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Wir müssen nach Olympia

Wir müssen nach Olympia

„Olympia in Rio de Janeiro!“, tönt Herr Sauerbrei und schlägt mit der, noch vom Zigeunerschitzel besafteten, Gabel an sein Weinglas. Das Stimmengewirr im Hinterzimmer der Gaststätte „Zum gafernden Turnschuh“ des Turnvereins von 1888 e.V. will aber nicht verebben.

Nochmals schlägt er an sein Glas, nichts.
Erneut, diesmal fester und sowohl Glas als auch die etwa 60 Anwesenden geben nach, das Glas durch klirrendes Zerspringen und die Anwesenden durch langsames Ruhigerwerden.

Der seit Ewigkeiten amtierende Sauerbrei ist 72 Jahre alt und wird das Amt des Vorsitzenden auch noch über sein Lebensende hinaus innehaben, alldieweil er in die Satzung hat schreiben lassen, daß ihn, wenn überhaupt, nur ein direkter männlicher Nachkomme aus der Sauerbrei-Linie im Amt beerben kann. Da er und seine Frau Frieda aber nur eine Tochter geboren haben und die seit zwei Jahren mit einer esoterisch veranlagten Realschullehrerin zusammenlebt, wäre eine Änderung der Satzung fällig, aber diesen Antrag zu stellen, traut sich keiner.

„Ruhe bitte!“ brüllt Sauerbrei, obwohl es schon längst ruhig ist und hebt nochmal an: „Olympia in Rio! Das ist unsere Chance! Auch unser kleines, aber aufstrebendes Fischerdörfchen an den Gefilden des herrliches Neckars sollte es doch fertigbringen, einen Athleten nach Argentinien zu schicken.“

Es entbrennt eine heftige Diskussion, die zum Gegenstand hat, daß Rio keineswegs in Argentinien, sondern in Brasilien liegt.
Es traut sich aber niemand, den altehrwürdigen Vorsitzenden, der sozusagen schon das Schnittbrot und die angehaltene Luft erfunden hat, von seinem Fehler in Kenntnis zu setzen.
Wirklich niemand? Doch!
Die Jüngste in der Runde, die 56jährige Religionslehrerin Trudegunde Splotz hebt den Finger, doch Sauerbrei breitet in aller präsidialen Breite sein Unwissen weiter aus. „Wir alle wissen, daß Argentinien im Reich der Mitte liegt, also quasi direkt in China, das war ja mal eine chinesische Provinz in England oder eine Kolonie von den Engländern in China oder so. Früher hieß das mal Hong-Kong, heute heißt das Shang-Hei oder wie der Spanier sagt: Rio de Schanairoh!“ Und um seine sportlichen alten Herren zu motivieren, ruft er ihnen noch aufmunternd zu: „Auf ins Reich der Mitte!“

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Da hält es Frau Splotz nicht mehr und sie ruft in den Saal: „Rio liegt doch nicht im Reich der Mitte!“

Und der 89jährige Kassierer des Vereins, Kurt Eimerblech (ich kann nix dafür, daß die Leute hier teilweise so blöde Namen haben), bestätigt das, indem er sagt: „Stimmt, das liegt nicht in der Mitte, sondern ziemlich weit rechts auf der Weltkarte!“

Und Hansjürgen Wampert winkt ab: „Nein, das stimmt nicht, China liegt nicht rechts! Auf meinem Globus da ist China immer hinten!“

„Egal wo es liegt, aber einen Sportler sollten wir wirklich nach China schicken“, ruft einer aus dem Saal: „Egal ob das nun hinten, links oder rechts liegt, meinetwegen auch bei Rio!“

Allgemeines zustimmendes Raunen, von überall werden Namen gerufen, jeder kennt einen Sportler im Verein, dem er die Teilnahme besonders zutraut.

