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Schöne Altweiber auf dem Sofa

Schöne Altweiber auf dem Sofa

Jürgen will mir seinen Zipfel zeigen und zu diesem Zweck besuche ich ihn, aber bevor da irgendwelche Mißverständnisse aufkommen: Zipfel ist ein Zwerghase. Jürgen ist nämlich Vogel- und Kaninchenzüchter und hat einen ganzen Schrank voller blankpolierterPokale und von der Wand künden zahlreiche Urkunden von seinen züchterischen Erfolgen. Eine zeigt sogar die Aufschrift:

Schönstes Altweibchen

und aufgrund der Tatsache, daß Jürgens Name drüber steht, weiß man als unbedarfter Betrachter nicht so ganz genau ob damit eines seiner Tiere oder er selbst gemeint ist.

Im Moment sind seine Hasen sein ganzer Stolz, vor allem, weil Hasenweibchen „Zipfel“ gerade Junge bekommen hat, die ja soooo niedlich sind und die er mir unbedingt zeigen möchte.

Und dennoch geht es bei meinen heutigen Betrachtungen über die Eingeborenen zwischen Rhein und Neckar gar nicht um Hasen, es geht auch nicht um Jürgen an sich, sondern um eine Eigenart, die endlich einmal besonderer Erwähnung bedarf: Die Menschen hier sind notorische Stuhlsitzer und Küchenhocker.

Jürgen erzählt mir, während wir die Treppen zu seiner Wohnung hochsteigen, daß er sich ein neues Sofa gekauft hat: „Mit Relaxfunktion, angewärmten Sitzflächen, herausklappbaren Fußstützen und superbequemem Bezug.“

Schöne Altweiber auf dem SofaSchöne Altweiber auf dem Sofa

„Toll“, sage ich und gleich im nächsten Moment führt mich Jürgen in seine kleine Küche und bietet mir einen harten Küchenstuhl zum Sitzen an.
Normalerweise müßte ich jetzt sagen: „Sag mal, Du Kretin, was faselst Du mir da lang von Deinem bequemen Sofa vor und dann bietest Du mir hier nur einen jämmerlichen, alten und harten Stuhl in der Küche an?“ Doch ich sage nichts, denn ich kenne das schon seit einem Vierteljahrhundert, die Leute hier empfinden es als Ausdruck größter Gastfreundschaft und höchster Bequemlichkeit, wenn sie mit ihren Gästen in der Küche sitzen. Wichtiger nämlich, als profaner Sitzkomfort, ist es, den Gästen ohne große Umwege Getränke und Speisen in den Hals schieben zu können, da kann es rein arschtechnisch ruhig zu Vernachlässigungen kommen.

Ich kann gar nicht mehr zählen, in wievielen Küchen ich schon sitzen mußte, wieviele harte Küchenstühle meine rückwärtigen Teile schon verschmerzt haben. Der Wein und die Wurst sind den Eingeborenen eben wichtiger als ihre eigenen Hintern und die ihrer Gäste.
In der Regel, und das perfektioniert und pervertiert das Ganze noch mehr, sind Küche und Wohnzimmer so angeordnet, daß man von seinem unbequemen Sitzplatz in der Küche immer einen guten Blick auf die bequemen Sitzmöbel im Wohnzimmer hat. Dennoch: Mer hocke in d’r Kisch!

Als besonders perfider Vertreter des Stuhlhockens entpuppte sich eins mein sogenannter Schwiegervater, der in einer früheren Wohnung über ein knapp 40 Quadratmeter großes Wohnzimmer verfügte, ausgestattet mit den weichsten und bequemsten Sitzmöbeln, die man sich vorstellen kann. Da würde ich gerne sitzen, da könnte man sich bequem in die Polsterung versinken lassen, da würde ich dann gerne auch mal etwas länger bleiben wollen. Und zu meiner großen Überraschung werde ich bei meinem ersten Besuch dort auch nicht in die Küche geführt. Hurra, beginnt es in mir zu rufen, als der Mann seinen und meinen Weg in Richtung des allerheiligsten Wohnzimmers lenkt und so hochfliegend meine Erwartungen auf ein pofreundliches Sitzvergnügen gerade zu werden drohen, so herb kommt dann der Dämpfer: natürlich gibt es in diesem Wohnzimmer die avisierte bequeme Sitzgruppe, aber gleich links wenn man reinkommt steht ein Esstisch mit sechs harten Stühlen und genau da muß man sich hinsetzen.

