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Surströmming

Surströmming

Die Feuerwehr ist gerade wieder weg, ich habe mir eine Standpauke des Feuerwehr-Kommandanten anhören müssen und bin froh, daß ich für den Einsatz nichts bezahlen muß.

Um es gleich vorweg zu sagen: Uns ist nichts passiert und das Haus steht auch noch.

Aber am Besten wird es sein, ich beginne ganz von vorne.

Surströmming

Vorgestern fand ich im Briefkasten eine jener roten Karten vor, die mir signalisieren, daß der Paketbote da war und nun ein Paket in der Poststelle auf Abholung wartete.
Heute am frühen Nachmittag bin ich hingegangen und habe mein Paket abgeholt. Da es bei uns kein Postamt mehr gibt, muß man in die örtliche Reinigungsannahme. Da bin ich aber schnell wieder mit meinem Paket verschwunden, denn in dem Laden roch es merkwürdig.


Zu Hause habe ich mir dann das Paket etwas näher angeschaut. Es ist etwa von der Größe eines Schuhkartons und kommt von meinem Freund Larko aus Finnland. Na, das finde ich aber nett. Mal sehen, was in der Schachtel ist, denke ich, mache aber vorher die Balkontür auf, denn das Paket hat offenbar den komischen Geruch aus der Reinigung angenommen, denn es riecht jetzt auch im Wohnzimmer muffig.

SurströmmingSurströmming

Im Paket befindet sich eine Karte von Larko auf der er uns „Guten Appetit bei Surströmming von Schweden“ wünscht. Außerdem ist da noch eine verbeulte Konservendose im Karton und etwas Holzwolle als Polsterung.

Die Allerliebste kommt nach Hause und unterstellt mir, ohne sich groß mit Grußworten aufzuhalten, ich hätte meine Flatulenz nicht unter Kontrolle.

„Stimmt doch gar nicht“, protestiere ich.

„Ach sei doch ruhig, man riecht das doch“, beharrt die Allerliebste, doch dann wird ihre Neugierde geweckt und sie fragt: „Was ist denn da in dem Paket?“

Ich sage: „Das ist irgendwas zum Essen, Larko aus Finnland hat uns das wohl aus Schweden mitgebracht, es heißt Surströmming.“

„Surströmming? Nie gehört, was soll das denn sein?“

Ich habe keine Ahnung, was Surströmming ist, aber die Dose ist sehr groß und Larko kennt sich mit gutem Essen aus. Also ist es bestimmt eine Spezialität. Es würde aber meiner, in langen Jahren, durch harte Arbeit gefestigten, Vormachtstellung als Mann erheblichen Schaden zufügen, wenn ich jetzt zugäbe, nicht zu wissen, was Surströmming ist. Deshalb sage ich nur: „Das ist etwas ganz Besonderes.“

„Los, mach es auf!“ fordert meine Frau mich auf und tänzelt so hin und her, wie nur Frauen es können. Ich meine, dieses Tänzeln kennt doch jeder Mann oder? Wer es nicht kennt, soll mal darauf achten: Das Budget ist gegen Monatsende schon ziemlich erschöpft, aber die neuen Schuhe bei Deichmann sind ja sooooooo süüüüüüüüß. Dann hängen die Frauen sich so niedlich an den Arm des Mannes und gucken so süß von unten, wie es sonst nur ein hungriger Dackel kann. Sie gucken sogar dann ganz süß von ganz unten, wenn sie so groß sind, wie die Allerliebste, die ja nahe der Einmetersiebzig angesiedelt ist. Ja und dabei machen sie Bewegungen mit ihren Schultern, linke vor, rechte zurück und umgekehrt, halten den Kopf etwas schräg und wippen so mit den Füßen.

