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Zu klein gedruckt

Zu klein gedruckt

Niemand wird jünger! Soviel steht fest! Aber trotzdem finde ich es gemein, dass die Allerliebste immer wieder auf den altersbedingten Erscheinungen herumreitet, vor allem dann, wenn diese Erscheinungen sich die Ehre geben, bei mir zu erscheinen.

Immer wieder bringt sie beispielsweise mein üppig wallendes Haupthaar zur Sprache. Ich habe noch nie so lange Haare gehabt wie sie. Seit mindestens 20 Jahren trage ich meine Haare extrem kurz geschnitten. Besonders wenn sie frisch geschnitten sind kann man sogar etwas die Kopfhaut durchschimmern sehen. Anke sieht darin allerdings nur ein Zeichen des körperlichen Verfalls und meint, es sei eine Riesenglatze, die sich da unter meinen Haaren breit mache.
Aber hallo! Jeder Mensch hat auf dem Kopf im Grunde genommen eine Riesenglatze, nur dass eben Haare drüber sind und man diese Glatze nicht sieht. Ist doch logisch, oder?

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Es kann natürlich sein, dass bei mir das eine oder andere Haar im Laufe meines Lebens ausgefallen ist. Manche sind nachgewachsen, andere wiederum eher nicht. Daraus ergibt sich am Hinterkopf tatsächlich eine ebenso kleine, wie unbedeutende etwas weniger behaarte Stelle.
Muss sie aber ausgerechnet auf diese klitzekleine Stelle immer wieder hinweisen? Mich kränkt das und es raubt mir die Kraft, neue Haare zu entwickeln. Würde sie mich nicht immer deswegen so ärgern, wären die paar fehlenden Haare bestimmt schon nachgewachsen.

Seit einigen Wochen hat Anke aber ein neues Thema. Sie macht sich über mein Augenlicht Sorgen. Ich sitze vor dem Fernseher in unserem spärlich beleuchteten Wohnzimmer (ich sage nur: Duftkerzen!) und nehme die Fernsehzeitschrift zur Hand. Das Tagesprogramm ist in dunkelroten Buchstaben auf dunkelblauem Hintergrund in aberwitzig kleinen Buchstaben abgedruckt.
Ich muss etwas die Augen zusammenkneifen um aus dieser psychedelischen Farbkombination überhaupt etwas herauslesen zu können. Anke sieht das und fragt mit einem spöttischen Unterton: „Ach? Brauchen wir jetzt schon eine Brille?“


Wie ich das hasse, wenn sie ‚wir’ sagt! Sie trägt nämlich schon seit hunderten von Jahren eine Brille, vermutlich wurde sie mit dieser Brille sogar geboren, was immerhin eine Erklärung dafür wäre, dass ihre Mutter Magda immer mal wieder zum Besten gibt (gerne auch mal beim Essen), wie schwer die Geburt gewesen sei.

Zu klein gedrucktZu klein gedruckt

Ich möchte nicht verhehlen, dass ihr die Brille sehr gut steht, aber immerhin hat sie eine und damit überhaupt keinen Grund meine kurzzeitige farbenbedingte Sehschwäche spöttisch zu kommentieren.

Ein paar Tage später will ich das Kreuzworträtsel der Tageszeitung lösen, aber die Buchstaben sind viel kleiner als sonst. Es fällt mir sehr schwer, die Fragen zu lesen. Anke meint nur: „Tja, da wird wohl bald eine Brille fällig!“
In den vielen Jahren unserer Ehe habe ich es mir angewöhnt, nicht auf alles, was sie sagt, eine Antwort zu geben. So auch in diesem Fall.
Doch die Stichelei zeigt ihre Wirkung und als ich bei einem örtlichen Optiker im Schaufenster ein Schild mit der Aufschrift ‚kostenloser Sehtest’ entdecke, beschließe ich, einen solchen Test an mir durchführen zu lassen.
Man muss durch so eine Art Fernglas schauen und auf Buchstaben an der Wand blicken. Das macht ziemlich viel Spaß! Ich bin mir sicher, dass ich alle Buchstaben absolut korrekt abgelesen habe und schreibe es der übersteigerten Geschäftstüchtigkeit des Optikers zu, dass er mir trotzdem unbedingt eine seiner Brillen verkaufen will.

