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Wenn der Feind bekannt ist, hat der Tag Struktur (Volker Pispers)

Wenn der Feind bekannt ist, hat der Tag Struktur (Volker Pispers)

Wenn der Feind bekannt ist, hat der Tag Struktur (Volker Pispers)

Manchmal sehne ich mich beinahe in die „gute alte“ Zeit zurück, als in den damals drei verfügbaren Fernsehprogrammen um Mitternacht kurz die Nationalhymne dudelte und danach bis zum Sendestart am nächsten Abend ein bleiches Stilleben mit Weizengries zu bestaunen war. „Oh Gottchen“, werden die urbanen Smartphone-Virtuosen mit akkurat gepflegtem Vollbart, trendigen Jeanos und Poloshirt jetzt süffisant anmerken, „Opa schwelg mal wieder in Erinnerungen“. Aber das ist Unsinn. Auch ich erfreue mich an den zahllosen Radio- und Fernsehprogrammen in HD und weiß der Geier wie vielen Dolby-Digital-Kanälen, die komplett aufgelistet anmuten, wie die überbordende Speisekarte des Pakistanisch-Griechisch-Italienisch-Indisch-Türkischen-Tandori-Schnellrestaurants. Wobei ich dort nie esse – vermutlich gerade deshalb.

Jetzt kommt das Aber: Als es am Sonntagmorgen noch die schwarzweiß-Kultsendung „Der internationale Frühschoppen“ im Ersten gab, in der sich Werner Höfer und sechs Journallisten aus fünf Ländern mit zig Pullen Mosel-Plörre die Kante gaben, dazu Unmengen an Zigarren, Zigaretten und Pfeifen quarzten, das Studio feuchtfröhlich einnebelten und moderat betrunken die politische Weltlage diskutierten, war der Deutsche Michel spätestens bei der Markklößchen Suppe vor Muttis Rindsrouladen komplett über die Weltlage informiert und wusste, wer die Guten und wer die Bösen waren.

Das ist seit 1984 Geschichte, als dieses heimelige Wohlbefinden durch den Start des ersten Privatsenders RTL jäh hinweggefegt wurde. Nebenbei bemerkt: Die Koinzidenz zu dem Titel des Orwell Romans und dessen eisigem Sujet erscheint mir im nachhinein geradezu prophetisch. Die werbefinanzierten Medien sollten nach dem ausdrücklichen Wunsch des damaligen Bundeskanzlers Dr. Helmut Kohl das öffentliche rechtliche Fernsehen „ergänzen“. Hat dann ja auch bestens funktioniert. Kohls Duzfreund Leo Kirch ist mit seiner intellektuellen Pest gleich auf den Zug aufgesprungen und hat sich bei seinem seinem Gönner im Kanzleramt für dieses Claim auch von Herzen mit gönnerhafter Pose in Form von üppigen Parteispenden bedankt. Dumm nur, dass diese televisionäre Ergänzungen aus Unterföhring und Köln größtenteils ziemlicher Dreck sind und mit ihren unappetitlichen Werbeblöcken und verblödeten „Formaten“ das Pakistanisch-Griechisch-Italienisch-Indisch-Türkische-Tandori-Schnellrestaurant niveaumäßig locker unterbieten.

Wenn allerdings in den Nachrichten bei ARD, ZDF, oder den viele anderen beitragsfinanzierten Spartenkanälen ein „brandaktuelles“ Ereignis kommentiert wird, meist handelt es sich dabei um Krisen oder Kriege, hört sich das Resümee, sprich: wer die Guten und wer die Bösen sind, sowohl bei den Öffentlich-Rechtlichen, als auch bei RTL & Co seltsamerweise ziemlich einheitlich an. Dann sucht man die verheißenen Ergänzungen der Privatsender vergeblich. Es sei denn man betrachtet diese auffällige Homogenität als Teil eben jener Ergänzungen, wie wenn man auf ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte eine zusätzliche Portion Schlagsahne klatscht. Die Konditoren unter den Lesern dieses Beitrags mögen mir diesen Vergleich bitte verzeihen.

Nehmen wir beispielsweise die allseits beliebte Ukrainekrise, selbst auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole:

· Am 7. Juni 2014 wurde der freundliche proeuropäische Schokoladenkönig Petro Poroschenko in einer demokratischen Abstimmung zum neuen Präsidenten der Ukraine gewählt – sagen die einen, inklusive der beschriebenen Fernsehsender.

· Dass das Parlament bei dieser Abstimmung nicht beschlussfähig und die Wahl deshalb ungültig war, weil zu viele der Abgeordneten diesem abgekarteten Schmierentheater fernblieben und einem bis ins Knochenmark korrupten Rüstungs-Milliardär auf der Payroll der CIA ihre Stimme verweigerten, sagen die anderen…

· Am 16. März 2014 annektierte Russland in einem völkerrechtswidrigen Akt die Halbinsel Krim, sagen die einen, inklusive der beschriebenen Fernsehsender.

· Am 16. März 2014 fand auf der bis dato ukrainischen Halbinsel Krim ein Referendum statt, bei dem sich die mehrheitlich russischstämmige Bevölkerung mit überwältigender Mehrheit für einen Anschluss an Russland aussprach. Einen solchen Vorgang, bei dem sich ein Teilgebiet eines Staates friedlich und in freier Entscheidung von dem Mutterland lossagt, nennt man völkerrechtlich gesehen korrekterweise Sezession und nicht Annexion, wie gebetsmühlenhaft immer wieder falsch behauptet wird, sagen die anderen…

Und nein, „die anderen“ sind keineswegs irgendwelche verstrahlten YouTube-Spinner, die sich an kruden Verschwörungstheorien weiden, ihre Neurosen ausleben und am 21. Dezember 2012 stinkesauer auf die Majas waren, weil sich der Weltuntergang einen Dreck um deren mystischen Kalender scherte und einfach ausfiel. „Die anderen“ sind seriöse Journallisten, die jenseits der allgemeinen Sichtweise recherchieren und sich von wohlfeiler Propaganda tunlichst fernhalten.

Das Problem für den Deutschen Michel ist nun allerding, dass es für ihn kompliziert wird, wenn plötzlich zwei oder mehrere divergierende Meinungen zum gleichen Thema vorliegen und weil er bei der Markklößchen Suppe vor Muttis Rindsrouladen eben nicht mehr sicher sein kann, ob er komplett über die Weltlage informiert ist, oder ob er weiß, wer die Guten und wer die Bösen sind. Da kann es sein, dass der Michel kirre wird und am Ende vielleicht keinen Appetit auf den Karamelpudding zum Nachtisch hat. Das wäre fatal.

Aber gottlob hat er ja auf dem Chaiselongue neben dem Paradekissen mit dem mittleren Handkanten-Karate-Knick seine BILD am Sonntag liegen. Die kennt er schon sein halbe Leben, und bei der ist die Marschrichtung klar – egal ob Krim oder Syrien: Der Russe ist der Bösewicht. Das war er schon beim Adenauer, und das bleibt auch so. Erleichtern schnauft der Michel durch und kippt sich seinen Doornkaat rein, denn wenn der Feind bekannt ist, hat der Tag Struktur.

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Peter Grohmüller

Peter Grohmüller

Hallo, ich bin Peter Grohmüller und leide nicht an dieser Welt, aber mir fällt ihr Leiden auf.

"This world is sick and we are the doctors."

Wenn es eine Wunde gibt, dann muß man sie entweder heilen oder Salz hineinstreuen. Wir, das sind die Kritischen, die Hinterfragenden und die Lallbackenentlarver. – So einer bin ich.

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