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Nazi für Anfänger

Nazi für Anfänger

Nazi ist leicht, das kannst auch Du

Es ist ja so einfach: Man sondert rassistische Sprüche ab, wartet auf das gespielt entrüstete Oh, Oh der anderen und winkt dann schnell ab: „War ja nur Spaß, ich bin ja kein Nazi.“
So geht das tagtäglich in Dutzenden von Situationen, und vor allen Dingen geht es so an unseren Stammtischen. Und da es nicht mehr so viele Stammtische und Kneipengänger gibt, hat sich der Stammtisch der Nation ins Netz verlagert.
Besonders viele Stammtischparolen werden auf der sozialen Plattform Facebook geklopft.

Man könnte meinen, das seien dort nur Einzelmeinungen, geäußert von Verwirrten, Verirrten und Ewiggestrigen. Vor allem aber seien diese Äußerungen substanzlos, dumm und ohne große Wirkung.

Doch diese These kippt sehr schnell.

Es gibt keine Ewiggestrigen mehr

Die sogenannten Ewiggestrigen, das waren Männer und Frauen, die unter dem Einfluß der Nationalsozialisten der 30er und 40er Jahre groß geworden sind und die Ideologie von Hitler, Himmler, Göring, Göbbels & Co. eingetrichtert bekamen.
Und wenn man mal zurückrechnet, daß ein von den Nationalsozialisten direkt beeinflußter Mensch spätestens 1939 geboren sein muß, dann erkennt man, daß diese Leute heute beinahe 80 Jahre alt sind. Unter Berücksichtigung der allgemeinen Lebenserwartung sind sie in rund 5 Jahren alle weg.
Noch weniger sind von denen übrig, die aktiv an den Verbrechen der Nazis beteiligt waren. Die sind entweder tot oder weit über 90. (Mit ein Grund dafür, daß man immer mal wieder irgendeinen senilen Zauselopa hinterm Ofen vorzieht und vor Gericht stellt.)

Nach dem Zusammenbruch der Nazi-Diktatur wäre alles noch mehr zusammengebrochen, als es durch den Krieg ohnehin schon war, hätten die Alliierten es nicht zugelassen, daß Nazis und ganze Naziseilschaften wieder nahtlos in Amt und Würden irgendwelchen Amtstätigkeiten nachgegangen wären.
An führenden Stellen der Verwaltung, auf Richterstühlen und überall in der Gesellschaft, da gab es diese ewig gestrigen Hitlergläubigen, die sich nicht befreit, sondern von den Alliierten gedemütigt und um die Erfüllung ihres Traums vom 1000-jährigen Reich gebracht sahen.

Doch soeben haben wir festgestellt, daß es diese Ewiggestrigen aufgrund natürlicher Auslese gar nicht mehr gibt.

Es sind die Neugestrigen, die Nazis sind

Das Besondere an der Naziideologie ist, daß sie einfach und krachledern ist. Das hilflose Gestammel Adolf Hitlers, das sich auch durch sein Buch „Mein Kampf“ zieht, ist an Idiotie und Stümperhaftigkeit kaum zu überbieten.
Es ist mehr der Versuch, eine simple bajuwarische Botschaft mit einer Art ideologischem Überbau zu versehen. Es ist nur die Rechtfertigung dafür, daß sich ein Volk über die anderen Völker erheben will, und daß ein von den Eindrücken des Ersten Weltkrieges geprägter Arbeitslose und Nichtskönner endlich selbst Krieg spielen will.
Substanz hat diese Ideologie keine. Sie fußt auf ganz einfachen Archereflexen des Menschen. Die Horde an sich ist schützenswert und alles Fremde ist eine Bedrohung. Punkt.

Und weil diese Botschaft so simpel ist, kann sie jeder Depp verstehen.
Noch weiter: Und weil diese Botschaft so simpel ist, erkennt jeder halbwegs intelligente Mensch, daß für sie in unserer Zeit kein Platz mehr ist. Wir leben nicht mehr als Horde in der Höhle.

Daraus ergeben sich zwei große (und zugegebenermaßen vom Autor wirklich nur grob gemeißelte) Gruppen: Die Deppen, die gar nicht mehr verstehen müssen, als diese simple Botschaft. Und die Nicht-Deppen, die diese Botschaft als Vehikel benutzen, um an die Macht zu kommen.
Das ist heute nicht anders, als vor 80 Jahren. Da gab es auch Hunderttausende, die sofort erkannt haben, daß der schreiende Österreicher nichts zu bieten hat. Aber es konnte nicht schaden, sein Lied zu singen, denn das versprach beruflichen Anerkennung, Aufstieg, Erfolg und letztlich auch mehr Geld.

Und heute? Heute sind es wieder im Grunde nur die Doofen, die die Botschaft von Pegida und AfD für richtig halten, oder überhaupt für eine Botschaft halten.
Mit ihnen stimmt aber ein ganzes Heer von Mitläufern für diese Gruppierungen, sei es nun mit dem Wahlzettel an der Urne oder mit den Füßen bei diversen Aufmärschen.
Darunter viele, die einfach nur ihrer Unzufriedenheit Ausdruck verleihen wollen, die einfach nur „denen da oben“ einen Denkzettel verpassen möchten.
Sehr viele gehören aber in die gleiche Kategorie, wie die, die im Dritten Reich zu Mitläufern geworden sind: Sie versprechen sich Anerkennung, Aufstieg, Erfolg usw.

