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Zwei Stunden am Freitag Nachmittag

Zwei Stunden am Freitag Nachmittag

Geronimo fährt Traktor und Geronimo fährt mir mit seinem Traktor über die Füße. Lisa schlägt mir ins Gesicht und Karl tritt mir vor das Schienbein.

Nein, ich werde nicht etwa von einer Bande krimineller Frühreifer zusammengeschlagen, sondern ich sitze mit meiner 8-jährigen Tochter Josie im Wartezimmer beim Kinderarzt.

Als wir das Wartezimmer betreten, sitzen schon sechs Mütter mit neun Kindern da. Zwei der Mütter sind Türkinnen und unterhalten sich in atemberaubender Geschwindigkeit und ohrenbetäubender Lautstärke auf Türkisch. Eine andere Mutter kommt aus Afrika, kann ebenso wie ihr Kind nur Französisch und schimpft unentwegt mit dem kleinen schwarzen Zottelkopf. Das Kind mit dem Namen Geronimo gehört einer Italienerin, die dem Treiben ihres Sohnes mit stoischer Gelassenheit zuschaut. Geronimo hat den Plastiktraktor erobert, indem er eines der türkischen Mädchen, mit einem gezielten Fußtritt in den Nacken vom Fahrersitz verdrängte. Jetzt fährt er alles um, was ihm im Weg steht, inklusive meiner Füße, und ich habe Schuhgröße 47!


Zwei weitere Mütter kommen vom Balkan und sprechen offenbar nicht dieselbe Sprache. Das hindert sie aber nicht daran, sich angeregt zu unterhalten. Diverse Inkompatibilitäten hinsichtlich des Vokabulars überspielen die beiden durch gleichzeitiges Anheben sowohl der Stimmlage, wie auch der Lautstärke. Über irgendeinen Punkt geraten die beiden Frauen dann aber doch in Streit und tragen diesen durch das gegenseitige Bewerfen mit herumliegenden Bauklötzen aus. Ich muss mich ducken, um nicht getroffen zu werden, denn die eine sitzt links von mir und die andere auf meiner rechten Seite. Als die beiden ihren Disput beilegen, findet die Versöhnungsfeier praktisch auf meinem Schoß statt. Man tauscht aus den mitgebrachten Einkaufstaschen Tomaten, Kopfsalat und etliche frisch geschlachtete Hühner aus.

Zwei Stunden am Freitag NachmittagZwei Stunden am Freitag Nachmittag

Die sechste Mutter ist Deutsche und liest eine Zeitschrift. Zwischendurch blickt sie immer mal wieder hoch und dirigiert ihren Björn-Hendrik aus dem Gewühl tobender Kinder heraus.

„Björn-Hendrik, darüber müssen wir aber später diskutieren!“

Björn-Hendrik nickt brav und als die Glucke sich wieder hinter die Zeitschrift duckt, zeigt er ihr beidseitig den Stinkefinger, streckt die Zunge heraus und tritt anschließend einem Mädchen namens Riula in den Hintern.

Josie, meine Tochter, sitzt mir gegenüber. Offensichtlich ist sie das einzige Kind, das wirklich krank ist und leidend Ruhe bewahrt. Ich meine aber auch zu bemerken, dass ihr das Treiben ihrer Altersgenossen in höchstem Maße peinlich ist.

Die Lautstärke in dem überhitzten Raum ist unerträglich und es stinkt zunehmend nach Baby-Kacke. Eine der Balkanbewohnerinnen wickelt ihr Kind direkt vor meinen Füßen und schmeißt die vollgeschissene Windel in den Papierkorb, der sinnigerweise direkt vor der kochendheißen Heizung steht und keinen Deckel hat. Ich bekomme Kopfweh und mir wird allmählich schlecht.

