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  • Das dritte Bein

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    Man kann sich gar nicht vorstellen, wie sehr so ein Rücken schmerzen kann! Ich hab ja schon lange Rücken. Erst dachte ich, ich hätte Niere, aber der Arzt lachte nur und meinte, das müsste dann schon eine verirrte Wanderniere sein. Nein, ganz eindeutig, ich hab Rücken.
    Man könne da Spritzen geben, was aber ebenso schmerzhaft wie zweifelhaft in der Wirkung wäre, sagte der Weißkittel und schrieb mir Massagen auf.

    Ich wollte da ja gar nicht hingehen. Es ist mir nämlich schleierhaft, wie jemand durch bloßes Berühren meines Körpers meinen armen, geschundenen Rücken heilen können soll. Und außerdem bin ich tief in meinem Inneren ja immer noch davon überzeugt, dass ich eventuell doch Niere haben könnte. Und ob der Masseur da hinkommt?


    Anke meinte, es wäre jetzt aber doch mal an der Zeit, das Rezept einzulösen, das gilt nämlich nur drei Monate und sie glaube gehört zu haben, dass man ab nächstem Jahr mehr dazuzahlen muss, wenn man es einlöst.

    Zwei Straßen weiter gibt es so ein Massageinstitut, da will ich hingehen.

    „Sag bloß nicht Massageinstitut!“

    „Was soll ich denn sonst sagen?“

    „Sag lieber Physiopraxis oder sowas.“

    „Machen diese Masseusen da jetzt eine Massage oder nicht?“

    „Die machen schon Massagen, aber sag um Himmels Willen nicht Masseusen!“

    „Ich weiß gar nicht was du willst, liebe Frau. Warum soll ich zu allem etwas anderes sagen?“

    „Du bist weltfremd!“

    So sitze ich also mit Rücken, der wahrscheinlich doch Niere ist, und meinem Rezept in der Hand in dem geschmackvoll eingerichteten Wartezimmer der Massagepraxis und komme mir weltfremd vor.
    Wenig später erscheint eine hübsche junge Frau, die ein kleines Messingschild an ihrem weißen Kittel trägt, das kundtut, dass es sich um Fräulein Andrea handelt. Sie hat unglaublich lange Beine und sieht aus, wie die babylonische Mondgöttin persönlich. Ihre grünen Augen funkeln und wie sie so ab und zu mit der Zunge über ihre Lippen fährt, das macht mich etwas wuschelig.

    Andrea führt mich in einen kleineren Raum, der nur spärlich möbliert ist. Eine lederüberzogene Liege in der Mitte und ansonsten nur noch ein Regal mit diversen Handtüchern und Fläschchen.
    An einem Ende hat die Liege ein Loch. Wozu?

    „Wollen Sie es mit Musik?“ fragt Fräulein Andrea und reißt mich aus meinen Überlegungen um dem Sinn und Zweck dieses Loches.
    Musik? Das wäre vielleicht nicht schlecht, denke ich und nicke nur.

    „Dann machen Sie sich doch bitte mal frei und legen sich entspannt auf die Liege. Es kommt dann gleich jemand und kümmert sich um Sie“, spricht die Schönheit, drückt mir ein flauschiges Frotteehandtuch in die Hände, leckt sich etwas die Lippen, funkelt mich grünäugig an und entschwindet.

    Beim Rausgehen drückt sie auf einen Knopf neben dem Lichtschalter und wenig später dudelt französische Chansonmusik aus irgendwelchen versteckten Lautsprechern.

    Wenigstens ist es angenehm warm in dem Raum. Ich beginne mich zu entkleiden und überlege immer noch, wozu das Loch in der Liege dienen könnte. Das Leder ist doch kühl, stelle ich fest, als ich mich auf die Liege lege. Ich liege auf dem Rücken und bekomme Gänsehaut. Das Loch befindet sich am Kopfende und mein Kopf fällt halb hinein. Das ist sehr unbequem.
    Außerdem komme ich mir ziemlich entblößt vor, wie ich da so splitternackt auf dem Präsentierteller liege.