„Damit warten wir noch, bis ich irgendwann einmal wirklich schlechte Augen habe, sage ich zu ihm.
„Mein Herr, sie haben bereits sehr schlechte Augen!“, will er mich doch noch zum Kauf einer Brille bewegen, aber ich erkenne den Trick. Mit einem angeblich kostenlosen Test lockt er die Menschen in seine Verkaufshöhle und dann zwingt er ihnen in räuberischer Absicht eines seiner Gestelle auf. Kostenlos, von wegen!

Vermutlich liegt es ausgerechnet an diesem kostenlosen Test, dass mein Augenlicht nun tatsächlich etwas abzunehmen scheint. Ob der da irgendwas mit meiner Netzhaut gemacht hat? Ich werde diese Sache, im wahrsten Sinne des Wortes, im Auge behalten!

Es ist zum Verzweifeln! Jedes Mal, wenn ich auch nur im Geringsten den Anschein erwecke, dass ich irgendetwas nicht erkenne, schlägt Anke die Axt ihres Spottes in die vermeintliche Kerbe meines angeblichen körperlichen Verfalls.

Warum drucken die auch alles immer kleiner? Früher waren die Buchstaben in der Zeitung viel größer! Vor allem im Supermarkt fällt es mir zunehmend schwerer, die richtigen Waren zu finden. Okay, ich weiß natürlich ganz genau, wo alles liegt und glücklicherweise sind auf vielen Produkten ja auch Bilder drauf, aber die Beschriftungen sind dermaßen winzig geworden, dass man sie ohne Lupe kaum erkennen kann. Eigentlich eine Frechheit!
Man kann beispielsweise Hagebuttentee überhaupt nicht von Früchtetee unterscheiden und Haselnusskrokantschokolade sieht exakt genauso aus, wie Pfefferminzrahmschokolade. Das ist aber bei weitem noch nicht so schlimm, wie die Verwechslungsgefahr bei Zahncreme und Fußpilzsalbe! Außerdem finde ich es eine Frechheit, dass verschiedene Produkte aus dem Bereich der Damenhygiene haargenau genauso eingepackt sind, wie richtige Männersachen, also zum Beispiel französischer Weichkäse (Doppelrahmstufe).

Aber, wie gesagt, ich weiß ja so ziemlich, wo alles liegt. Deshalb bleiben mir peinliche Begebenheiten an der Kasse erspart. Ich unterstütze das aber auch dadurch, dass ich sowieso nur noch Sachen kaufe, von denen ich ganz genau weiß, wie sie aussehen und sich anfühlen.
Ein Problem habe ich aber, als Anke mir einen Einkaufszettel mitgibt. Es steht zu befürchten, dass sie lauter Dinge aufgeschrieben hat, die ich normalerweise nicht kaufen würde. Draußen vor dem Haus, wo es etwas heller ist, lese ich mir durch, was sie da alles so haben will. Es sind lauter blöde Sachen!
Harzer Roller
Haargummis
Frischhefe
Kosmetiktücher
Juqral

Moment! Was bitte so Juqral sein? Ein netter kleiner Junge hilft mir, als ich wenig später vor dem Supermarkt immer noch über Juqral nachsinne. Er liest mir vor, dass da Joghurt steht. Was schreibt die Allerliebste aber auch so undeutlich!
Den Harzer Roller finde ich sehr schnell, aber die Haargummis sind nicht so ganz einfach. Wenn ich bloß wüsste, wie die Dinger verpackt sind, dann könnte ich an der Form der Packung etwas erken-nen. Aber irgendwie finde ich sie dann doch.
Ist Frischhefe eigentlich das Zeug in den kleinen Tütchen oder sind das diese Würfel? Ich entscheide ad hoc, dass das die Würfel sind, denn die kann ich besser ertasten. Bei den Kosmetiktüchern lasse ich mir von einer freundlichen Frau helfen, die sich aber weigert, den ganzen langen Einkaufszettel der Allerliebsten mit mir durchzugehen. „Wenn sie nicht lesen können, gebe ich ihnen gerne die Nummer vom Alpha-Telefon. Gegen Analphabetismus kann man doch was machen!“, sagt sie. Frechheit!