Zwei weitere Mütter kommen herein, beides Deutsche. Wenigstens kann ich jetzt verstehen, was die Frauen erzählen. Die nicht enden wollende Schimpfkanonade der farbigen Französin ist so abgehackt, dass meine Französischkenntnisse kaum ausreichen, um es zu verstehen. Türkisch und Balkanesisch kann ich sowieso nicht. Nächstes Mal schicke ich die Allerliebste, die hat irgendsoein Muttergen und kann das Theater vielleicht besser ertragen. Außerdem kommt ja einer ihrer Stammesväter vom Balkan, was es ihr möglicherweise erleichtert sich in das babylonische Sprachgewirr einzufinden.

Die beiden deutschen Frauen unterhalten sich über das familienorientierte Stillen. „Ich bin ja in einer alternativen Stillgruppe. Das hat mir ja soviel gebracht!“

„Ach was?“

„Ja, ich praktiziere familienorientiertes Stillen.“

„Und wie geht das?“

„Durch den selbstverwirklichenden Akt des Stillens binde ich die Familie in die Verantwortlichkeit ein und fördere dadurch die Sozialkompetenz meines Mannes und der anderen Kinder.“

„Ach, das klingt ja interessant!“

„Ja, ich stille zu festgelegten Zeiten, an denen die übrigen Familienmitglieder einen Kreis um mich bilden und durch leises Summen eine harmonische Atmosphäre schaffen. Ich entkleide dann meinen kompletten Oberkörper, denn nur durch das Betrachten der weiblichen Brust in ihrer Stillfunktion kann die allbeherrschende Macht von Mutter Natur auch in den Kreis der Familie getragen werden.“

„Das ist super, das mache ich auch!“, sagt die andere, die hochschwanger ist. „Ich will ja eine Wassergeburt machen.“

„So in einer Wanne sitzend? Davon habe ich gehört, das soll sehr gut sein.“

„Nein, eine Unterwassergeburt!“

„Unter Wasser?“

„Ja, ich werde bei jeder Wehe untergetaucht bis das Kind dann kommt. Das ist besonders deshalb wichtig, weil der Körper der Gebärenden sich dabei automatisch nah Norden ausrichtet und das Kind parallel zum Nord-Süd Meridian geboren wird. Dann hat es von Natur aus eine super Polung!“

„Das finde ich Klasse! Ich habe ja während der Schwangerschaft nicht geraucht.“

„Sie rauchen?“

„Nein, ich habe noch nie geraucht, auch während der Schwangerschaft nicht. Ich nehme ja selbst heute noch keinen Lippenstift, weil ich nicht möchte, dass der Farbstoff durch die Muttermilch in den Kleinen übertragen wird.“

„Das finde ich gut! Ich trinke derzeit nur französisches Mineralwasser. Mein Mann ist ja Franzose und wir wollen später vielleicht mal nach Frankreich. Dann kennt mein Kind schon den Geschmack vom Wasser und kann sich besser einleben.“

„Woran man alles denken muss, nicht wahr?“

„Ja, da machen sich die Männer gar keine Gedanken drüber!“

Ab und zu kommt die Sprechstundenhilfe und holt eine der Mütter mitsamt angeblich erkranktem Anhang ab. Es wird aber leider nicht leiser und auch die Luft wird nicht besser, denn es kommt ständig Nachschub an Mutter-Kind-Gespannen. Die großen Stühle im Wartezimmer sind inzwischen alle belegt und einige der Mütter müssen sich auf diese winzigen Kinderstühlchen setzen. Ich bin ja früh gekommen und habe einen großen Stuhl ergattert. Jetzt schauen mich alle Frauen feindselig an. Wie kann dieser Mann bloß die Frechheit besitzen, einen großen Stuhl zu okkupieren, während eine leidende Mutter auf einem Stühlchen sitzen muss!

