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Probier doch mal!

Probier doch mal!

Anke hat da so eine Art, beim Essen immer zu sagen: „Pobier doch mal, ist wirklich lecker!“ Dann nimmt sie ihre Gabel, bestückt mir irgendetwas, was ich nicht mag und fummelt mir damit unter der Nase herum.

Ich deutete ja schon an, dass ich die Möglichkeit nicht ausschließe, daß meine Allerliebste Vorfahren hat, die reitenderweise durch die ungarische Steppe zogen. Hier irgendwo müssen die Wurzeln für bestimmte Speisen liegen, die sie zubereitet.

Probier doch mal!Probier doch mal!

Ich esse ja im Grunde genommen alles. Auch alles was die Liebste kocht. Eins aber finde ich grauenvoll: Bratkartoffeln mit Milch! Tatsächlich! Dieser Mensch macht sich wirklich Bratkartoffeln und taucht sie mit dem Löffel in frische Milch, um dann beides gemeinsam zu essen. Jedem das seine! Ich mag das nicht! Das widert mich an.

„Probier doch wenigstens ein bißchen, das ist ganz lecker!“, meint Anke und schiebt mit einen Löffel voll in den Mund.

Es ist grauenvoll! Mit ekelverzerrtem Gesicht gelingt es mir, den Bissen hinunterzuwürgen. Wenn man nicht durch die Nase atmet, geht das.

„Na, sag schon! Das schmeckt!“, fragt sie nicht, sondern beschließt es einfach und füllt mir den ganzen Teller mit dem Zeug.

Einmal hat sie von irgendjemandem ein Rezept bekommen. Herrliche Marmelade aus Tomaten und Broccoli. Wie bitte? Ja, aus Tomaten und Broccoli! Keine Nudelsauce, sondern klebrige, süße Marmelade. Absolut grauenvoll! Ich könnte die Freundin, die ihr dieses Rezept gab, vierteilen!

„Probier doch wenigstens mal ein kleines Stück! Ist lecker!“, und schon stopft sie mir ein Stück Brot mit dieser Unsäglichkeit in den Mund. Es ist wirklich schrecklich! Ich drohe ihr seitdem damit, sofort und ohne Ankündigung quer über den Tisch zu kotzen, wenn sie das noch einmal macht. Das hilft. Sie unterlässt es seit dem, mir ungefragt bestimmte Ungenießbarkeiten aufzuzwingen. Stattdessen verlegt sie sich darauf, Essen zu tauschen.

Vor allem im Restaurant sagt sie sehr gerne: „Am besten, jeder bestellt sich was anderes, so können wir tauschen! Da kann jeder mal alles probieren!“

Wie bitte? Wenn ich in einem Restaurant bin, bekomme ich eine Speisekarte. Daraus wähle ich das aus, was ich am liebsten essen möchte. Vielleicht gibt es da noch das eine oder andere, was ich auch gerne hätte, aber für irgendwas muß man sich ja entscheiden. Im Zweifelsfall für das, was einem am besten schmeckt.

Wenn da nun andere am Tisch sitzen, ist es in 90% der Fälle so, daß sie sagen: „Ach, weißt du was? Das nehme ich auch!“ Der Prozentsatz steigt proportional zu der Quote, der am Tisch sitzenden Frauen.

In solchen Fällen wäre es, aus naheliegenden und logischen Gründen ja ohnehin vollkommen zwecklos, das Essen zu tauschen. (Okay, ich gebe zu: Ein Mal hat mir das eine Freundin sogar vorgeschlagen. Aber das verwundert nicht, denn ich sprach ja im vorherigen Satz von naheliegenden und logischen Gründen und außerdem war diese Freundin innen und außen blond.)

In vielen anderen Fällen haben sich die Leute alle etwas unterschiedliches bestellt. Damit haben sie ihrerseits zum Ausdruck gebracht, daß sie eine bestimmte Speise besonders gerne mögen.

Durch nichts in der Welt wird aber mit dieser Entscheidung begründet, daß ich das auch haben möchte!

Also Fisch, zum Beispiel. Ich mag ja ganz gerne Fisch, aber eben nicht immer. Da muß ich Appetit drauf haben. Oder Lamm, das mag ich gar nicht. Oder Salat ohne Dressing, aber das hatten wir ja schon.