Kurzer Einschub: Ich erwähnte ja gerade, daß die Allerliebste recht groß ist, zumindest für eine Frau. An und für sich finde ich das ja schön. Ich mache die Größe einer Frau nicht zum Kriterium für die Auswahl zur Paarung, nein das nicht, aber diese spezielle Frau hier ist ziemlich groß und das gefällt mir ganz gut. Erstens bin ich ja selbst recht groß, so knapp Einsneunzig, da wirken Frauen unterhalb von 160 Zentimetern sehr zwergenhaft, zum Zweiten streckt es natürlich ungemein und ich muß in der Küche bei der Verwendung fetthaltiger Produkte nicht so aufpassen, denn man sieht der Allerliebsten nicht jedes Pfund gleich an.
Auf der anderen Seite hat sich in letzter Zeit ein klitzekleines Problemchen ergeben. Die Allerliebste beharrt darauf, daß ich am Hinterhaupt eine kahle Stelle hätte. Ich hatte dort noch nie eine kahle Stelle, ja ich wurde schon mit üppig wallendem Haupthaar geboren! „Doch“, sagte die Allerliebste, „da wirst du langsam kahl.“

„Papperlapapp“, sagte ich, „in meiner Linie des Stammbaumes sind alle Männer mit geradezu affenartigem Haarwuchs gesegnet.“

„Und warum sieht man da nichts davon?“, fragte die Allerliebste spöttisch und stellte sich demonstrativ vor die Fotos meiner, teils längst verblichenen Vorfahren und Verwandten, die an der Wand hängen.

„Du weißt ganz genau, daß ich mir die Haare immer auf 9 mm schneiden lasse“, sagte ich.

„Ja, aber da hinten wirst du kahl.“ Dabei tippte sie auf das Bild von Onkel Karl. Ja, ich gebe zu, Onkel Karl hatte eine Vollglatze.

„Quatsch, durch den kurzen Haarschnitt sieht man bloß die Kopfhaut etwas mehr.“

Sie schaute mich mit spöttischem Grinsen an und tippte auf Opa Franz, auch ein Kahlkopf….

Diese Diskussion dauerte noch mindestens 30 Minuten, wenn nicht gar eine halbe Stunde.
Jedenfalls ist das mit ein Grund dafür, daß ich so große Frauen in bestimmten Momenten und Situationen doch eher als unpraktisch empfinde. Sie können einem fast auf den Kopf gucken.

Aber ich bin ja nicht doof. Seit diesem Tag habe ich es mir angewöhnt, sofort aufzustehen, wenn die Allerliebste ins Zimmer kommt und mich erst wieder zu setzen, wenn sie mir gegenüber sitzt. Von da kann man nämlich meinen Hinterkopf nicht sehen. Immerhin gelte ich seitdem als ein ganz besonders höflicher Mensch.

Mein Gedankengang wird unterbrochen, die Allerliebste deutet auf den Karton von Larko und wiederholt ihre Aufforderung: „Los, mach es auf!“

„Hörst du mir eigentlich gar nicht zu? Ich habe doch gerade gesagt, daß das etwas Besonderes sein muß. Das mach ich doch jetzt nicht so einfach auf. Heute Abend kommen die Brommers zu Besuch und da können wir das servieren.“

Normalerweise verfügt meine Frau über mehr als eine Million Methoden (exakt: 1.321.198, alle ausprobiert und erlebt!), um mich dazu zu zwingen, ihr willig zu sein, aber dieses Mal läßt sie erstaunlicherweise ihr Waffenarsenal geschlossen, was ich darauf zurückführe, daß sie in meinem Vorschlag die Chance sieht, um den Frohndienst in der Küche herumzukommen. Denn ursprünglich sollte sie Wurstsalat machen, den mögen die Brommers so gerne.