Nachdem ich ja weiß, das Juqral Joghurt sein soll, nehme ich einfach eine ganze Palette gemischten Fruchtjoghurt mit, da kann ich nichts falsch machen. Ich weiß zwar ganz genau, dass Anke niemals welchen mit Himbeer will, aber ich kann ja einfach behaupten, dass ich die Becher mit Himbeer für mich gekauft habe.
Der Zettel hat leider noch eine Rückseite und auf der hat meine liebe Frau alle Gemeinheiten dieser Welt aufgeschrieben.
Tampons
Enthaarungscreme
eine Wimpernzange
Zahnseide
Kosmetikpads
Luftballons
1 Flasche Ouzo

Das mit dem Ouzo ist das geringste Problem. Meines Wissens hat die Flasche so einen großen roten Aufdruck. Die habe ich schnell gefunden.
Luftballons liegen erstaunlicherweise direkt neben den Tampons im Damenhygieneregal. Ich finde nicht, dass man Kinderspielzeug direkt neben Tampons verkaufen sollte! Sicher, irgendwann werde ich mich den Fragen der Kinder bezüglich Vermehrung und der damit zusammenhängenden körperlichen Vorgänge stellen müssen, aber das hat doch sicher noch ein paar Jahre Zeit, vielleicht bis sie 20 sind oder so.
Zumindest beschließe ich vorsichtshalber, dass ich wenigstens im Beisein der Kinder vorerst in diesem Laden keine Ballons mehr kaufen werde.
Was um alles in der Welt sind Kosmetikpads? Pads könnten so etwas wie Paddel sein, aber wozu brauchen Frauen in der Kosmetik Paddel? Wenn ich eine Packung Ohrenstäbchen kaufe, könnte das möglicherweise so etwas Ähnliches sein.
Zahnseide ist allerdings etwas sehr Schwieriges! Die Sachen im Zähneputzregal sind alle ziemlich gleich verpackt. Ich entschließe mich dazu, durch die Anwendung eines Abzählreims das richtige Produkt herauszufinden. Nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung habe ich eine viel größere Chance, als etwa beim Lotto!
Die Wimpernzange werde ich nicht kaufen. Ich habe erstens keine Ahnung, was eine solche Zange sein soll und zweitens keinen blassen Schimmer, wo ich das finden könnte. Beim Werkzeug, bei den Haarpflegeprodukten oder bei den Kosmetiksachen?
Als letztes Produkt von Ankes Liste kaufe ich die Enthaarungscreme. Es war die einzige Tube mit Creme bei den Haarsachen.

Durch das lange Suchen sind meine Augen dermaßen überanstrengt, dass ich der Verkäuferin einfach mein Portemonnaie gebe, damit sie sich den passenden Betrag einfach herausnimmt. Das Kramen nach dem Kleingeld wäre mir einfach zu mühsam.

Vielleicht liegt ja mein Augenproblem auch daran, dass ich bis spät in die Nacht über meine Manuskripte gebeugt sitze, um für meine Leser lustige Geschichten zu schreiben. Also, etwas Mitgefühl bitte!