„Ruhe!“ befiehlt Sauerbrei und befiehlt: „Keine Kinder und keine Frauen!“

Allgemeines betretendes Schweigen, denn der an Nachwuchsmangel leidende Verein hat kein einziges männliches Mitglied, das jünger als 75 Jahre ist, und die einzige Frau ist Frau Splotz, die Religionslehrerin.

Sie wirft ein: „Wenn, dann sollte das sportlich aktivste und jüngste Mitglied unseres Vereins nach Rio in Brasilien fahren, und das wäre dann ja wohl ich.“

Metzger Schwaber wiegt den Kopf und bemerkt: „Nordic Walking ist überhaupt kein richtiger Sport!“

„Hört, hört“, ruft Frau Splotz, doch ihr Ruf geht im allgemeinen Stimmengewirr unter. Alle sind der Meinung, Nordic Walking sei eine Fehlentwicklung der Evolution und absoluter Frauenkram, das käme ja nun gar nicht in Frage.

Man erörtert nun, welche Sportart überhaupt in Betracht kommt und welche Sportler des Vereins denn über eine entsprechende hohe Qualifikation verfügen. Es wird leiser im Saal und die anfängliche Euphorie macht großer Enttäuschung Platz. Der einzige Kugelstoßer im Verein, der jemals eine Kreismeisterschaft gewonnen hat, ist schon vor sechs Jahren unter großer Anteilnahme seiner Kameraden hochbetagt zu Grabe getragen worden, und der Rekordhalter (Bezirksklasse) bei den Weitspringern hat seinen letzten Rekord anläßlich des Gausportfestes im Jahre 1937 aufgestellt.

Grundsätzlich, so beteuert der heute 96jährige Greis, sei er durchaus bereit, nach China zu fahren, wenn sich jemand findet, der seinen Rollstuhl schiebe.

„Rio liegt in Brasilien!“, ruft Frau Splotz noch einmal und Herr Sauerbrei hält dagegen: „Und Nordic Walking ist trotzdem kein Sport!“

„Ja aber, was ist denn mit dieser neuen Sportart?“, fragt Schriftführer Gunzelmeier in die Runde und auf die Frage, um was für eine Sportart es sich handele, führt er aus: „Na diese neue Sportart da, von der man jetzt überall hört und liest, dieses Doping, das machen doch jetzt viele Sportler.“

Ja, davon haben alle schon mal was gehört, man weiß zwar nicht genau wie Doping geht, aber die Idee sei grundsätzlich nicht schlecht. Schließlich muß Doping noch was ganz Neues sein und da hätten auch die anderen Vereine sicher noch keine großen Erfahrungen. Außerdem sei es bis zu den Spielen ja noch etwas hin und da könne man das eine oder andere Talent sicher noch aufbauen.

Der 75-jährige Hans-Kurt Meitzner wird auserkoren, er sei der einzige wirklich in Frage kommende junge Mann; schließlich habe er den letzten vereinsinternen Boule-Wettbewerb gewonnen und immerhin sei ja das Werfen der Boule-Kugeln fast schon so wie Kugelstoßen, nur auf Französisch.

Apotheker Reiffenscheidt, der schon die ganze Zeit ein verschmitztes Lächeln auf den Lippen hat, erklärt sich bereit, das Aufbautraining von Meitzner persönlich zu überwachen und die erforderlichen Mitt… äh, Sportmittel zu beschaffen, Hauptsache der Verein übernehme die Kosten.

Einstimmiger Beschluß!

Schon nächste Woche beginnt das Training und der ganze Ort ist sich sicher, daß es nach den Olympischen Spielen in Rio (China) nur einen Goldmedaillengewinner im Doping geben wird: Hans-Kurt Meitzner.

Original aus 2008 © Peter Wilhelm, aktualisiert und angepaßt 2016

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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peter wilhelm autorenlesung
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Nein, das mit dieser Überschrift ist schon OK so; und sie ist auch kein schriftlicher...

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