Wenn ich mich für etwas entschieden habe, dann freue ich mich auch darauf. Ich weiß gar nicht, warum ich mein Essen nach den ersten Bissen mit jemand anderem tauschen soll. Vor allem dann nicht, wenn der andere Lamm, Fisch oder Trockensalat hat!

Anke kann nicht anders. Sie will immer tauschen: „Ach komm, laß uns tauschen! Meins ist sehr lecker!“

„Dann iß es doch!“

„Ja aber ich will auch von dem, was du hast!“

„Dann schneide ich dir jetzt etwas ab und du kannst probieren.“

„Du mußt aber auch von meinem probieren!“

„Nee, laß mal, ich esse dann meins weiter.“

„Ach, laß uns doch tauschen!“

„Ich wollte das gerne haben und freue mich so drauf. Jetzt esse ich das auch.“

„Dann laß mich noch mal probieren. Hmmm, ist lecker!“

„Ja, deshalb hab ich mir das auch bestellt.“

„Eigentlich könnten wir tauschen. Meins ist auch lecker.“

„Ich will aber nicht.“

„Immer willst du nicht! Wenn wir tauschen, könnte jeder einmal alles probieren!“

„Ich will aber nur meins haben.“

„Meins ist aber wirklich lecker!“

Gut! Ich wollte meinen Frieden und schließlich willigte ich ein. Wir tauschten.

Die Allerliebste schiebt mir ihren Teller rüber und bekommt dafür meinen.

Ihr Essen ist auch ganz in Ordnung. Also esse ich es. Sie hingegen probiert von dem, was ich mir eigentlich bestellt habe und offenbar schmeckt es ihr doch nicht so richtig. Es dauert nicht lange und sie meint: „So, jetzt haben wir beide alles probiert, jetzt können wir zurücktauschen!“

„Was? Wir haben doch eben erst getauscht. Jetzt mag ich nicht mehr umtauschen!“, wehre ich mich gegen ihr Ansinnen.

„Ach komm! Laß uns doch mal tauschen!“

„Anke, wir machen uns lächerlich, wenn wir immer die Teller hin und her tauschen. Iß das doch jetzt fertig.“

„Nein, ich habe mir in der Speisekarte extra das andere ausgesucht, das was du jetzt hast! Das will ich auch essen!“

Also gut! Soll meine Frau doch ihren Willen haben! Wir tauschen wieder zurück.

Es dauert keine zwei Minuten, da meinte die Allerliebste: „Ach, so ein kleines Häppchen könntest du mir von deinem Essen noch mal geben.“

„Anke! Jetzt reicht’s!“

„Aber warum denn nicht? So könnte jeder mal alles probieren!“

Ein besonderes Glück ist es für Anke, daß in der Nähe ein Chinese ein Lokal eröffnet. Der hat einen großen runden Tisch mit einer drehbaren Platte in der Mitte. Da kann man die ‚Platte der himmlischen Köstlichkeiten’ bestellen. Und jeder kann alles probieren!

Normalerweise müßte Anke jetzt zufrieden sein. Vielleicht bin ich komisch, wer weiß? Aber bei mir ist das so, daß ich bei einer solchen Platte zwar alles einmal probiere, mich dann aber für ein oder zwei Sachen entscheide, die mir besonders gut schmecken.

Das entgeht dem Blick einer Frau natürlich nicht, zumindest nicht dem Blick meiner Frau: „Du hast das hier noch gar nicht probiert!“

„Doch, hab ich. Ich hab alles probiert. Ist alles lecker!“

„Warum nimmst du dann immer nur das eine? Schmeckt dir das andere nicht?“

„Doch, ist alles lecker, aber das hier ist besonders gut!“

„Probier doch mal das hier, das schmeckt!“

„Hab ich doch schon gehabt“, sage ich und dann sagt meine Frau: „Du nimmst immer nur das Gleiche! Extra wegen dir hab ich die ‚Himmlischen Köstlichkeiten’ bestellt, weil du immer alles probieren willst! Schon seit wir uns kennen, willst du doch immer alles probieren!“

Kommt Gattinnenmord in den zehn Geboten vor?

Nein, ich denke nicht wirklich daran, meine Frau ins Jenseits zu befördern. Sie ist zu beliebt. Ihr Verschwinden würde einfach zu schnell auffallen.

Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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