Zu den Brommers muß man wissen, daß ich die nicht leiden kann. Albin Brommer ist Lehrer an einer Walldorfschule und seine Frau Ilona nennt sich neuerdings Ma Amung und trägt aus irgendwelchen religiösen Gründen nur noch blaue Kleidung. Ursprünglich hatte ich gedacht, Ilona sei Buddhistin oder Hindu, aber sie hatte mich belehrt, daß sie einer sehr alten, beinahe uralten Religion aus Amerika angehöre. Zu den wichtigsten Erkenntnissen der „Church of the eternal Womm“ gehört, daß das Ende der Welt kurz bevorsteht, daß man ganz viele teure Bücher des kircheneigenen Propheten kaufen muß und daß man per Internet, selbstverständlich nach Entrichtung des vorgeschriebenen Obulus‘, zur Priesterin geweiht werden kann.
Jedenfalls sind die Brommers doof und die Allerliebste und ich streiten bisweilen über die Frage, wer die eigentlich angeschleppt hat. In dieser Frage sind wir aber zu noch keinem Ergebnis gekommen. Fest steht allenfalls, daß ein Bruder von Ilona mit der Allerliebsten in die Schule gegangen ist. Für mich ist das der untrügliche Beweis, daß die Allerliebste die Schuld am heutigen Besuch der Brommers trägt, während sie darauf hinweist, daß im Grunde genommen das halbe Dorf mit ihr in die Schule gegangen ist und diese Tatsache deshalb nicht gegen sie verwendet werden darf.

Wenigstens essen die Brommers Fleisch, wenn auch nur linksdrehendes oder so. Bis jetzt habe ich immer wenn die da waren, durch geschicktes Fragen schon während der Vorsuppe geklärt, welchen Anforderungen die Nahrung der Brommers genügen muß und dann hinterher beim Servieren allen unseren Speisen genau diese Eigenschaften angedichtet. Bis jetzt haben sie’s überlebt.

Heute wird es also „Surströmming“ von Larko geben.

„Weißt du denn, wie man das zubereitet und was das ist?“ unkt meine Frau.

Das trifft mich an einer empfindlichen Stelle und diese Stelle ist Einsneunzig groß.

„Natürlich weiß ich was Surströmming ist!“

„Na, dann ist ja gut“, ist alles, was die Allerliebste dazu sagt und beim Hinausgehen fügt sie noch hinzu: „Es stinkt, sprüh mal irgendwas!“

Wenig später stehe ich in der Küche und betrachte mir die Dose etwas genauer. Sie mißt etwa 20 cm im Durchmesser und ist gut 10 cm hoch. Deckel und Boden der Dose sind kugelförmig aufgewölbt, das ist ungewöhnlich. Auf dem Etikett ist ein Fisch abgebildet, der Text ist in Schwedisch.
Bevor ich etwas falsch mache, beschließe ich, im Internet nachzuschauen, was Surströmming ist und wie man das zubereitet.
Also tippe ich „Surströmming“ in die Suchmaschine ein und bekomme erstaunlich viele Ergebnisse. Bei einer Fluggesellschaft lese ich, daß sie sich weigert, Passagiere zu befördern, die Surströmming mit sich führen. Auf der Seite „Lecker schwedisch essen“ lese ich, daß es sich bei Surströmming um eingelegten Hering handelt und das Ganze sehr lecker sein soll.
Ich blättere weiter und stoße auf einen Eintrag, der da besagt:

„Surströmming ist eine schwedische Fischspezialität von einzigartigem, aber gewöhnungsbedürftigem Geschmack. Die jungen Heringe werden ohne Kopf mit einem Hefeaufguß roh in Dosen abgefüllt. Die Dosen werden nicht, wie bei anderen Fischspezialitäten erhitzt, sodaß bald in der Dose eine Gärung eintritt. Dies führt zur Aufwölbung von Boden und Deckel. In der Dose entwickeln sich nicht wohlriechende Gase, deshalb öffnet man sie unter Wasser, indem man ein Loch in den Deckel sticht. Erst wenn keine Gasblasen mehr aufsteigen, nimmt man die Dose aus dem Wasser. Danach wird sie komplett geöffnet. Der Sud ist ungenießbar und wird weggegossen. Die eingelegten Fische wässert man mehrere Stunden, dann kann der Surströmming genossen werden. Man zerdrückt die Fische auf frischem Brot. Guten Appetit!“

Langsam dämmert es mir und ich verstehe, warum es so komisch roch. Das muß diese Dose sein! Wenn der Fisch mehrere Stunden wässern muß, wird es langsam Zeit ihn zu wässern, denn es verbleiben nur noch 4 Stunden, bis die Brommers kommen, auf die ich überhaupt keine Lust habe. Ich hatte sogar am Morgen kurzfristig mit dem Gedanken gespielt, irgendwelche Schmerzen vorzutäuschen, aber leidvolle Erfahrungen aus der Vergangenheit ließen mich rasch davon Abstand nehmen. (siehe „Liebster, was fehlt Dir?“ in „Zum Hieressen oder zum Mitnehmen?“, von Peter Wilhelm, ISBN 3-935982-13-5)

