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Schwerhörige Kirchenfürsten

Schwerhörige Kirchenfürsten

Die Ruckdäschl ist ja eher hausgebunden. Nur sehr ungern verlässt sie ihre strategisch günstig gewählten Lauerposten an der spaltbreit offenen Wohnungstür und dem Balkon. Zu leicht könnte ihr etwas entgegen und dann würde ja im Haus alles unverzüglich, auf der Stelle und sofortigst im absoluten Chaos versinken. Wir können nur dankbar sein, daß unsere selbsternannte Blockwartin so gut aufpasst.

Doch ein bis zwei Mal in der Woche kommt Bewegung in die dürren Beinchen der Alten und dann wirft sie ihre allgegenwärtige Kittelschürze in die Ecke, setzt sich ein fliederfarbenes Schleierhütchen auf, zwängt ihre breiten Füßchen in viel zu enge Pumps, streicht sich den Rock glatt und tippelt mit winzigen Schritten eiligst die Straße entlang.
Sie tut das immer dann, wenn der Büttel, also der Gemeindediener einen Zettel an das schwarze Brett am Ende der Straße angeheftet hat.

Es ist nämlich in unserem beschaulichen Fischerdorf an den Gefilden des Neckars üblich, daß die Kunde vom Tod eines Mitbürgers durch das Aushängen von Sterbezetteln verbreitet wird. Ja und sowas muß die Ruckdäschl natürlich immer sofort wissen.

Ganz aufgeregt kommt sie vom schwarzen Brett zurück und spricht mich an. Ich wollte doch nur einen Kasten Bier aus dem Auto holen und hatte es versäumt, vorher einen Rentner-Kontroll-Blick vom Balkon zu werfen. Wir gehen ja überhaupt nur noch aus dem Haus, wenn wir uns vorher versichert haben, daß es im Treppenhaus ruhig ist und daß niemand von den Alten auf der Straße ist.

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„Hawwe Sie das gesehe‘?“

Ich grunze mal wieder nur was Unverständliches und will gleich weitergehen, so ein Bierkasten ist ja nicht gerade leicht, doch die Ruckdäschl verstellt mir den Weg: „Der Reubinger ist gestorben!“

Ich kenne keinen Reubinger, ich kenn hier überhaupt niemanden, will hier niemanden kennen und nur meinen Bierkasten nach oben tragen.

„Und das Dolle, der Reubinger war der Sohn vunn nem schwerhörige‘ Bischoffff!“

Was mag jetzt wieder für ein Blödsinn kommen? Doch die Ruckdäschl läßt mit der Erklärung für ihre aberwitzige Theorie nicht lange auf sich warten: „Isch hebbs genau gelesen, der war 1946 geboren und zwar im Taubenbischofsheim! Und sie könne mir ja net erzähle dass in so ä Heim nicht nur taube Bischöfe kumme, odda?“

So habe ich das eigentlich auch noch nicht gesehen, vermutlich hat sie sogar Recht!

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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peter wilhelm autorenlesung

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