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Rücksicht

Rücksicht

Meinen Führerschein habe ich schon über 25 Jahre. Ich weiß nicht, ob es diese Frage heute noch gibt, aber damals gab es eine Frage die lautete ungefähr so:

1. Wie verhalten Sie sich, wenn vor Ihnen ein Pferdegespann fährt und Sie überholen wollen.

a) Ich nähere mich mit hoher Geschwindigkeit und überhole dann laut hupend, damit der Kutscher mich nicht übersieht.

b) Beim Überholen fahre ich dicht am Pferdegespann vorbei, um den Gegenverkehr nicht zu gefährden.

c) Ich warte, bis der Gegenverkehr ein Überholen zulässt, halte ausreichend Seitenabstand ein und schere nicht kurz vor den Pferden wieder ein.

Eine andere Frage lautete:

2. Sie nähern sich einem Fußgängerüberweg, an dem Personen warten.

a) Ich gebe Hupzeichen und fahre zügig weiter, um den Verkehr nicht aufzuhalten.

b) Ich halte an und ermögliche den Personen die Überquerung der Straße.

c) Ich lasse die Hälfte der Personen die Straße überqueren, dann bin ich an der Reihe.

Vermutlich sind die Fragen und Antworten heute ähnlich. Wenn ich mir aber anschaue, wie sich die Menschen im Allgemeinen so verhalten, dann glaube ich, daß heute das Ankreuzen der Antworten 1a) und 1b) bzw. 2a) und 2c) als richtig angesehen wird.

Bei meinen Überlegungen geht es mir aber nicht in erster Linie um den Straßenverkehr. Ja eigentlich ginge es gar nicht um den Straßenverkehr, würde sich das rücksichtslose und ichbezogene Verhalten, das mich so stört, nicht besonders auch dort zeigen.

Im Grunde bin ich ein höflicher und sehr freundlicher Mensch, ich habe es gelernt großen Respekt vor Älteren zu haben, grüße die Leute, helfe Tragen, und unterhalte mich mit den Leuten, wenn sie ein Gespräch wünschen. Drängeleien, kleine Unhöflichkeiten und rücksichtsloses Verhalten nahm ich weitestgehend mit stoischer Gelassenheit und einem Schmunzeln hin.

Doch das hat sich geändert. Inzwischen bin ich von einem Permanenthaß auf alle Drängler, Rechthaber, Egoisten und Selbstsüchtigen erfüllt. Man kann sich heute keine 10 Minuten mehr außerhalb seiner Wohnung bewegen, ohne daß irgendeiner meint, er sei jetzt in seinen Rechten, in seiner Eile oder in seinem Tun beschränkt. Jeder Einzelne bildet sich ein, daß das was er gerade tut oder vorhat, das absolut Wichtigste auf der ganzen Welt ist und er empfindet es als Zumutung, daß andere Menschen es wagen, dieses gewünschten Lauf der Dinge mit ihrer bloßen Anwesenheit zu stören.

Was hat eigentlich dazu geführt, daß die Menschen den Nächsten nicht mehr respektieren und als Mitmenschen erleben, sondern als Gegner, der aus ihrer Sicht in der Hackordnung weit unter ihnen steht?

RücksichtRücksicht

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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