Muß man wirklich? Was würde passieren, wenn ich mich beim nächsten Besuch nicht herumkommandieren ließe und mich einfach aufs Sofa oder einen der Sessel setzen würde?
Gesagt, gewagt, getan!
Beim nächsten Besuch ignoriere ich, daß Schwiegervatern, Schwiegermuttern und mein Weib sich auf je einen der Stühle setzen und setze mich einfach aufs Sofa, kaum zwei Meter entfernt.
Nichts passiert! Keiner springt entsetzt auf und prügelt mich an den Tisch zurück, ja er lächelt sogar milde, der alte Mann, und meint: „Gell, da hockt man bequem?“
Ich nicke und das war dann auch an diesem Tag das letzte Mal, daß irgendjemand in diesem Raum Kontakt zu mir aufgenommen hat. Man bezog mich in kein einziges Gespräch ein, ließ mich quasi kommunikativ auf dem Sofa verhungern. Wer nicht mit in der harten Stuhlrunde sitzt, der gehört einfach nicht dazu. Wie ein Aussätziger fristete ich ein zwar bequemes, aber doch sehr alleinstehendes Dasein da auf meinem Sofa.
Ich wagte es dann am Ende sogar, mir von den auf dem Tische dargebotenen Speisen und Getränken was zu holen, um sie bequem auf dem Sofa sitzend einzunehmen. Und siehe da: Auch das führte nicht dazu, daß Schwiegermutter oder -vater in Verzweiflung gerieten und mich an den Haaren an den Tisch auf einen harten Stuhl zogen, nein. Aber die Schwiegermutter umtanzte mich die ganze Zeit mit einem batteriebetriebenen Ministaubsauger, um vermeintlich herunterfallende Krümel aufzusaugen und der Schwiegervater holte schnell gleich drei tropfenschluckende Untersetzer um nur ja zu verhindern, daß ich das gute weiche Sitzmöbel versaue. Alles in Freundlichkeit, aber durchaus schon mit einem Unterton, der mir deutlich sagte, daß es in 500 Jahren Stammesgeschichte nie zuvor jemand gewagt hatte, sich auf dieses Sofa zu setzen, geschweige denn dort etwas zu essen und zu trinken!

Als die sogenannten Schwiegereltern dann in ein anderes Haus zogen, beugten sie meinem anarchischen Sofasitzbedürfnis dadurch vor, daß sie Wohnzimmer und Stuhlhockküche wieder räumlich trennten: mit einer Glastür!
Die Steigerung von unbequemem Stuhl ist ja bekanntlich Eckbank. Man steigert: Hocker, Stuhl, Eckbank.
Und im neuen Etablissement hatten sich die Schwiegereltern für ein Ensemble aus mundgedrechselter Eicheneckbank, Tisch und zwei Stühlen entschieden. Sobald wir die Begrüßungszeremonie hinter uns gebracht haben, beginnt jetzt jedesmal ein Wettlauf. Wie auf ein geheimes Zeichen hin, sprintet die Schwiegermutter auf einmal los, hechtet quer durch die kleine Sitzküche und macht geschwind die Glastür zum Bequemsitzraum zu. Ich erreiche die Küche immer den Bruchteil einer Sekunde später und werfe mich auf einen der beiden Stühle, damit ich ja nicht auf der Eckbank sitzen muß, alle anderen nehmen es gelassen, die kennen das gar nicht anders, die sitzen gerne auf Stühlen und verstehen gar nicht was mich da so umtreibt.

Seit gefühlten 340 Jahren komme ich also jetzt mit meiner Allerliebsten in das Haus ihrer Eltern und es müßte tatsächlich noch das erste Mal passieren, daß die trennende Glastüre zwischen Bequemsitzgarnitur und Hartholzeckbank mal offen wäre und ich mal angenehm sitzen könnte.

Ich sitze nicht gerne lang auf harten Stühlen, mir tut nach recht kurzer Zeit der Hintern weh und sicher ist das auch mit ein Grund, warum ich nicht sonderlich lange bleiben möchte. Den Eingeborenen macht das nichts aus. Sie lieben es auf harten Brettern zu sitzen, Tausende von Weinfesten mit noch viel härteren Sitzbänken (ohne Lehne!), die von Millionen Eingeborener jedes Jahr besucht werden, künden davon. Das Volk hier am Oberlauf des Rheines, am Ufer des Neckars, ja das liebt harte Sitzmöbel. Und wer einmal ins Schwimmbad geht und den Leuten auf die kaum bedeckten Hintern guckt, der wird erstaunt feststellen, daß die meisten da kurz am Übergang von hängender Pobacke zu Oberschenkel eine etwas dunklere Stelle habe, vermutlich ist das Hornhaut!

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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