karneval das Dreigestirn endlich eine richtige Frau als Jungfrau bekommt, und nicht immer so einen verkleideten Erpel.

Bildquellen:

  • schere_800x500: Peter Wilhelm KI

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(©si)