Einige der Frauen tuscheln bereits und ich muss um meine Sicherheit fürchten, es riecht zunehmend nach Kacke, Kotze, Medizin und Lynchjustiz. Deshalb biete ich einer Mutter meinen Stuhl an. Ich kann ja auch stehen. Die Frau nimmt dankend an, die Lage entspannt sich und die Frauen wenden sich wieder ihrem Gezeter zu. Auf meinem Stuhl wickelt die Mutter jetzt ihr bekacktes Windelkind und nachdem der Stuhl ganzflächig mit Kinderkacke überzogen ist, fährt sie kurz mit einem winzigen feuchten Papiertüchlein über die Sitzfläche und meint: „Jetzt können sie sich wieder setzen.“

Ich will aber nicht. Josie hält sich bereits seit einer geraumen Weile die Nase zu. Ich weiß nicht, was mehr stinkt, die Babykacke oder die kleine Ziege, die eine hinzugekommene polnische Mutter mitgebracht hat. Die Frauen vom Balkan unterhalten sich ganz augenscheinlich darüber, wie man die Ziege am Besten zubereiten kann und nur die beiden deutschen Mütter verhindern eine Schlachtung des armen Tieres direkt im Wartezimmer. Sie sind Vegetarierinnen und wollen das nicht. Eine andere hinzugekommene Deutsche meint aber, man könne nicht früh genug anfangen, den Kindern zu zeigen, wo unsere Nahrung herkommt. Während die Mütter das Für und Wider dieser Argumente erörtern, fällt Geronimo von der Decke. Er hatte entdeckt, dass man mit dem Trecker mit viel Anlauf, über meine Füße hinweg, die Wand bis fast zur Decke hochfahren kann.

Es ist Licht am Ende des Tunnels. Ein Mann kommt herein, ein echter Mann! Vielleicht trägt das zur Entspannung der Situation bei und ich bin nicht mehr das einzige Objekt der mütterlichen Anfeindungen. Doch leider bleibt er nicht lange, er bemerkt, dass er sein Kind zu Hause vergessen hat und geht wieder. Schade!

Ich bin etwas enttäuscht, doch da kommt schon wieder ein Typ und der hat tatsächlich ein Kind dabei. Das hat er sich mit einem komischen bunten Wickeltuch irgendwie vor die Brust gebunden. So bleibt er neben der Tür stehen und macht dabei wiegende Bewegungen in der Hüfte und summt immer wieder die selbe Melodie.

Eine der Mütter fragt ihn nach dem Kind und wir alle erfahren, dass das Melanie ist, die einmal Pianistin werden soll. Als Heilpädagoge wisse er ganz genau, dass man gar nicht früh genug anfangen könne, die Kinder musikalisch zu prägen. Er und seine Frau hätten sich schon vor der Zeugung des Kindes für die Gesänge der Tipikota-Indianer entschieden und die müsse er dem Kind jetzt unablässig näherbringen.

Naja, wenn’s schön macht!

Ich warte jetzt schon eine geschlagene Stunde, obwohl ich einen Termin habe. Die Polin mit der Ziege ist erst vor zehn Minuten gekommen und verliert die Geduld.
Sie rauscht mitsamt ihrem Ziegentier zum Empfang und staucht die Sprechstundenhelferinnen zusammen. Mit Erfolg! Sie und die Ziege dürfen als Nächste ins Sprechzimmer. Erst da wird allen Anwesenden bewusst, dass das gar keine Ziege ist. Meine Güte, was gibt es hässliche Kinder!

Ich bin schon ganz froh, als Geronimo endlich dran ist. Erstens wird wieder ein großer Stuhl für mich frei und zweitens nimmt Geronimo den Plastiktraktor mit und dadurch entspannt sich die Lage an der Kinderfront. Nach schon anderthalb Stunden sind ich und Josie tatsächlich auch an der Reihe. Glücklicherweise hat Josie nix Schlimmes und wir können bald wieder gehen.

Ich beschließe aber ab jetzt jeden Freitag ein Stündchen im Wartezimmer des Kinderarztes zu sitzen, da erlebt man so schön viel!

Zwei Stunden am Freitag Nachmittag

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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