    Die Tür ist nur angelehnt und ab und zu huscht ein weibliches Wesen in Weiß vorbei.
    So liege ich da, mit überstrecktem Kopf, die Beine leicht gespreizt und wenige Meter entfernt huschen die Weißkittelfeen vorbei. Obwohl ich eigentlich damit beschäftigt bin, die Löcher in der Deckenverkleidung zu zählen, bemerke ich, dass sich mein kleiner Freund regt.
    Was will der denn jetzt schon wieder?
    Wie immer gibt er mir keine Antwort und regt sich weiter.
    Die Gedanken rasen nur so durch meinen Kopf. Wenn mein kleiner Freund sich nur ein bisschen regen würde, wäre das ja gar nicht schlimm. Er hätte dann ein Format, das man vorzeigen könnte. Nicht, dass ich mich jemals wegen meines Geschlechtsteiles geschämt hätte. Es ist ein ganz normales Geschlechtsteil. Nicht extrem groß, nicht ausgesprochen klein, eben ganz normal.
    Aber die Weißkittelinnen da draußen scheinen alle etwas jünger zu sein und diese jungen Luder haben doch heute meistens ausländische Freunde. Vielleicht sind Türken ja besser bestückt, als wir nordischen Typen? Und dann schießt mir durch den Kopf, dass die Mädchen da draußen vielleicht sogar Neger als Freunde haben könnten und was die für Gemächte haben, ist ja hinlänglich bekannt.
    Wenn also mein kleiner Freund sich nur ein ganz kleines bisschen regt, wäre das vollkommen in Ordnung für mich. Aber irgendwie scheint die Kommunikation zwischen Kleinhirn und Großhirn nicht so ganz zu funktionieren und er wächst weiter. Um es geradeheraus zu sagen, nur eine Minute später liege ich da auf dem Rücken auf der schwarzen Lederliege und habe eine mittelschwere Verhärtung im Lendenbereich.

    Was soll ich tun? Einerseits bin ich ja schon deutlich über Vierzig, um ehrlich zu sein, gehe ich stramm auf die Fünfzig zu und da mutmaßen ja solche jungen Dinger ohnehin immer, man könne gar nicht mehr. Im Grunde wäre das mal eine Demonstration, dass ich keiner von denen bin, bei denen nichts mehr geht und die es nicht mehr bringen.
    Auf der anderen Seite ist mir die Situation peinlich, denn schließlich bin ich hier, weil ich Rücken (und vermutlich sogar Niere!) habe. Und dabei eine Erektion zu bekommen, ist vermutlich sehr unangebracht.

    Krampfhaft denke ich an besonders ekelhafte Dinge um meinen Kopf freizubekommen von jeglichem erotischen Gedankengut. In meiner Verzweiflung konzentriere ich mich sogar auf meine fette Tante Martha-Luise. Bei ihr habe ich in meiner Kindheit einmal einen Urlaub verbracht und es gibt niemanden auf der ganzen weiten Welt, der weniger erotisch ist, als Tante Martha-Luise. Doch meine Gedanken spielen mir einen Streich und es mogeln sich Kindheitserinnerungen darunter, die ich schon längst vergessen glaubte. Die Kuh von Tante Martha-Luise hieß Dorothea und ich durfte sie vor vierzig Jahren einmal melken. Vor meinem geistigen Auge sehe ich ihr dickes, prall gefülltes Euter vor mir und mein kleiner Freund da unten wird zum Goliath.

    Ich müsste ihn vielleicht mit irgendetwas abkühlen, kommt mir in den Sinn. Im Regal stehen ja etliche Plastikflaschen. Vielleicht enthält eine von ihnen eine kühlende Desinfektionsflüssigkeit oder sowas. Vorsichtig stehe ich auf und untersuche die Flaschen. Sie sehen im Grunde alle gleich aus und statt einer Aufschrift tragen sie nur Nummern. Nummer 1 schraube ich auf und rieche daran, nichts. Nummer 2 riecht leicht nach Mandel und Nummer 3 nach Zitrone.
    Ich entscheide mich für Nummer 3, auf Zitrusfrüchte stehe ich nämlich gar nicht und hoffe inständig, dass das mein kleiner Freund da unten auch so sieht.

    Ich träufele mir etwas von der Flüssigkeit auf die Hand, das heisst, ich will mir etwas auf die Hand träufeln. Stattdessen kommt erst gar nichts aus der Flasche und als ich sie ein wenig drücke kommt gleich ein dicker Schwall zäher, weißer, glibberiger Massageflüssigkeit heraus.
    Egal, sie ist kalt! Schnell verpasse ich meinem geschwollenen Körperteil eine kühlende Packung in der Hoffnung, dass ihn das zur Besinnung bringen wird.

    Das funktioniert aber nicht! Stattdessen wird die Flüssigkeit durch meine Körperwärme immer flüssiger und beginnt auf den Boden zu tropfen. Mir fällt das Handtuch wieder ein und ich wische alles mit dem dunkelblauen Frotteehandtuch auf. Ich wische auch mich ab.
    Mist!

    Die Massagecreme hinterlässt auf dem Handtuch weiße Glibberflecken. Das glaubt mir doch kein Mensch, dass das Massagecreme ist! Außerdem scheint sie irgendeinen Bestandteil zu enthalten, der auch in Rheumasalbe enthalten ist. Jedenfalls wird mein Härtling da unten ganz heiß. Nein, das ist nicht der richtige Ausdruck, er beginnt zu glühen und wird puterrot!

    Das Waschbecken! Hurra, das ist ja DIE Idee! Warum bin ich da nicht früher drauf gekommen?
    Ich lasse Wasser über meine Schwellung laufen, minutenlang.

