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My blog is my castle

My blog is my castle

Der Engländer sagt ja gerne mal: „My home is my castle.“ Das sagen die Engländer deshalb, weil sie einerseits besser Englisch können als die meisten von uns und weil der Engländer an sich ja auch mal gerne in einer Burg wohnt. Sie wollen damit sagen, dass sie in ihren eigenen vier Wänden machen können/wollen, was sie möchten und dieses Gut auch schützenswert finden. Besonders schützenswert finden das die Neuengländer in Neuengland und den angrenzenden Staaten, dort darf man nichtmals durch das Schlafzimmerfenster schauen, ohne Gefahr zu laufen, mit dem Pumpgun niedergestreckt zu werden. Aber warum sinniere ich darüber und warum setze ich das in Bezug zu meinem Weblog? Nun, ganz einfach: In den vergangenen Wochen drängten mich einige andere Blogger, ich solle doch meine Stimme mehr zu tagesaktuellen Ereignissen und zu politischen Themen erheben. Es sei heute wichtig, in den Weblogs einen gewichtigen Gegenpol zu den „weichgespülten“ Medien und zur „Hofberichterstattung“ der „gesteuerten Presse“ zu haben.

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Zum einen ist es aber so, daß ich in meinen Weblogs zu den Themen etwas schreibe, von denen ICH meine, daß dazu etwas geschrieben werden muß. Zum anderen gibt es doch genügend Blogger, die sich gierig auf jedes sich bietende Thema im politischen Bereich stürzen und Tag für Tag in das unwichtigste Gewäsch, das Politker absondern, immer wieder skandalöse Hintergründe hineininterpretieren. Für die Medienwelt da draußen haben solche privaten Weblogs keinerlei Bedeutung. Ich bilde mir mal ein, mein Weblog ist ein recht gut besuchtes. Vielleicht eine Million Menschen schauen in einem Jahr hier vorbei, wenn ich Glück habe und die Entwicklung anhält, vielleicht doppelt so viel. Das ist eine ganze Menge, möchte man meinen. Doch im Vergleich zu Printmedien oder gängigen Fernsehformaten ist das ein Nichts. Sicherlich bringen viele Weblogs hochinteressante Gesichtspunkte und die dort dargelegten Meinungen sind fundiert und interessant, jedoch sind sie aus den Augen der breiten Öffentlichkeit und der Journalie nichts weiter als privat geäußerte Meinungen. So gesehen unterscheiden sich Weblogs nicht vom Gerede an irgendwelchen Stammtischen. Dort sitzen ja bekanntlich auch die besten Kanzler, Bundestrainer und Religionswissenschaftler der Welt, ist ja klar. Der wichtigste Unterschied zum Stammtischgepöbel, zum schnell dahingequatschten dummen Zeug in geselliger Bierlaune, besteht darin, daß Weblogs bleibende Spuren hinterlassen, „Wer schreibt, der bleibt“, sagt der Volksmund. Das Gebloggte ist nachvollziehbar, weil abgespeichert, indiziert und archiviert. Somit kann das schnell Dahingeschriebene auch von denjenigen durchsucht, gelesen und rechtlich verfolgt werden, die vom Gerede am Stammtisch gar nichts mitbekommen. Im Übrigen ist es ja auch so, daß es in vermeintlichen Krisenzeiten für den Unbedarften leichter ist, Themen zu finden; die Dinge liegen einfach mehr auf der Hand. Gerade in Zeiten, in denen sich politische Themen ergeben, die polarisieren (Gesundheitsreform, Arbeitlosigkeit, Globalisierung, Islam, Große Koalition, um nur mal einige Stichpunkte zu nennen) findet auch der oft nur unzureichend informierte Laie viele Punkte, über die es sich für ihn aufzuregen lohnt. Allenthalben bemerkt man aus diesem Grund und anderen Gründen, daß sich Blogger von ihrem angestammten Themenkreis abwenden und sich rein politischen Themen zuwenden. Ob sie nun davon eine Ahnung haben oder nicht, das sei dahingestellt. Eine Meinung werden sie aber immer haben und genau das ist der Knackpunkt. Das immer wieder lautstark vorgetragene und für jeden Dummfug beanspruchte Recht auf freie Meinungsäußerung garantiert ja jedem, seine Meinung frei äußern zu dürfen. Aber nur weil Leute tagtäglich zu jedem Quark ihren Senf dazu geben, wird daraus noch keine ordentliche und sachgerechte Berichterstattung. Es ist und bleibt das, was es immer war: die Äußerung von privaten Meinungen, eben jetzt nur in computergerechter Form eines Weblogs. Ich werde keinen solchen Wandel vollziehen, zumindest nicht, indem ich dieses Blog hier umwidme oder dann noch ein unkritisches Zweit- und Drittblog aufmache. Dieses Weblog hier ist ein buntes Weblog mit einer Vielzahl von Themen; durchaus auch mal politischer Art. Ich finde auch nicht, daß es hilfreich ist, wenn sich jetzt viele Blogger auf die selben Themen stürzen und unisono die, nach Meinung einiger, einzig richtige Sichtweise wiedergeben. Manchmal kommt es vor, daß ich heute diese Meinung zu bestimmten Entwicklungen habe und morgen schon eine ganz andere. Das mag daran liegen, daß ich heute schlechtere Laune habe als morgen oder aber auch daran, daß ich mich inzwischen besser informiert habe. Nach über 20 Jahren aktiver politischer Arbeit in den verschiedensten Gremien einer großen deutschen Volkspartei bilde ich mir ein, etwas von der Sache zu verstehen. Trotzdem verstehe ich nicht alles, was „da oben“ gemacht wird, einerseits weil es nicht mehr zu verstehen ist und andererseits weil ich eben doch kein Berufspolitker bin. Was ist das Fazit dieses Textes? Nun, ich betrachte die politischen und die politisch werdenden Blogs mit Wohlwollen und lese da auch immer wieder mal. Aber das Dreibeinblog bleibt ein buntes Weblog. Okay?

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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