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Tropisch, Linux und der Männerladen

Tropisch, Linux und der Männerladen

Neulich war ich ja mal im Männerladen, die Allerliebste hatte zugestimmt, daß ich da mal eben reinschaue, vorausgesetzt, sie darf draußen im Auto bleiben.

Tropisch, Linux und der Männerladen

„Warum denn das? Geh doch mit, da gibt es auch Sachen für Frauen. Denk nur mal an die geile Route-66-Lampe, die im Flur hängt“, sagte ich zu ihr.

„Nein, geh du mal alleine, laß dir ruhig Zeit, ich lese inzwischen hier die Zeitschrift. Du kannst ganz in Ruhe alles anschauen und brauchst dich auch nicht zu beeilen.“

„Warum willst du denn nicht mit rein?“

„Da ist immer fürchterlich warm drin und die Luft ist sehr schlecht. Und dann diese Musik….“

„Na gut, aber stell dich drauf ein, daß ich sehr lange brauche.“

„Mach ruhig und laß dir Zeit.“

Naja, da sage ich dann auch nicht Nein, denn ich hatte die Taschen voller Geld und vor mir lag das Paradies aller Männer, eine Filiale von Conrad-Elektronik, ein ganzer Männerladen fast für mich ganz alleine.
Ich weiß ja gar nicht was die wieder hat, aber die Luft im Männerladen ist auch nicht besser oder schlechter als bei Aldi oder so und daß da Musik läuft, ist mir noch nie aufgefallen, typisch Frau!

Tropisch, Linux und der MännerladenTropisch, Linux und der Männerladen

Ich wandte mich noch einmal an die Allerliebste: „Du weißt aber schon, daß ich heute wirklich besonders lange brauchen werde. Ich habe eine lange Liste mit Komponenten für den Computer aufgeschrieben und muß alle Packungen genau durchlesen, damit ich ja nicht das Falsche kaufe.“

„Laß dir Zeit!“, war das Einzige, was sie lächelnd dazu sagte. Eine gute Frau, eine sehr gute Frau.

Beschwingten Schrittes ging ich hinüber und freute mich, als die erste automatische Tür zischend aufglitt. Noch zwei Schritte durch den Windfang, dann würde sich die zweite Tür öffnen und vor mir würde es liegen, das Männerparadies! Tausende geiler Elektronik-Artikel, alle mit Lämpchen, Kabel und Fernbedienung, geil!

Ich hatte tatsächlich eine lange Liste von Webcams und Grafikkarten aus dem Internet abgeschrieben, denn ich wollte gute, aber preiswerte Hardware kaufen, die sowohl unter Windows, als auch unter Linux ihren Dienst verrichtet. Es würde sicherlich eine Stunde, wenn nicht zwei dauern, bis ich aus dem üppigen Angebot das Passende ausgesucht hätte. Und vielleicht schaue ich ja auch noch bei den Modelleisenbahnen vorbei.

Die zweite Zisch-Tür gleitet auf und ich trete ein in den Männerladen.
Doch statt eines freundlichen Fachverkäufers, der mich zielstrebig zu den von mir gesuchten Waren führt, empfängt mich Graf Yoster. Zumindest sieht der Mann so aus wie einstmals ein adeliger Fernsehdetektiv. Und dieser Mann im dunklen Anzug, sonnengebräunt, bestimmt über 60 Jahre alt, verstellt mir den Weg und fragt mich, ob ich mit dem Auto gekommen sei.

Dazu muß man wissen, daß der Conrad-Männerladen irgendwo weit draußen vor den Toren der Stadt liegt und man überhaupt nur mit dem Auto dahin kommen kann. Also nicke ich wahrheitsgemäß, was den adeligen Wegversteller dazu bringt zu sagen: „Dann brauchen Sie unbedingt einen kostenlosen Sehtest.“
Das ist aber nett von den Männerladen-Leuten, denke ich und schaue brav durch das nebendran auf einem Tischchen aufgebaute Sehtest-Spezialgerät.
Ich sehe viele Buchstaben und der Graf sagt: „Na, was lesen Sie da?“

Brav lese ich vor: G wie Gustav, U wie Ullrich, T wie Theodor…“
Da unterbricht er mich: „Nein, lesen sie mal am Stück!“
Ich sage: „Gustav, Ullrich, Theodor…“
„Nein, nicht Buchstabe für Buchstabe, sondern die ganzen Wörter, mein Gott, das kann doch nicht so schwer sein!“
Also lese ich vor: „Gut versichert im Straßenverkehr mit der Columbia Versicherung.“
„Sehen Sie“, freut sich der Graf, „jetzt haben Sie es doch!“
„Ja und jetzt?“ frage ich.
„Jetzt brauchen Sie nur noch hier zu unterschreiben und anzukreuzen, ob sie mit oder ohne Rechtsschutz haben wollen.“

Das ist gar kein Männerladen-Mann schießt es mir durch den Kopf, das ist so einer, der vorne im Eingangsbereich lauert und irgendwas verkaufen will! Mich ärgert nicht, daß er das versucht, mich ärgert, daß ich das nicht sofort gemerkt habe und meine wertvolle Zeit verplempert.
Entrüstet wende ich mich ab und lasse ihn einfach stehen. Sowas aber auch!