Der Mexikaner ist der neue Jude

Donald Trump hat den Mexikaner zum Feind erklärt, bei uns waren es mal die Juden; heute sind es bei uns Flüchtlinge, Ausländer und wie immer und überall: die Kritischen.

Die Botschaft ist so einfach zu verstehen, wie Nutella aufs Brot zu schmieren. „An meiner persönlichen Misere und Unzufriedenheit sind die anderen schuld.“

Ja, und vor diesem Hintergrund erinnern sich die ganz Doofen an die Zeit vor 80 Jahren und bedienen sich der Symbole, der gleichen Sprüche und der gleichen Brutalität, um den „Anderen“ von hier zu vertreiben.
Anders ist es nicht zu erklären, daß jemand ein Haus anzündet, in dem sich Menschen befinden.

Ob es nun, wie in den USA, der Mexikaner oder Muslim ist, oder ob es wie bei uns der Fremde an sich ist, das spielt keine Rolle. Immer wenn Andere ausgegrenzt und zur Bedrohung hochstilisiert werden, immer dann lauert das Braune, das Rechte und das Nazitum.

Den Juden ist großes Unrecht widerfahren und es ist nicht verkehrt, sich dessen als Deutscher auch bewußt zu sein.
Immerhin aber sprachen die hier aus Deutschland und Österreich deportierten Juden unsere Sprache, hatten sich assimiliert und ihre Religion und Vorstellung von Religion war in irgendeiner Weise mit der christlichen Vorstellungswelt halbwegs kompatibel.
Die Feinde, die die Nazis jetzt ausgerufen haben, kommen viel vielschichtiger daher. Der Islam mit einer Religionsausübung, die uns sehr fremd erscheint, mit einen Regelwerk, das wir nicht kennen, angeheizt von ebenso rückwärts gerichteten Islamstaatlern, das ist einfach inkompatibel. Ja, es ist noch viel inkompatibler, als es die Juden jemals waren.
Und somit sind Muslime und Afrikaner bestens als Feindbild des Bedrohers geeignet.

Es gibt in Deutschland auch so ein paar Sachen, die mir persönlich nicht gefallen. Ich denke oft, daß hier und da etwas im Argen liegt.
Aber grundsätzlich leben wir doch im Schlaraffenland. Lebensmittelversorgung, Energie, Wasser, Wohnraum, medizinische Versorgung, alles ist im internationalen Vergleich top.
Aber dieses Schlaraffenland bietet eben nicht für jeden Reichtum in Hülle und Fülle, sondern es ist so gestrickt, daß sich -abgesehen von wenigen „da oben“- alle immer etwas nach der Decke strecken müssen.
Und manche können sich -aus welchen Gründen auch immer- nicht genug nach dieser Decke strecken und bleiben in irgendeiner Weise auf der Strecke.
Ja und wenn dann noch die AfD es so darstellt, als ob „ganz Deutschland“ auf der Strecke bliebe, glauben das im Laufe der Zeit immer mehr Leute.
Die oben beschriebene krachlederne und einfache Botschaft: „Die anderen sind an allem schuld“, zieht auch heute noch.

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
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peter wilhelm autorenlesung

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3 Kommentare auf "Nazi für Anfänger"

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Peter Grohmüller
Co-Autor

Die westlichen Alliierten hatten schnell erkannt, dass nach 45 die Nazis das ideale Bollwerk gegen den Russen darstellten. Man musste sie nur einigermaßen an der kurzen Leine halten. Deshalb waren auch knapp 80% der „Insassen“ des 1. Deutschen Bundestags durch die Bank Altgediente, ebenso wie die Polizeichefs, die Juristen etc.
Heute stellt sich das gleiche Bild dar. Denn die Nazis stellen nicht die Systemfrage und sind dem Establishment allemal lieber, als linke Utopisten. Faschisten und Kapital war immer eine fruchtbare Symbiose. Deshalb lässt man sie auch heute noch ihre Gift verbreiten und ab und zu mal eine paar Flüchtlingsheime abfackeln.

Martin
Gast

Ich bin ein kritischer Leser und es kommt heutzutage selten vor, dass ich einen Text vor mir habe, dem ich wirklich zu 100% zustimme. Du hast es geschafft! Besser und schnörkelloser kann man die Thematik nicht auf den Punkt bringen!

Peter Grohmüller
Co-Autor

By the way:

man betrachte die „fundamentalen Kriterien“, über die nach allgemeiner Lesart der Faschismus definiert wird:

• einen simplen „philosophischen“ Überbau
• eine universell gültiges Weltbild: wir gegen alle anderen
• eine klar definierte Opferrolle – wir
• ein klar definiertes Feindbild – die anderen
• ungebildete Massen in prekärer Lage
• einen charismatischen Führer, der den Massen Heilung verspricht

Dazu gibt es zwei herausragende Beispiele: Erdoğan und Trump. Allerdings haben wir auch hierzulande den einen oder anderen demokratische gewählten Irrläufer der der o. g. Definition ziemlich nahe kommen: Thomas de Maizière und Horst Seehofer an erster Stelle. Solche etablierte „Vorbilder“ sind das beste Schmiermittel für das braune Gesockse.

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