Also heißt es jetzt die Dose zu öffnen. Ich nehme unseren Büchsenmilchöffner und haue beherzt ein Loch in den Deckel. Das hätte ich besser nicht getan! Unter lautem Zischen und Prusten entweicht explosionsartig eine stinkende Dunstwolke aus der Dose und die Tropfen werden in der halben Küche verteilt. Es riecht nach faulen Eiern und in mir steigt ein heftiger Würgereiz auf.

In Windeseile stöpsele ich die Küchenspüle zu, drehe beide Wasserhähne auf und befördere die Dose unter Wasser. Dort blubbert sie heftig vor sich hin und jede Gasblase die an die Oberfläche steigt verbreitet einen üblen Geruch. Dieser bewegt sich irgendwo zwischen frischer Babykotze und Kuhscheiße.

In diesem Moment betritt Anke die Küche, bleibt wegen des Geruches wie angewurzelt stehen und hält sich mit der einen Hand die Nase zu und mir mit der anderen Hand unser schnurloses Telefon hin. Ich frage: „Wer ist denn da dran?“

Doch die Allerliebste antwortet nicht, presst nur die Lippen aufeinander und wedelt mit dem Telefon. Ich nehme es, melde mich und am anderen Ende der Leitung ist Larko. Eben dieser Larko, der mir die Stinkedose geschickt hat.

Ob sein Paket angekommen sei, will er wissen, und als ich ihm erzähle, wie sehr es stinkt, lacht er nur und meint, das müsse so sein und der Fisch schmecke später umso besser. Je mehr es vorher stinke, desto leckerer sei diese schwedische Spezialität. Er lacht immer noch, als wir unser Gespräch beenden.

„Sag mal, spinnst du?“ fragt die Allerliebste von der Türe aus, „Das stinkt ja als habe hier eine Herde toter Hammel in die Küche geschissen.“

„Tote Hammel scheißen nicht mehr“, entgegne ich ziemlich ungehalten und merke, daß ich in eine Zwickmühle gerate. Denn normalerweise hätte ich die stinkende Dose jetzt nach dem Ausgasen in eine Plastiktüte gestopft, diese zugeknotet und den ganzen Mist in den Mülleimer geworfen. Larko hätte ich später irgendwas erzählt und wir würden an diesem Abend etwas ganz anderes essen. Aber dieser spöttische Blick der Allerliebsten weckt in mir den männlichen Stolz und ich kann jetzt nicht mehr zugeben, daß es einfach nur schlecht riecht. Ich muß diese doofe Dose jetzt verteidigen und sage:

„Ja, das muß so sein, ich lüfte gleich und wische hier alles weg. Dann mache ich die Dose auf und wässere den Fisch. Du wirst sehen, der schmeckt dann prima!“

„Du, ich sag dir jetzt was. Du kannst den Fisch meinetwegen aus der Dose holen, ich gehe sogar noch weiter, ich werde mir das Zeug sogar mal anschauen, aber wenn du glaubst, daß ich etwas esse, was so stinkt, dann hast du dich getäuscht“, sagt die Allerliebste, dreht sich um und stapft mit der ihr eigenen Eleganz davon, nicht ohne die Küchentür fest zu schließen.

Da bin ich also nun allein in meiner Küche, in der es stinkt wie in einem nie gereinigten Schafstall und schaue auf die unter Wasser liegende Dose, aus der immer noch, in größer werdenden Abständen, Gasblasen aufsteigen.
Mit einem in Reinigungschlor getauchten Schwamm beseitige ich die vorher herausgespritzten Tropfen und mir scheint es so, als würde dadurch der Geruch in der Küche besser. Jedenfalls kann man wieder mit offenem Mund atmen.