Ich beschließe, mich keinesfalls mehr durch igendwen aufhalten zu lassen. Wann habe ich schon mal die Chance, so lange wie ich will im Männerladen herumzustöbern?
Der nächste der mich anspricht ist ein Mann im hellblauen Hemd mit Schwitzflecken von der Achsel bis zum Hosenbund. Wieder so ein Mann von der Columbia-Versicherung denke ich und will ihn schon ins nächste Regal stoßen, da wird mir bewusst, daß es sich tatsächlich um einen freundlichen Verkäufer handelt, der nur fragt: „Mein Herr, kann ich Ihnen behilflich sein?“

Warum schwitzt der nur so?

„Ja“, sage ich, „wo sind die Grafikkarten?“

„Dort drüben, bitte kommen Sie! Was suchen Sie denn ganz genau?“

„Ach, das ist etwas komplizierter, ich habe mir eine lange Liste gemacht und muß alle Packungen genau anschauen, weil ich was für Linux brauche.“

„Bittesehr, hier sind die Grafikkarten. Linux sagten Sie?“

Ich nicke und er fragt weiter: „Ubuntu oder Suse?“

„Ubuntu“, sage ich.

Er bückt sich, nimmt eine Packung aus dem Regal, drückt sie mir in die Hand und sagt: „Die läuft 100-prozentig, ist ganz preiswert und wird gerne genommen.“

Normalerweise haue ich ja jedem Verkäufer, der mir den Scheißspruch „das wird gerne genommen“ an den Kopf föhnt, direkt ein paar in die Fresse, aber in diesem Fall hat er mir ja wirklich geholfen.
Inzwischen merke ich, warum der Verkäufer so schwitzt, es ist wirklich unglaublich heiß und stickig im Männerladen, die Luft ist zum Schneiden.

Als mich der freundliche Conrad-Mann zu den Webcams begleitet, laufen mir die ersten Schweißperlen den Rücken hinunter und sammeln sich am Bund der Unterhose. Das Angebot an Webcams ist schier nicht zu überschauen. Es gibt bestimmt 150 verschiedene Modelle. Da werde ich eine Weile zu suchen haben. Ich fummele die lange Liste aus der Hosentasche und merke, daß die Tasche an meinem Bein festklebt, so stark schwitze ich. Es ist wirklich unerträglich heiß im Laden, tropisch wie in einem Gewächshaus. Auch mein Kragen klebt schon am Hals fest, insofern hatte die Allerliebste Recht. Im Übrigen fällt mir auf, daß sie auch in Hinblick auf die Musik Recht hatte, es dudelt unerträglich laut aus allen Ecken. Von rechts Handy-Klingeltöne, weil eine Gruppe dunkelhaariger Jugendlicher Handys ausprobiert, von vorne eine Mischung aus Peter Maffay und „Rosenstolz“, weil zwei Goldkettchenträger verschiedene Autoradios voll aufdrehen und in der Abteilung für Musikinstrumente hämmern zwei Frühreife auf den elektronischen Orgeln herum.

Durch diese Kakophonie höre ich kaum, was der Verkäufer sagt, aber das ist auch nicht so wichtig. Ich ziehe meine Brille aus der schweißnassen Brusttasche meines Hemdes und will meine lange Liste durchgehen, da zieht der freundliche Verschwitzte eine Packung mit einer Webcam aus dem Regal und ich höre aus seinen Worten nur „Linux“, „billig“ und „wird gern genommen“ heraus.

„Sonst noch einen Wunsch?“ fragt der Verkäufer noch, doch ich kann nicht mehr richtig sprechen. Meine Zunge klebt vor Durst am Gaumen und ich kann nur noch den Kopf schütteln und dankbar gucken.

„Dann schauen Sie sich doch noch in Ruhe um, falls sie mich brauchen, bin ich da hinten an der Infotheke“, sagt der Verkäufer und trollt sich.

Mir ist aber die Lust vergangen, mich in Ruhe umzuschauen, Schweißperlen tropfen von meiner Stirn und die Tropfen vom Rücken haben die Barriere des Unterhosengummis durchbrochen und rinnen mir an den Beinen hinunter bis in die Socken; ein sehr unangenehmes Gefühl!

Ich beschließe, den Einkauf zu beenden, das was ich suchte, habe ich ja schon. An der Kasse bin ich schnell fertig und das ist auch gut so, inwzischen haben nämlich meine Schuhe angefangen zu quietschen, sie sind voller Schweiß und meine ganze Kleidung klebt an meinem Körper, wie ein Taucheranzug. Und dann diese Geräuschkulisse! Grauenvoll! Außerdem ist mir bis heute noch nie aufgefallen, wie es da riecht, nach Gummi, Plastik und irgendwie als ob ein Kamel in einen Kanister mit Flugzeugbenzin geschissen hätte…

Graf Yoster lauert wieder am Ausgang auf mich, ich beachte ihn aber nicht, sondern strebe, nach frischer Luft ringend, den Automatiktüren zu. Zweimal „Zisch“ und ich bin draußen in der frischen Frühlingsluft und atme tief durch.

Die Allerliebste ist erstaunt: „Du bist aber schnell wieder da? Hast du was vergessen? Du warst ja kaum zehn Minuten weg.“

„Nein, ich bin schon fertig“, sage ich.

„Mein Gott, warum schwitzt du denn so? War da wieder so heiß und stickig drin?“

„Nein, das kommt nur, weil ich mich so beeilt habe, ich wollte dich nicht warten lassen“, behaupte ich.

„Ach Schatz, du bist ja so lieb!“

Ja so sind wir, wir Männer!

Bild: www.pixelquelle.de

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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