Immerhin gebe ich ja in gewisser Weise zu, dass es da möglicherweise doch ein klitzekleines Problem mit meinen Augen gibt. Aber ich finde, dass es noch keine behandlungswürdigen Ausmaße angenommen hat. So zehn, zwanzig Jahre werde ich bestimmt noch ohne Brille auskommen.
Natürlich ist Anke da vollkommen anderer Meinung. Die Tampons entpuppen sich bei gründlicher Inaugenscheinnahme durch die Allerliebste als Zigarettenhülsen und die Luftballons als Kondome. Statt des Ouzos habe ich WC-Reiniger gekauft, aber immerhin einen in Flaschen! Die Zahnseide habe ich tatsächlich getroffen und das bestärkt mich in meinem Glauben an Abzählreime.
Schon viele Entscheidungen in meinem Leben habe ich anhand von Abzählreimen getroffen. Beispielsweise die Auswahl meiner Ehefrauen. Bei einer Trefferquote von 50:50 liege ich doch ganz gut, finde ich!
Anke jedenfalls ist der Meinung, ich hätte nur Quatsch gekauft und will nun unbedingt, dass ich mir eine Brille zulege.
„Es führt kein Weg daran vorbei, du brauchst unbedingt eine Brille!“, beschließt sie.
„Nein, ich komme ganz gut ohne Brille aus, wenn du mir nicht solche blöden Zettel schreiben würdest!“
„Du kannst dich winden wie ein Aal, aber eins steht fest, du bekommst eine Brille!“
Wenn sie so spricht, weiß ich, dass ich keine Chance habe. Sie sitzt einfach in so vielen Dingen am längeren Hebel!
Doch da fällt mir die Geschichte vom alten Herrn Sander ein!
„Liebste“, sage ich zu meiner Frau, „erinnerst du dich noch an Herrn Sander?“
„Ja, aber sicher doch!“
„Weißt du eigentlich, dass der inzwischen geschieden ist?“
„Nein, wirklich?! Die Sanders waren doch schon so alt und mindestens 30 oder 40 Jahre verheiratet.“
„Eben! Herr Sander war mit seiner Frau immer so zufrieden und die beiden haben sich so gut verstanden. Aber dann hat Frau Sander gemeint, ihr Mann müsse unbedingt eine Brille haben.“

„Ja und? Irgendwann braucht jeder eine Brille!“
„Stimmt ja gar nicht! Buddha, Konfuzius, Moses und sogar Abraham und Jesus haben niemals eine Brille getragen!“

„Du bist ein Schmock!“

„Haha!“
„Ja aber erzähl mal, wie geht die Geschichte mit den Sanders weiter?“
„Jedenfalls hat er dann eine Brille bekommen und von dem Tag an seine Frau in ganz anderem Licht gesehen.“
„Ach komm, hör auf!“
„Doch, stimmt aber!“
„Ja, ja, ich glaube dir ja deine Sander-Geschichte, aber meinst du wirklich, ich sei so blöd und gehe dir jetzt auf den Leim?“
„Wieso das denn?“
„Weil du mir jetzt unterschwellig einreden willst, dass du in dem Moment, wo du eine Brille bekommst, genauso reagierst wie jener Sander, der dann auf einmal seine Frau richtig gesehen hat und sich dann von ihr getrennt hat!“
„Meine liebe Frau! Du bist ja wirklich so was von intelligent, aber genau DAS wollte ich dir nicht erzählen und schon gar nicht wollte ich dir irgendwas einreden.“
„Aha! Und was wolltest du mir erzählen?“
„Herr Sander hat mit der neuen Brille nicht seine Frau richtig gesehen, die sah aus wie immer, aber mit der neuen Brille hat er seine Frau in einem ganz anderen Licht gesehen!“
„Und in welchem Licht?“
„Er hat gesehen, dass auf dem Beipackzettel seiner angeblichen Herztabletten deutlich das Wort ‚Rattengift’ draufstand. Die Alte wollte ihn langsam vergiften!“
„Nein!“
„Doch!“
„Unglaublich!“

Von diesem Tag an hat die Allerliebste nie wieder auch nur das geringste Wort bezüglich einer Brille gesagt. Genau das gibt mir aber zu denken! Jedenfalls lese ich jede Packungsbeilage all meiner Medikamente neuerdings ganz genau durch. Im Badezimmer, wo wir sowieso gutes Licht haben, habe ich extra eine Lupe versteckt.

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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