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Salatfresse und Plastikflaschen

Salatfresse und Plastikflaschen

Noch nie in meinem Leben habe ich eine Flasche oder eine Dose irgendwo in die Landschaft geworfen. Wenn ich unterwegs war, habe ich entweder sowas in einen Papierkorb geworfen oder praktischerweise einfach hinter den Rücksitz. Als sich dann Frau und Kinder einstellten, hatten wir immer einen Plastikbeutel für die anfallenden Abfälle. Aber einfach in die Gegend werfen? Nein, das war nie unser Ding.

Salatfresse und Plastikflaschen

Zu Hause kamen leere Flaschen und Dosen einfach in den Müll, bis jemand sagte, man solle doch wenigstens das Glas in den Altglascontainer werden. Das haben wir dann auch gemacht, vielleicht kriegen ja arme Leute die ganzen leeren Flaschen, zumindest standen die Altglascontainer immer neben den Altkleider-Containern des Roten Kreuzes.


Ja und dann hat der Umweltminister mal schlecht geschlafen und in dieser schlaflosen Nacht ist dem Umweltminister dann der gelbe Sack eingefallen. Jetzt müssen wir für alle Produkte ein paar Cent mehr bezahlen, damit da grüne Punkte draufgedruckt werden, die meistens gar nicht grün sind und die uns berechtigen die Verpackungen in gelbe Plastiksäcke zu stopfen. Diese Säcke werden dann von ganz fleissigen Männern abgeholt und vermutlich genau dahin gebracht, wo sie unseren Müll schon immer hingebracht haben, nur eben jetzt mit grünen Punkten drauf und in gelben Säcken. Ist ja auch viel schöner so.

Salatfresse und PlastikflaschenSalatfresse und Plastikflaschen

Ja gut, ich gebe zu, bei uns hier in der Siedlung sieht es schon am Tag vor der Abholung immer aus wie in den Slums der Bronx, weil überall die Säcke herumliegen und es fehlen eigentlich nur noch ein paar Dunkelhäutige, die um eine brennende Tonne herumstehen und sich zu Rap-Musik zuckend bewegen.
Nur speziell in unserer Straße, in der sehr viele Rentner wohnen, sieht es immer ganz ordentlich aus. Frau Ruckdäschl von unten spült ja auch alles, was in den gelben Sack kommt, immer zweimal, bündelt leere Milchkartons flachgedrückt noch mit einer Kordel und macht von Blechdosen sogar noch die Papieretiketten ab. „Des kriege ja alles die arme Leit, die solle es doch aach ä bissel schä hawwe!“

Die Renter stapeln die Säcke auch ganz ordentlich. Herr Pfleiderer von gegenüber verbringt bis zu zwei Stunden mit dem Zollstock bei seinen gelben Säcken, damit die vorgeschriebene Durchfahrtsbreite für Kinderwagen von 80 cm auf den Gehwegen eingehalten wird.
Dabei hat hier niemand kleine Kinder, es wohnen ja außer uns nur Rentner hier und die bekommen nichtmals Besuch von ihren Kindern und Enkeln, weil im Grunde genommen alle zerstritten sind.
Das liegt hauptsächlich daran, daß hier im Ländle fast alle Alten ein Haus besitzen, manche sogar zwei oder drei. In einem dieser Häuser wohnen sie immer selbst. Alt und allein auf 240 Quadratmetern, während der Sohn mit Frau und zwei Kindern für 900 Euro eine Wohnung in der Stadt mieten muß. Die anderen beiden Häuser haben die Alten an wildfremde Leute vermietet oder lassen sie auch mal gerne 15 Jahre oder länger leerstehen, weil der Sohn oder die Tochter ja so undankbar ist…
Wenn die eingeborenen Alten so beieinanderstehen und lamentieren, was sie, abgesehen von den Zeiten wo sie bei ALDI im Weg stehen oder zu Hause ihren Mittagsschlaf halten, eigentlich den ganzen Tag tun, dann ist das Wort „enterben“ aus jedem Gespräch herauszuhören. Die Standardantwort darauf ist: „Awwa den Pflischtteil muscht schon geben!“
Und darauf antwortet der typische süddeutsche Enterber dann automatisch: „Und deswege bleib isch drin, bis se misch mit de Fiß voran ’naustrage!“

Naja, da die Eingeborenen sich üblicherweise einer erstaunlichen gesundheitlichen Robustheit erfreuen, was sie im übrigen nicht davon abhält, ständig über Krankheiten zu jammern und zum Arzt zu rennen, werden sie in der Regel ziemlich alt. So haben sie ja genügend Zeit, ihre grünen Punkte zu bügeln und die gelben Säcke nach DIN-Norm zu stapeln.

