Start Uncategorized Ihr hättet das damals nie überlebt!
  • Ihr hättet das damals nie überlebt!

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    „Papa, immer sagst du, das hat es früher alles nicht gegeben“, sagt mein Sohn zu mir. „Sowas gibt’s doch gar nicht.“

    „Was gibt es nicht?“

    „Na, du hast gesagt, dein Großvater hat noch nichtmal Strom gehabt. Das kann doch gar nicht sein, wie hätte der sich denn die Haare trocknen sollen?“

    Das stimmt, mein Großvater, geboren 1875, hat die Elektrifizierung Anfang des letzten Jahrhunderts noch miterlebt. Bis dahin galten fest installierte Gaslampen, die die Petroleumlampen ablösten, als große technische Errungenschaft. Zum Telefonieren ging man auf das Postamt und einen Fernseher, ein Auto oder andere technische Geräte, außer einem Volksempfänger hat mein Großvater gar nicht besessen.
    Aber das ist ja auch 100 bis 130 Jahre her. Meine Mutter war, wie ich, ein Nachkömmling, was den großen Generationenabstand erklärt. Meine Kinder können das alles gar nicht nachvollziehen.


    Sie kennen nur ihren Großvater, der ist jetzt Anfang Siebzig. Aber auch der hat es in sich. Es vergeht kein Zusammentreffen, in dem er nicht erwähnt, wie hart und entbehrungsreich seine Kindheit und Jugend war. Jeden Tag 12 Kilometer bei Wind und Wetter barfuß zur Schule, über die Stoppeläcker, durch den Schnee und bei Regen und Eis.
    Und das Brennholz für das Klassenzimmer musste er auch noch auf dem Hinweg schleppen.

    Später mußte er für 18 Pfennig in der Stunde hart auf dem Feld arbeiten und in seiner ersten Anstellung verdiente er 33 Pfennige. Von diesem Geld, das er eisern sparte, kaufte er sich zu allererst eine Aktentasche und liess sich die Schuhe neu besohlen.

    Nichts, aber auch gar nichts habe man sich gegönnt und wenn man mal ins Kino wollte, musste man eine ganze Woche oder länger auf warme Mahlzeiten verzichten.

    Das alles ist ja an sich noch nichts Schlimmes. Ärgerlich wird das Ganze, wenn der Opa meint, er müsse uns und die Kinder an diesen Maßstäben messen. „Die letzte Scheibe Brot müsst ihr immer liegenlassen!“ „Man kann der Sack auch zubinden, bevor er voll ist!“ „Ein Fresser wird nicht geboren, der wird gemacht!“
    Das sagt ein Mann, der mal eben vier sündhaft teure Anti-Milben-Matratzen für jeweil 798 Euro auf einer Kaffeefahrt erstanden hat (10% Sofortkaufrabatt!!!) und der mindestens 3 Mal pro Jahr weit entfernte Kontinente per Flugreise ansteuert und noch 4 Mal im Jahr weniger weit entfernte Länder per Bus bereist.

    Meine Frau und ich, sind der Ansicht, dass man den Kindern schon vermitteln sollte, wie das früher alles einmal gewesen ist. Aber diese übertriebene Sparsamkeit am falschen Platz sehen wir nicht ein.

    Auf der anderen Seite sind unsere Kinder überhaupt nicht in der Lage, zu verstehen, dass es alles, was man heute so hat oder haben will, früher gar nicht gegeben hat. Und wenn ich schreibe ‚früher‘, dann meine ich in unserer Kindheit.

    Ich meine, die Kinder und Jugendlichen habe es doch heute verflixt gut. Verglichen mit unserer eigenen Kindheit leben die doch in Utopia, im Schlaraffenland. Sie wissen doch gar nicht, wie gut sie es haben!