Als die Gasblasen nachlassen, hole ich die Dose aus dem Wasser, lasse dieses ablaufen, trockne sie ab und hole unseren Dosenöffner.
Ja und dann begann die Kette der Ereignisse, die in Wirklichkeit schneller ablief, als ich es hier erzählen kann.
Ich steche mit dem Dorn des Dosenöffners in die Dose und drehe den Knebel, der Deckel löst sich gut und ich hebe ihn ab. Grauenvoller Geruch steigt empor. In diesem Moment beginnt der Gas- und Rauchmelder in der Küche wie wild zu piepsen und zwar in einer Lautstärke und Frequenz, daß es mir fast das Trommelfell heraus haut. Ich verlasse die Küche fluchtartig. Doch genau in dem Augenblick, als ich die Küchentür öffne, meldet sich auch der Gas- und Feuermelder im Gang und kurz darauf auch der im Treppenhaus. Dort hört man die Stimmen unserer aufgeregten Nachbarn. Die Allerliebste stürzt aus dem Wohnzimmer und während ich noch hilflos die Schultern hebe und nur das Wort „Surströmming“ sagen kann, hören wir schon von Weitem die Martinshörner der örtlichen Feuerwehr.

Wenig später stürmen vier Feuerwehrmänner mit Atemschutzmasken die Treppe hoch, unsere Nachbarn stehen draußen auf der Straße und ich bin in Erklärungsnot.

Die Feuerwehr stellt schnell fest, daß es nicht wirklich brennt, kein Gas austritt und nur eine simple Fischdose aus Schweden, die mir mein finnischer Freund Larko geschickt hat, Schuld an der gasigen Stinkwolke in unserer Wohnung ist.
Man zwingt mich, unter Androhung körperlicher Gewalt, den Fisch sofort zu wässern und auch das nur, weil ich beteuere, der Gestank ließe dann nach. Ich fülle einen Putzeimer mit Wasser, kippe den stinkenden Fischsud in den Ausguß der Spüle, lasse Wasser nachlaufen und schütte die Fische in den Putzeimer. Die leere Dose muß ich den Feuerwehrmännern aushändigen, die sie in einer Art luftdichter Kühltasche mitnehmen.

Daß die ganze Sache mit der Feuerwehr für uns glimpflich abgelaufen ist und gnädigerweise nur als Übung betrachtet wird, ist allein der Tatsache zu verdanken, daß die Allerliebste auch mit den meisten Feuerwehrmännern zur Schule gegangen ist. Diejenigen die dafür zu jung sind, sind aber Nachkommen von Ankes Mitschülern oder kennen zumindest jemanden, der jemandem kennt, der mit einem von Ankes Lehrern weitläufig verwandt ist.
So ist das eben hier auf dem Lande, die meisten sind irgendwie miteinander verwandt und ich bin fest davon überzeugt, daß bei vielen sogar die Eltern Geschwister waren. Immerhin bin ich mir bei meiner Allerliebsten sicher, daß das nicht so ist, denn sie ist ja Abkömmling irgendeines Balkanvolkes. Zumindest kocht sie ungarisch scharf, flucht auf bulgarisch, träumt manchmal laut auf Rumänisch und hat das Temperament albanischer Gebirgs- und Steppenreiter und sieht ziemlich tschechisch aus. Vermutlich kommt sie also aus Jugoslawien…

Jedenfalls kommen wir glimpflich aus der ganzen Feuerwehrgeschichte raus und Anke schenkt im Treppenhaus meinen besten Gin an unsere dadurch leicht zu versöhnenden Nachbarn aus.

Kurz darauf steht sie in der Küche, hat die Hände über den Hüften in die Taille gestemmt, die Nase rotzig nach oben gereckt und macht mir Vorwürfe. Ich mag diesen Dialog nicht wiedergeben, ich käme nicht gut dabei weg, wirklich nicht.

Und das alles wegen einem Dutzend kleiner, kopfloser Heringe, die Surströmming heißen und jetzt in einem Putzeimer voller Wasser herumdümpeln.