Aber jetzt darf man ja Leergut sowieso nicht mehr in die gelben Säcke werfen. Die meisten Sachen sind in Pfandflaschen. Selbst Bier gibt es jetzt in Plastikflaschen und die ganzen leeren Pullen muß man ab und zu bei ALDI oder LIDL in so einen Automaten stecken, der dann einen Zettel ausspuckt, für den man im Laden Pfandgeld zurückbekommt. Was haben wir nicht schon alles gemacht, um anständige und gute Deutsche zu sein? Also machen wir das auch mit.
Ich persönlich finde es ja Quatsch, weil die Flaschen auch wieder nur da hin kommen, wo die gelben Säcke auch hinkommen, aber wenigstens hat die deutsche Automatenindustrie zig-Tausende von Flaschenrücknahmeautomaten bauen dürfen.

Gestern war es mal wieder so weit. Die Allerliebste bat mich höflich um meine männliche Unterstützung bei der Entsorgung der gesammelten Plastikflaschen: „Was is’n mit de‘ Flasche‘?“
Das bedeutet auf Hochdeutsch: „Mann, nimm zwei große blaue IKEA-Taschen, fülle sie mit rund 60 leeren Flaschen, fahre zum Supermarkt und werfe sie alle in den Automaten!“

„Mensch, was sind das viele“, maule ich, doch die Allerliebste zuckt nur mit den Achseln.
Sie hat ja Recht. In vier Wochen kommt da einiges zusammen und außerdem hatten wir mehrfach Gäste und immer hatte ich es versäumt, das Leergut mitzunehmen.

So kommt es, daß ich wenig später bei LIDL auf den Parkplatz fahre. Da gehe ich am Liebsten hin, wenn ich leere Plastikflaschen habe, denn die haben zwei solche Automaten und die stehen auch noch in einem separaten Anbau. Wenn ich da mit meinen vielen Flaschen einen Automaten rund 20 Minuten blockiere, ist nebenan wenigstens noch einer für die ganzen anderen Leute. Aber ich habe extra die Mittagszeit gewählt, da ist da sowieso niemand; so auch heute.
Kurzfristig spiele ich mit dem Gedanken, beide Automaten in Beschlag zu nehmen, aber meine Arme sind nicht lang genug. Da ich aber alleine bin, versuche ich es trotzdem. Wenn man die blauen IKEA-Taschen genau in die Mitte zwischen beide Automaten stellt und geschickt zielt, kann man abwechselnd links und rechts eine Flasche in den Automaten werfen. Dabei muß man aber sehr vorsichtig werfen. Wirft man zu lasch, bleiben die Flaschen vorne am Einfüllstutzen liegen und der Apparat beginnt zu piepsen. Wirft man hingegen mit zuviel Schwung, saust die Flasche durch das Rohr, am Scanner vorbei und landet irgendwo hinten im Schredder, ohne dass sie gezählt wird.
Ein tückisches Verfahren!
Es muß schon ziemlich blöd aussehen, wie ich da hin und her hüpfe und mit der Gewandtheit eines bengalischen Zirkusjongleurs die Flaschen in die Automaten schubse, aber es macht riesigen Spaß.
Leider muß ich meinen Spaß beenden, als ich aus dem Augenwinkel eine Frau näherkommen sehe, die auch einen ganzen Einkaufswagen voller leerer Plastikflaschen hat. Schnell ziehe ich den Pfandcoupon am rechten Automaten, schiebe meine Taschen vor den linken und tue so, als sei nichts gewesen.
Aber selbst wenn die Tante gesehen haben sollte, wie ich herumgehampelt habe, so scheint sie das nicht besonders belustigt zu haben, denn sie zieht eine Fresse, als habe man ihr gerade Kuhscheiße zum Futtern gegeben.
Ich erkenne mit einem Blick, daß es sich um eine Müslifresserin handeln muß, denn in ihrem Wagen tummeln sich hauptsächlich Plastikflaschen von Karotten- und Tomatensaft, sowie von stillem Wasser. Warum manche Idioten stilles Wasser kaufen, wird mir immer verborgen bleiben, bei uns kommt das Wasser aus der Leitung und ich schwöre, es ist auch ganz leise!
Ich weiß aber, daß der Automat diese Sorte Flaschen nicht nimmt, weil da schlicht und ergreifend kein Pfand drauf ist.
So schmunzele ich in mich hinein, als die mit der Fresse eine Flasche nach der anderen in den Automaten steckt und der sie alle, ebenfalls wieder eine nach der anderen mit einem „Biiiep“ immer wieder ausspuckt. Die Fresse klopft auf den Automaten, reibt mit dem Ärmel die Etiketten sauber und probiert es immer wieder.
Unterdessen schiebe ich eine Flasche nach der anderen in meinen hervorragend funktionierenden Plastikflaschenzerstörer. Dann ereilt es auch mich. Die Flasche sei zu stark verformt, meckert der Automat und er hat Recht. Eine Flasche ist etwas eingedrückt und deshalb öffne ich kurz den Verschluß, damit etwas Luft einströmen kann; dann geht es.