    „Papa, ich will einen MP3-Player, da kann ich 700 Lieder abspeichern und habe immer meine Musik dabei!“

    „Weiß du“, sage ich zu meinem Sohn, „früher haben wir mit einem Cassettenrekorder und einem geliehenen Überspielkabel den ganzen Tag vor dem Radio gesessen und darauf gewartet, dass unsere Lieder gespielt wurden. Wenn wir Pech hatten, hat dann der Moderator noch reingequatscht.“

    „Ich zieh mir die Dinger doch aus dem Internet!“

    „Das ist aber dann geklaut. Wenn wir früher Musik hätten klauen wollen, dann hätten wir eine 40 cm große schwarze Schallplatte klauen müssen.“

    Aber wem erzähle ich das? Mein Sohn kennt keine Schallplatten mehr. Hat er noch nie gesehen.
    Wir hatten als Kinder noch gar kein Internet, das gab es noch gar nicht. Wenn wir jemandem etwas schreiben wollten, mussten wir einen Stift und ein Blatt Papier nehmen und einen Brief schreiben, den man dann auch noch zur Post tragen musste.
    Heute drückt man ein paar Tasten und hat sich mitgeteilt. Damals wartete man eine Woche oder länger, bis ein Brief ankam.

    Das Internet macht doch alles so einfach. Sexseiten? Ich kann ja nur lachen! Die Damenunterwäscheseiten im Quelle Katalog, das waren unsere Sexseiten!
    Die Frau, die in der ‚Seife Atlantik‘-Reklame ihre Nippel zeigte, das was für uns Pornographie! Heute gibt es nichtmals mehr diese Seife! (Gruß an die Delfinseife!)

    „Ja, aber Telefon hattet ihr doch schon, oder?“

    „Ja klar hatten wir Telefon, so mit Wählscheibe und so….“

    „Was ist denn eine Wählscheibe, Papa?“

    Ich erkläre es meinem Kind und es schüttelt nur verständnislos mit dem Kopf. Er kann sich auch nicht vorstellen, dass die Telefone damals kein Display hatten und wir nicht vorher schon wussten, wer da anruft. Man musste drangehen, um zu erfahren, wer da anruft.

    „Waren eure Handys dann so groß, dass die eine Wählscheibe hatten?“

    „Wir hatten doch gar keine Handys. Keine SMS, nichts.“

    Hier hört das Verständnis meines Sohnes für seinen Vater auf. DAS kann er nun wirklich nicht glauben, dass wir keine Handys hatten. Von diesem Moment an bin ich mit meinen Geschichten aus dem tiefsten Mittelalter in den Bereich des Unglaubwürdigen abgerutscht.

    Vor allem die Tatsache, dass wir früher keine Playstation hatten und im Fernsehen nur drei Programme liefen, kann er überhaupt nicht glauben. Ich persönlich kenne ja noch den Zustand, dass wir überhaupt nur ein Programm hatten, das erst um 16 Uhr anfing und um 22.30 Uhr Sendeschluss hatte. Aber sowas wie ein Testbild kennt mein Sohn auch nicht.

    Auch McDonalds kannten wir nicht. Wenn wir überhaupt mal Geld für sowas hatten, kauften wir uns eine Portion Pommes an der Frittenbude. Das war etwas ganz Besonderes! Ach ja, in meiner Kindheit gab es noch nichtmals Tiefkühlkost! Mal eben so sagen: „Papa, mach mal ne Pizza!“ ging nicht. Und überhaupt: Die ersten Italiener haben damals Eisdielen aufgemacht, eine Pizzabude an jeder Ecke gab es auch nicht.

    „Warum habt ihr dann keine Döner gegessen?“

    Tja, Türken gab’s hier auch noch keine.

    Ich glaube, wenn es so etwas wie eine Zeitmaschine gäbe, müsste man mit unseren Kindern nicht mehrere hundert Jahre zurückreisen. Die würden sich schon 30 oder 40 Jahre früher nicht mehr zurechtfinden.
    Und ich musste nicht barfuss, mit Brennholz auf den Schultern über die Stoppelfelder zur Schule laufen.

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