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Rentner im Strassenverkehr

Rentner im Strassenverkehr

Vorgestern fuhr ich von unserer Ortschaft über eine Landstraße zur Stadtgrenze der nächstgrößeren Stadt. Das heißt, eigentlich wollte ich fahren. Stattdessen konnte ich nur wenige hundert Meter zügig fahren, dann hatte ich SIE vor mir: alt, graue Dauerwelle, Opel Corsa (Automatik), Tempo 30. Die Straße absolut frei, die Wetterverhältnisse 1a und die Oma vor mir fährt 30. Dieses Alzheimer-Gerümpel hatte offenbar nicht den blassesten Schimmer wo und wie sie fuhr.
An ein Überholen war nicht zu denken, da das verkalkte Teil immer mal wieder den Mittelstreifen zwischen die Räder nahm und man nicht wusste, wie weit die noch nach links geht.

Ich gestehe, kurzfristig schoß mir der Gedanke durch den Kopf, die Verschrumpelte einfach von der Straße zu schieben. Mit meinem fast drei Tonnen schweren Diesel-Panzer wäre das kein Problem, vermutlich hätte ich nichtmals einen Kratzer an der Stoßstange. Ganz langsam und allmählich von hinten an sie ranpirschen, dann Gas geben, den Corsa anschieben und einfach ab in den Graben. Ein herrlicher Gedanke, eine süße und labende Vorstellung, die mich mit Glück und Wohlsein erfüllte. Ich hab’s dennoch nicht gemacht. Nachher kommen die vom CSI mit ihrer blauen Wunderlampe und finden trotz der sofort durchgeführten Wagenwäsche noch irgendwelche, im Dunkeln bei blauem Wunderlicht leuchtenden, Blutspuren!

Rentner im StrassenverkehrRentner im Strassenverkehr

Drei Kilometer blieb die schleichende Alte vor mir, die Ampel am Horizont zeigt Rot, man kann dann immer zügig darauf zufahren, weil die erfahrungsgemäß umspringt. Die Corsa-Schrunzel bremste aber schon 600 Meter vor der Ampel ab und schaffte es so, mit Tempo 12, dass die Ampel schön einmal Grün, dann Gelb und schließlich dann wieder Rot zeigte. Das muss für alte Leute ein unheimliches Glücksgefühl bedeuten, wenn sie es wieder mal geschafft haben, genau bei Rot anzukommen.

Es gibt auch genügend alte Fettsäcke, die auch besser zu Hause bleiben würden, die im Straßenverkehr ihr Unwesen treiben. An jeder Straßeneinmündung machen die langsam und müssen erst gucken, obwohl sie Vorfahrt haben. An Ampeln muss man immer, immer langsam machen, es könnte ja schließlich passieren, dass die rot wird! Wenn man dann langsam macht, sehr langsam, dann könnte es sein, dass die Ampel rot wird und man durch ganz langsames Fahren es schafft, dass die wieder grün wird und man nicht anhalten muss. Aber genau das trifft immer ein, die Ampel wird trotzdem rot! Dann aber müssen diese Fettskelette 10 Meter vor dem Bodenkontakt stehenbleiben, damit es ja auch sehr lange dauert, bis es irgendwann mal wieder grün wird.
Einmal kam ich gerade vom Hundetraining. Ich trug eine beigefarbene Hose und einen grünen Jägerpullover. Vor mir stand wieder so ein vertocknetes Exemplar zwei Wagenlängen vom Bodenkontakt entfernt und die Schlange hinter uns war schon fast 200 Meter lang. An dieser Stelle gibt es nur den Bodenkontakt. Kein Kontakt, kein Grün.
Nach einer Weile wurde es mir zu bunt und ich stiegt aus, ging nach vorne und klopfte vorsichtig an die Seitenscheibe des Mercedes. Suuuum machte es, als die Scheibe elektrisch nach unten glitt. Ich sagte freundlich, aber wirklich freundlich: „Fahren Sie doch bitte noch ein kleines Stück vor, sonst wird das hier niemals grün.“
Der Alte am Steuer nickt, legt den Automatikhebel um und fährt ein Stück vor. Ich laufe zu meinem grünen VW-Bus-Panzer zurück und ziehe auch etwas vor. Doch was passiert? Der Alte steigt aus. Inzwischen wird es grün, hinter uns beginnt ein Hupkonzert und der Alte kommt zu meinem Auto. In der Hand seinen hakenkreuzverzierten Führerschein und die niegelnagelneuen Fahrzeugpapiere seines Mercedes-Jahreswagens für ehemalige Werksangehörige. Mit den Papieren in der Hand bleibt er brav neben meinem Wagen stehen. Ich drehe das Fenster rum (also kurbeln quietsch, kurbeln, nicht suuuum!), da gibt er wir die Papiere und sagt: „Herr Schutzmann, bin ich etwa zu schnell gefahren?“
Also erstens, Opa: Niermals fährt irgendein Kanzlerknecht alleine durch die Gegend und traut sich dann irgendwas. Zweitens, Opa, nicht jeder der was Grünes an hat, ist ein staatlicher Bediensteter. Drittens, Opa, da vorne ist es inzwischen zwei Mal wieder grün und rot gewesen und du stehst hier rum. Viertens, Opa, gleich schmeiß ich dich in den Graben und fahr einfach über deinen Scheiß-Mercedes drüber!