Das hat die Fresse auch gesehen, schüttelt ihr früh ergrautes langes Haar nach hinten und beginnt jetzt systematisch alle ihre Flaschen einmal zu öffnen und wieder zuzudrehen. Das tut sie mit einem Gesichtsausdruck, als sei das das Selbstverständlichste von der Welt und sie habe das ja schon immer so gemacht. Aber leider nimmt der Automat ihren stillen Bio-Scheiß immer noch nicht an.
Inwzischen habe ich eine Flasche erwischt, von der die Kinder mal wieder das Etikett abgeknibbelt haben; diese kleinen Ratten! Solche Flaschen nimmt der Automat auch nicht, aber da ich sie auch nicht wieder mit nach Hause nehmen möchte, befördere ich sie mit einem kräftigen Schubs in den Automaten. Dadurch saust sie am Scanner vorbei direkt in den Schredder; das bringt kein Geld auf dem Bon, aber ich bin die Flasche los.

Dazu muß man wissen, daß man die Flaschen wirklich mit einem gewaltigen Schubser durch das Rohr jagen muß, damit sie unerkannt hinten im Flaschennirwana landen. Gibt man der Buddel nicht genug Schwung mit auf den Weg, wird sie innen im Automaten als „zu schnell eingeworfen“ detektiert und im Handumdrehen mit der gleichen Geschwindigkeit wieder ausgestoßen.

Die Salatfresse weiß das aber offenbar nicht und ich werde einen Teufel tun und ihr das sagen. Eine um die andere Flasche stößt sie mit aller Kraft in den Schlund des Apparates, doch jede wird wieder ausgespuckt.
Tja, hätte sie mehr Fleisch gegessen, die blöde Kuh, dann hätte sie eventuell mehr Kraft und es würde klappen.

Ich bin fast fertig, da erwische ich als Letztes eine Flasche, auf die auch kein Pfand erhoben wurde, es ist eine Salatölflasche. Ich meine, das muß ja auch kein Mensch verstehen, daß auf die eine Sorte Flaschen Pfand erhoben wird und auf die andere Sorte nicht. Aus Plastik sind die doch alle. Egal, ich nehme quasi Anlauf von der gegenüberliegenden Wand und schubse auch diese Buddel direkt durch das Rohr in den Zerhacker.
Während ich meine IKEA-Taschen schön zusammenlege und meinen Bon ziehe, hat es offensichtlich auch die Blöde kapiert. Sie donnert ihre Flaschen jetzt förmlich in das Rohr und zieht dabei eine noch schlimmere Fresse. Aber immerhin werden ihre Flaschen jetzt auch geschreddert, wenn auch ohne gezählt zu werden.

Sie wirft mir einen triumphierenden Blick zu, wirft wieder das graue, lange Haar nach hinten und „raaaatsch“ ist wieder eine ihrer stillen Flaschen geschreddert.

Ich muß noch in den Supermarkt, um mir das Geld an der Kasse abzuholen. Dummerweise muß man dann immer eine Kleinigkeit kaufen, weil bei Kunden, die nur Pfandgeld abholen wollen, immer der Filialleiter mit einem „Stornoschlüssel“ kommen muß. So kaufe ich, schon um kein Aufsehen zu erregen, ein Päckchen Bratwürste, die braucht man immer.
An der Kasse muß ich etwas warten und erlebe den zweiten Auftritt der Müsli-Visage. Sie steht vor dem Ausgang und hampelt vor der Automatiktür herum, damit sich diese für sie öffnet. Das tut die Automatiktür aber nicht, denn sie beharrt stur darauf ein Ausgang zu sein. Zumindest öffnet sie sich nicht sofort, sondern erst, als ein Rentner mit seinem Einkaufswagen darauf zufährt.
Die Müsli-Tante schießt an ihm vorbei und fängt schon an der Türe an zu keifen: „Sie da an der Kasse! Ich habe 24 Flaschen in den Automaten geworfen und es kommt kein Geld raus!“

Die Kassiererin unterbricht ihre abwechslungsreiche Tätigkeit, wendet ihren Kopf in Richtung der Salatfresse und sagt: „Da kommt ja auch kein Geld raus, sondern ein Bon.“

„Sagen Sie mal, wollen Sie mich auf den Arm nehmen? Meinen Sie etwa, ich wüßte das nicht? Es ist aber auch kein Bon herausgekommen. Der Mann da ist mein Zeuge“, sagt die Müsli-Tante und zeigt auf mich.

Fragend schaut mich die Kassiererin an, doch irgendwie fühle ich mich froh, beschwingt und sehr befreit, als ich einfach die Schultern hebe und, freundlich die Bratwürste schwenkend, langsam den Kopf schüttele.

Ich finde, unsere Kinder sollten viel mehr trinken; Flaschenabgeben macht doch Spaß!

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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