In der ganzen Wohnung riecht es immer noch nach Klärgrube und Faulgasen, auch wenn das allmählich etwas besser wird. Das liegt daran, daß der üble Geruch aus dem Putzeimer mit jedem Wasserwechsel nachlässt und weil die Allerliebste schon zwei Dosen meines besten Deodorants versprüht hat.

„Den Mist kannst du übrigens alleine essen“, sagt sie zu mir und richtet -ständig auf vermutlich Bessarabisch oder Mazedonisch fluchend- ihren Wurstsalat an.

Im Grunde genommen hat sie ja Recht. Inzwischen ist soviel Zeit vergangen, daß der Besuch der Brommers kurz bevorsteht und insgeheim bin ich natürlich auch der Meinung, daß man Larkos Fische nicht essen kann, aber das würde ich natürlich niemals zugeben. Dafür war schon zuviel passiert und ich habe den Fisch schon zu oft verteidigen müssen. Irgendwo haben ja auch wir Männer unseren Stolz.

Wenigstens ist der Geruch aus der Wohnung verschwunden, als die Brommers kommen. Albin und Ilona, letzte heißt ja jetzt Ma Amung, was ich aber geflissentlich niemals sage, bringen uns einen Knotenstrick mit. Also es ist tatsächlich nur ein Stück Kälberstrick, in dem vier Knoten sind. Das soll die vier Jahreszeiten oder die vier Himmelsrichtungen verkörpern, ich habe es nicht richtig verstanden. Jedenfalls hat Ma Amung glänzende Augen, als sie uns das Ding überreicht und Albin sucht sofort eine Stelle, wo wir das aufhängen sollen, das soll nämlich ganz doll gegen irgendwas helfen. Ich höre da gar nicht zu, das ist mir viel zu blöd und ich will mich mit diesem halb esoterischen und halb antroposophischen Quatsch gar nicht abgeben. Anke geht es vermutlich genauso, denn sie lächelt ein gequältes Lächeln, bedankt sich artig und nachdem Albin und Ilona-Ma Amung am Esstisch Platz genommen haben verfrachtet sie den Knotenstrick mit einem kurzen, heftigen Tritt in unsere Abstellkammer.

Die Brommers wollen stilles Wasser. „Wenn’s geht aus den Vogesen“, bittet Albin und ich nicke, denn für solche Gäste habe ich jedes Mineralwasser der Welt wie selbstverständlich. Während ich ihm eine ganze Karaffe am Wasserhahn in der Küche fülle, fällt mein Blick wieder auf den Eimer mit den Surströmming-Fischen.
Anke hat ja ihren Wurstsalat aufgetischt und versichert Ilona gerade sehr überzeugend, daß es sich ausschließlich um Wurst vom Biometzger handelt und die Schweine dafür ausschließlich eines glücklichen, natü?lichen Todes gestorben seien. Im Grunde genommen ist es doch ganz einfach, seine Gäste zufriedenzustellen.

Ich wechsele noch einmal das Wasser vom Surströmming und stelle fest, daß die Fische darin gar nicht schlecht aussehen, außerdem stinkt es überhaupt nicht mehr, so glaube ich zumindest.

Als ich mit der Karaffe echten Vogesenwassers ins Wohnzimmer zurückkomme, hebt Albin etwas die Nase, schnüffelt hörbar und sagt: „Sag mal, kann es sein, daß ich Surströmming rieche?“

„Du kennst Surströmming?“ frage ich erstaunt zurück.

„Aber natürlich“, sagt Albin und fügt begeistert hinzu: „Das ist eine ganz tolle Sache aus Schweden, riecht zwar erst ein ganz kleines bißchen, aber es schmeckt herrlich, den bekommt man hier ja kaum.“

Auch Ilona hat strahlende Augen und sagt: „Sag bloß, du hast das geahnt, daß wir gerne Surströmming essen? Das kennen wir nämlich von unseren Urlauben in Schweden. Hast du welchen?“

Ich nicke und fange mir einen bitterbösen Blick der Allerliebsten ein, die demonstrativ ihren angeblich biologischen Wurstsalat umrührt. Aber der Wunsch meiner Gäste ist mir heilig.