Nur einen Tag später ergibt sich an einer stark befahrenen Straße das gleiche Bild. Auf der Linksabbiegerspur steht ein Edelrentner, wieder in einem Mercedes, ihr wisst schon, die mit dem Suuum, 20 Meter von der Kontaktschwelle entfernt. Der Gegenverkehr freut sich, seit zwanzig Minuten oder so haben sie Grün! Opa sitzt verkrampft hinterm Steuer, ist auch schon ganz unsicher, weil es nicht Grün wird. Manchmal, wenn in ihm die Erinnerung an frühere Zeiten hochkommt, so an Vorstöße seiner Einheit irgendwo im russischen Flachland, dann fühlt er sich mutig und lässt seinen Edelboliden zehn Zentimeter vorrollen. Wie lange hat eigentlich die Schlacht um Stalingrad gedauert? Viel länger würden wir auch nicht warten müssen, bis der Alte endlich am Kontakt angekommen ist.
Irgendwann wird es mir zu doof und ich hupe einmal kurz. Von meiner etwas erhöhten Sitzposition aus sehe ich, wie er den Gang einlegt, und ich denke: Aha, jetzt fährt er endlich ein Stück vor.
Nein, der Alte gibt im ersten Gang fast Vollgas, das Auto macht einen Satz und er fährt, so schnell es eben geht, trotz roter Ampel quer über die Kreuzung.
Der Gegenverkehr muss Notbremsungen veranstalten, damit es nicht zu einer Kollision kommt.

Vor Jahren hatte ich in einem Fidonetz-Forum schon einmal eine Diskussion über Rentner am Steuer. Damals war im Radio gerade die Rede davon, dass ein 78-jähriger Renter durch seine langsame und übervorsichtige Fahrweise eine vierköpfige, junge Familie ums Leben gebracht hatte. Zwei junge Erwachsene und zwei kleine Kinder, tot. An meine Mailbox, die ich damals betrieb, waren auch einige ältere Netzbenutzer angeschlossen, die mit uns diskutierten.
Es ergab sich eine sehr häßliche Diskussion über alte Leute im Straßenverkehr.

Ich vertrat und vertrete die Auffassung, dass ältere Menschen nicht, so wie sie selbst immer glauben, durch Reife und Erfahrung alles wettmachen, sondern dass sie ab einem gewissen Alter nicht mehr für den Straßenverkehr tauglich sind.
Dieses Alter kann man nicht exakt bestimmen, für den Einen ist es schon mit 65 so weit, für den Anderen erst mit 85 und für wieder einen Anderen mag es gar nicht kommen. Aber meiner Meinung nach müssten alle Verkehrsteilnehmer ab dem 65. Lebensjahr in zweijährigen Abständen zum Verkehrsarzt. Reaktion, Hör- und Sehfähigkeit und eine gewisse Beweglichkeit müssten getestet werden. Entsprechend den Ergebnissen sollen dann Auflagen gemacht werden. Z.B. Sehhilfe, Hörgerät, zusätzliche Spiegel, ein Zivildienstleistender, der mitfährt und immer ‚Vorsicht‘ ruft, oder sowas.
Wer da nicht hingeht oder die Auflagen nicht befolgt, der bekommt seinen Lappen einfach weggenommen. Alternativ kann er auch zwangskompostiert werden.

Da wo ich vorher gewohnt habe, wohnte gegenüber eine alte Frau. Die hatte einen Honda-Accord, einen recht schnellen Wagen. Mir war mehrfach aufgefallen, dass die Alte ihren Wagen immer im ersten, höchstens im zweiten Gang quälte. Dann kam eine Zeit, da half ihr immer ein netter junger Mann von der Caritas beim Einsteigen und Anschnallen. Naja, habe ich gedacht, vielleicht hat die was mit den Armen oder so. Die wackelte beim Laufen auch so komisch und ihre Arme hingen immer so regungslos herab.
Dann kam der Tag, an dem ich nach Hause kam und in unserer Straße ein größeres Polizeiaufgebot aufgefahren war. Die Alte, so stellte sich heraus, hatte beim Losfahren den Vorwärts- mit dem Rückwärtsgang verwechselt, war rückwärts mit Vollgas losgefahren und hatte vor Schreck 13 (dreizehn!) Autos der Nachbarschaft in Schrott verwandelt.
„Das ist ja auch kein Wunder“, sagte eine Nachbarin zu mir, „Die Frau Steineberg hatte ja schon zwei Gehirnschläge.“

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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