    Durch die angelehnte Tür ruft Fräulein Andrea: „Alles in Ordnung bei Ihnen, wir kommen dann jetzt gleich, entspannen Sie sich!“
    Gott sei Dank kann sie mich nicht sehen, der Türspalt ist auf der anderen Seite. Ich kühle und wässere weiter, doch leider ist das Ganze nicht von dem erhofften Erfolg gekrönt.
    Zum einen scheint mein kleiner Freund, der eigentlich mittlerweile ein großer Freund ist, die ganzen Manipulationen mit Creme, Handtuch und Wasser vollkommen misszuverstehen, zum anderen hat ihn das erneute Auftauchen von Fräulein Andrea zu neuer Aktivität ermuntert. Dieser Schuft!

    Man muss es doch mal ganz klar sagen: Normalerweise sind Männer im meinem Alter doch hin und wieder davon betroffen, dass ihr Teil im entscheidenden Moment nicht das tut, was es soll, oder?
    Ach so, das ist ja jetzt bei mir auch so, nur andersherum…

    Mensch, schießt es mir durch den Kopf, ich hab doch Rücken! Da liegt man doch sicher nicht auf dem Rücken, während man massiert wird, sondern auf dem Bauch.
    Man kann sich gar nicht vorstellen, wie schnell ich mich bewegen kann, wenn es darauf ankommt. Vor der Tür höre ich nämlich Schritte.
    Deshalb spurte ich zu der Liege und mache förmlich einen Hechtsprung auf die Liege. Dieses Mal lege ich mich auf den Bauch und stecke die Füße durch das Loch in der Liege, das ist viel bequemer.

    Das Handtuch lege ich mir über den Hintern, das kommt meinem Schamgefühl sehr entgegen und vor allem verbirgt es ein bisschen, dass ich den Po etwas hochstrecken muss, denn mein kleiner verhärteter Freund will sich immer noch nicht enthärten.

    Kaum eine Minute später betritt die Person den Raum, die mich massieren soll. Wir erinnern uns: Ich habe Rücken, der vermutlich Niere ist!

    Die Person, die den Raum betritt ist männlich, eindeutig männlich. Ein Baum von einem Mann, wenigstens 1,90 groß. Das weiße T-Shirt lässt die Arme frei und zeigt wunderschöne farbige Tätowierungen. Erich, so stellt sich der Hüne vor, tut sich etwas Öl auf die Hände und beginnt es durch intensives Händereiben aufzuwärmen.

    „So, dann wollen wir mal“, sagt er und zieht mir das Handtuch weg.
    „Umdrehen!“

    Wie? Umdrehen? Ich habe doch Rücken, denke ich und sage es ihm auch:

    „Ich hab‘ doch Rücken!“

    „Ja, schon klar, aber Sie müssen sich umdrehen, Sie liegen mit dem Kopf am Fußende.“

    In diesem Moment wird mir der Sinn des Loches in der Liege klar. Da kann man sein Gesicht hineinlegen, damit man ganz gerade ist, wenn man bäuchlings auf der Liege liegt.
    Im gleichen Moment wird mir aber auch klar, dass ich mich nicht so ohne weiteres umdrehen kann, denn mein kleiner Freund macht immer noch keine Anstalten, sich auf ein Normalmaß zu verkleinern.
    Was würde Erich wohl denken (und noch schlimmer, was würde er mit mit machen?) wenn er sähe, dass ich auf seine Gegenwart mit einer Erektion reagiere. Oder ist der vielleicht sogar möglicherweise schwul und…. Oh Gott, was soll ich machen?

    Erich hat ganz augenscheinlich einen dicht gefüllten Terminkalender. Anders ist es nicht zu verstehen, dass er mir erst einen festen Klaps auf den Rücken gibt und mich dann mit sanfter Gewalt von der Liege schubst. „Los, andersherum!“, sagt er dabei.

    Von der restlichen Glibbercreme an meiner Verhärtung hat sich auf der Liege ein mittelgroßes Rinnsal gebildet und ich stehe splitterfasernackt, immer noch verhärtet, vor dem Masseur. Er blickt erst mich an, dann das weißbefleckte Handtuch in seinen Händen.

    Langer Rede, kurzer Sinn: Ich darf da nicht mehr hinkommen.

    Zu Hause wartet Anke schon sehr gespannt auf mich: „Und, wie war’s?“

    „Geil“, sage ich.

    „Fühlst du dich jetzt besser?“

    „Eigentlich nicht.“

    „Warum denn nicht, hat die Massage nicht geholfen?“

    „Doch, doch, aber ich bin jetzt ziemlich geschlaucht und muss mir erst mal das ganze Massageöl vom Rücken waschen. Ich geh jetzt duschen.“

    Ungefähr 30 Minuten kaltes Wasser braucht es, bis die Anspannung sich aus allen Körperteilen gelöst hat. Welch eine Erlösung!

    Irgendwie werde ich Anke jetzt klar machen müssen, dass ich nicht mehr zur Massage will, schließlich hat der Doktor gleich vier solche Behandlungen aufgeschrieben.

    „Ach, übrigens“, sage ich deshalb zu Allerliebsten, „der Masseur hat gesagt, ich hab wahrscheinlich doch Niere!“

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