Das Wasser habe ich schnell abgegossen und den Surströmming mit unserer Grillzange auf einen Teller gelegt. Mit den Fingern möchte ich ihn nicht anfassen, denn so ganz ohne Wasserbedeckung riecht der schwedische Fisch doch ziemlich streng. Es ist zwar nicht mehr dieser starke, alles betäubende Faulgasgeruch, der noch am Nachmittag die Feuerwehr auf den Plan gerufen hatte, aber wer schon mal dabei gestanden hat, wenn ein Straßen-Gulli gereinigt wurde oder wer schon mal im Hamburger Hafen den Geruch des brackigen Hafenwassers wahrgenommen hat, der weiß wie Surströmming nach dem Wässern riecht.

Albin und Ma Amung lassen sich dadurch nicht beirren. Kaum steht der Teller mit den Fischleichen auf dem Tisch, greifen sie mit bloßen Fingern zu, legen ihren Kopf in den Nacken und lassen jeder einen ganzen Fisch im Halse verschwinden.

„Hmmmm, lecker“, stöhnt Albin verzückt und Ilona verdreht nur vor Glückseligkeit die Augen.
Sie nehmen jeder noch einen Fisch und schwups, sind auch die in ihren Hälsen verschwunden.

„Das machen wir immer so, die ersten gleich am Stück, das öffnet die Geschmacksnerven. Jetzt zeigen wir euch mal, wie man den richtig ißt. Einfach vier Stück auf eine Scheibe Brot legen, etwas zerdrücken und essen“, sagt Albin und Ilona fügt hinzu: „Herrlich!“

So machen die das auch. Am Tisch riecht es zunehmend weniger nach Klärschlamm, der Geruch nimmt nur noch einmal kurz zu, als Albin und Ilona die jeweils vier Fische auf ihren Brotscheiben mit der Gabel zerdrücken, doch dann wird es schlagartig besser.
In erster Linie liegt das dran, daß hiermit auch alle Surströmmings vertilgt sind. Albin und Ilona haben die Dinger ganz alleine gegessen.

Anke, die mir nun einen großen Schlag Wurstsalat auf den Teller schaufelt, und ich werden also nie erfahren, wie Surströmming schmeckt.
Albin und Ilona hingegen sind begeistert und schwören, uns jetzt viel öfters besuchen zu kommen. Beim nächsten Mal will Albin mir helfen, den heute mitgebrachten Knotenstrick aufzuhängen; mal sehen, wie ich das verhindere.

Unsere Nachbarn haben uns den Vorfall nicht nachgetragen, die halten uns sowieso für chaotisch und bescheuert. Die Leute im Dorf, die irgendetwas mit der Feuerwehr zu tun haben, grüßen uns neuerdings, indem sie sich lachend kurz die Nase zuhalten, ich gönne ihnen diese kleine Freude.
Nur ich weiß nicht, was ich Larko sagen werde. Irgendwann wird er anrufen und fragen, wie denn der Surströmming geschmeckt hat. Sage ich, daß ich keinen abbekommen habe, schickt er mir bestimmt sogleich zwei Dosen. Sage ich hingegen, er habe nicht geschmeckt, dann schickt mir der nette Finne garantiert drei Dosen oder mehr, damit ich mich an den Geschmack gewöhne. Behaupte ich, er hätte mir gut geschmeckt, besteht die Gefahr, daß er mir zehn Dosen schickt.

Ein wahrer Teufelskreis!

This story is dedicated to my dear friend Larko from Helsinki

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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1 Kommentar auf "Surströmming"

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josh tanner
Gast

eine gelungene erzählung…wahrhaftig ein meisterwerk!
mir hat es so vor lachen zugesetzt, das ich den kaffee den ich gerade getrunken hatte quer über den ganzen schreibtisch geprustet habe.leider hat es auch den bildschirm dabei erwischt, der mit einem zischen und qualmen den geist aufgegeben hat.>>kurzschluss durch massive feuchtigkeit<
fazit: solche geschichten sollten wirklich einen warnhinweis bekommen: „das konsumieren von Getränke während des lesens, geschieht auf eigene Gefahr“
…in diesen sinne….alles gute!

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