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Schwule Brathähnchen

Schwule Brathähnchen

„Sie, Sie höre‘ se mol“, sagt Frau Ruckdäschl heute Morgen zu mir, „mache Sie jetzt auch Reklame für Schwule?“

„Wie bitte?“

„Ach Sie hawwe do doch so ä rotes Ding am Hemd, des is doch die Reklame für Schwule.“

Ich schaue an mir herunter und versuche, das rote Indiz zu entdecken. Und wirklich, auf der Hemdentasche hat der Hersteller aus irgendeinem Grund ein kleines rotes ‚G‘ eingestickt, vermutlich das Logo der Hemdenfirma. Mir ist das, ehrlich gesagt, bislang noch gar nicht aufgefallen, kann es aber auch nicht, denn ich bin ein Dreibein, ein Mann und ich gucke mir doch meine Kleidung nicht an. Wozu auch?
Allgemein bescheinigt man mir, einen recht guten Geschmack zu haben und so kann ich wahllos in den Schrank greifen, mir irgendwas nehmen und anziehen. Für richtige Männer gibt es bei Bekleidung sowieso nur 24 Farben: Schwarz, Braun, Blau und 21 Grautöne. Das passt immer.

Schwule BrathähnchenSchwule Brathähnchen

Um Frau Ruckdäschl zu beruhigen, sage ich: „Nein, das ist kein Abzeichen, bloß ein Buchstabe von der Hemdenfirma.“

„Ach, Sie brauche sich doch net verstecke, des is doch jetzt modern, schwul zu sein und wisse Sie was?“, sie blickt sich um, ob auch ja keiner zuhört und fährt mit gesenkter Stimme fort: „Sogar der mit dem Gockel-Lied soll schwul sein!“

„Wer? Wer ist denn das mit dem Gockel-Lied?“

„Na, der kleine dicke Engländer, der jetzt immer beim Stefan Raab auftritt.“

„Wer?“

„Elton!“

„Frau Ruckdäschl, Sie meinen bestimmt Elton John, aber der tritt nicht bei Stefan Raab auf, sondern das ist wieder jemand anders, der nur ebenfalls Elton genannt wird.“

„Ist doch egal, ich meine den mit dem Gockel-Lied aus England.“

„Aber Elton John hat doch noch nie ein Gockel Lied gesungen.“

„Da kenne Sie sisch awwa net besonders gut aus, Sie!“

„Na hören Sie mal, ich kenne alle Lieder von Elton John und der hat noch nie was über Gockel gesungen.“

„Ja, net üwwer Gockel direkt, awwa üwwer Brathändl.“

„Wie bitte?“

„Ja damals als Lady Diana g’storwe is, do hat er gsunge: Händl in the wind!“

Ich seufze und überlege kurz, ob ich Frau Ruckdäschl die ganze harte Wahrheit über das Lied „Candle in the wind“ sagen soll, lasse das dann aber lieber, denn sie redet sowieso weiter:

„Des schöne Lied, des hebb isch mir ja schunn im Radio gewünscht und die hawwe des auch gespielt. Früher, als mein Mann, der Eugen, noch gelebt hat, da hab isch dem zum Geburtstag immer sein Lieblingslied gewünscht, des war das Lied ‚Hallo Eugen‘.“

„Hallo Eugen? Das kenn ich gar nicht“, sage ich und weiß, daß ich mich inzwischen schon so weit auf Frau Ruckdäschls Geplapper eingelassen habe, daß ich der Sache nicht so schnell werde entrinnen können.

„Ja, Hallo Eugen, das singt doch der Große, der Hübsche, der is awwa net schwul, das sage isch Ihne gleisch. Sie wisse doch wen isch meine, da der Howard Carpendale!“

Soll ich der Alten sagen, daß Howard Carpendale niemals eine Ode an den verstorbenen Eugen gesungen hat, sondern immer nur ‚Hello again‘? Innerlich kämpft sich ein Schmunzeln hoch und ich stelle mir vor, wie die Damen im Schallarchiv des Süddeutschen Rundfunks verzweifelt versuchen, die Wünsche von Frau Ruckdäschl zu erfüllen.
Am Besten wird es sein, wenn ich mich trolle, sonst entkomme ich Frau Ruckdäschl gar nicht mehr, doch sie hält mich am Ärmel fest und ist entschlossen, mir von ihren ganzen Lieblingsliedern zu erzählen.

„Des annere Lied wo wir so gern gehört haww is des Lied von Indien, das werde Sie auch kenne, des heißt ‚Fremde Inder'“.

„Tut mir leid, Frau Ruckdäschl, das kenne ich auch nicht.“

Das hätte ich besser nicht gesagt, denn jetzt will sie mir Nachhilfe geben und fängt an zu singen. Mit erstaunlich hoher Stimme singt sie mir vor: „Fremde Inder Nacht!“

Und während sie mir eine ganze Strophe von „Fremde in der Nacht“ vorsingt, sehe ich, wie eine kleine verstohlene Träne aus ihrem rechten Augenwinkel läuft.

„Ach, das hat mein Eugen auch so gern gehört, des war ja so ein lieber Mann, des glaube Sie gar net.“

Ich kann dazu nichts sagen, ich habe Herrn Ruckdäschl nicht gekannt, der ist schon ziemlich lange tot. Während ich noch darüber nachsinne, wie lange der gute Eugen wohl schon tot sein mag, sagt Frau Ruckdäschl zu mir:

„Awwa sein Lieblingslied war ja das vom Ford. Sie müsse wisse, dass wir mal einen Ford Capri gehabt haben, den hat mein Mann so arg geliebt“, sagt Frau Ruckdäschl, stellt sich in Positur und singt mir lauthals vor:

„Wenn bei Sonne der rote Capri im Meer versinkt….“

Rudi Schuricke hat sich bestimmt im Grab umgedreht, wetten?

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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peter wilhelm autorenlesung
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