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Man sägt nicht an dem Ast, auf dem man sitzt

Man sägt nicht an dem Ast, auf dem man sitzt

Dieser kräftige, schön gewachsene Ast, auf dem wir alle sitzen, der heißt Web 2.0.
Spricht man mit amerikanischen Internetnutzern, so erfährt man viel über die Chancen, die das Web 2.0 bietet. Sie loben die große Freiheit, betonen den Aspekt, daß jedermann nun im Web mitwirken kann, daß eine weite Vernetzung von News und Inhalten leicht möglich ist.
Begeisterung schwingt mit, wenn die Amerikaner das Web 2.0 beschreiben, manchmal auch ein wenig Skepsis darüber, wie lange diese „Blase“ anhält. Unterm Strich hört man aber durchweg Begeisterung heraus.

Man sägt nicht an dem Ast, auf dem man sitzt

Zunehmend mehren sich aber, vor allem in Europa -und hier verstärkt in den deutschsprachigen Ländern- Meinungen, die fast schon das baldige Ende des Booms voraussagen. Sind das Kassandra-Rufe oder haben diese Schwarzmaler eher eine prophetische Gabe?

Mit dieser Frage beschäftigt sich auch VanDyrk in seinem neuesten Artikel „Erstickt Web 2.0 an seiner eigenen Freiheit?“. Er schreibt darin unter anderem:

Man sägt nicht an dem Ast, auf dem man sitztMan sägt nicht an dem Ast, auf dem man sitzt

Über das Thema Flickr und Zensor… Was mich an der Stelle stutzig macht, ist schlicht und ergreifend die Tatsache, daß in dem Zusammenhang Deutschland mit Ländern wie Shanghai, Hong Kong und Korea in einem Atemzug genannt wird.

Ist es um das deutsche Rechtssystem tatsächlich so schlimm bestellt, daß wir mit solchen Ländern auf einer Stufe stehen? Ist es wirklich notwendig, wie zum Beispiel im Falle Flickr gesehen und bei Google längst Gang und Gäbe, daß Webseitenbetreiber spezielle Filtersysteme für Deutsche einbauen müssen?

VanDyrk fragt sich weiter, ob da nicht einiges faul sei im Staate Dänemark Deutschland:

Da werden Blogbetreiber wegen Brötchenfotos abgemahnt. … irgendwie fehlt mir bei einigen Merkwürdigkeiten einfach die Verhältnismäßigkeit.

Das ist auch genau meine Meinung. In der Diskussion, nach den Abmahnungen durch die Betreiber von Marions Kochbuch (usw.) stellte ich mich ja grundsätzlich auf den Standpunkt, daß man eben das Urheberrecht achten muß, um keine Probleme zu bekommen. Werk ist Werk und Urheber bleibt Urheber, Punkt. Diesen Standpunkt vertrete ich auch heute noch, denn ohne klare Regeln, verkommt das Urheberrecht zu einem Gummiparagraphen. Dennoch schließe ich mich VanDyrk eindeutig an, wenn es um die Verhältnismäßigkeit geht. Und selbst wenn die Rechtslage anders aussieht und dem Brötchenfotograf alle Möglichkeiten gibt, moralisch und vernunftsmäßig hätte man den Sack auch weitaus früher zubinden können.

Auch das Thema „Saftblog“ (gibt’s das noch?), vor einigen Wochen noch das Lieblingskind der Blogosphäre und jetzt wieder am Rande der Bedeutungslosigkeit, greift VanDyrk auf:

Da wird in einem Blog über die olympischen Winterspiele in Turin geschrieben und schwups hat der Betreiber eine Abmahnung am Hals.

Selten ist eine Institution kopfloser und sinnloser über das Ziel hinausgeschossen, als die olympische Organisation in diesem Fall. Da bahnte sich gar ein regelrechter Skandal an, der eigentlich zu einem Aufschrei in der gesamten deutschen Öffentlichkeit hätte führen müssen. Ein kleiner Saftladen benutzt nebenbei einen geschützten Begriff und bekommt die gesamte juristische Wucht einer weltumspannenden Organisation zu spüren. Aber nichtmals der sonst so allfällige Mitleidseffekt, das kurze Aufbäumen des Interesses, konnte hier verzeichnet werden. Abgesehen von ein paar Dutzend Weblogs, hat sich niemand wirklich für diesen „Skandal“ interessiert. So wichtig scheinen Weblogs also nicht zu sein und selbst mancher A-Blogger hat nur deshalb eine interne Bedeutung, weil einige B- und C-Blogs ständig um ihn kreisen, nicht aber, weil da draußen ihn irgendjemand wirklich wahrnimmt.

VanDyrk wendet sich dann den typisch deutschen Kleinkriegen zu, die seit die Deutschen eine halbwegs gemeinsame Sprache sprechen, zum Alltag gehören (ich sach nur: Maschendrahtzaun) und schreibt über:

zwei Menschen die sich über einen langen Zeitraum … so heftig bekriegen und sich gegenseitig mit Klagen und einstweiligen Verfügungen überziehen, daß nachher einer der beiden im Knast sitzt.

Solche Auseinandersetzungen gehören seit eh und jeh zu den Netzen dazu. Schon in Zeiten des seeligen Fidonetzes gab es solche Vorfälle und mancher Forenbetreiber kann von Flamewars ein Liedchen singen. In Zeiten des Web 2.0 bekommen aber solche Kleinkriege, wie auch der Saftladen-Skandal von oben eine ganz andere Bedeutung.

Abgesehen von ganz wenigen Weblogs haben nämlich kaum irgendwelche Seiten, die zu dieser Web 2.0 Blase gehören, überhaupt irgendetwas Relevantes zu berichten. Manch einem (z.B. dem Shopblogger) ist es gelungen, die unwichtige Nebensächlichkeit quasi unbewusst zu einer Kunstform zu erheben, andere glänzen durch eine mehr oder weniger sinnbefreite Vielscheiberei, doch nur wenige liefern tatsächlich Interessantes. In den allermeisten Fällen handelt es sich um die Teilnahme am Tanz ums goldene Kalb, bei dem jeder von jedem abschreibt, vermeintliche Sensation kolportiert und zum wiederholten Male den selben, bereits zur Kotze durchgekauten Brei, nochmals durchkaut.
So werden unglaubliche Banalitäten hochgeschaukelt und in einer Art Massenwahn zum Thema gemacht, an dem sich Dutzende, wenn nicht gar hunderte von Weblogs aufgeilen. Eine Art allgemeiner Betroffenheit macht sich breit und all diejenigen, die sich an diesem kollektiven Zinnober nicht beteiligen, gelten als verschroben und werden als „unwichtig“ oder im besten Falle als „uninformiert“ hingestellt. Dabei kann dieses gemeinschaftliche Heulen nicht darüber hinwegtäuschen, daß es nur der Ersatz für eigene Inhalte ist. Merke: Nur wem selbst nichts einfällt, der muß an diesem Kollektivgeschrei teilnehmen.

Nur so können bestimmte Vorfälle innerhalb der Blogosphäre überhaupt an Relevanz gewinnen. Es ist dies aber nicht die Relevanz der Sache, sondern nur eine fadenscheinige, oberflächliche Relevanz, begründet allein in der Häufigkeit, in der dieses Thema aufgegriffen wird.

VanDyrk stellt in seinem Artikel weiterhin die Frage, warum man beispielsweise den Eiffelturm, bei Tag fotografiert, ins Netz stellen darf, Nachtbilder aber verboten sind, weil die Beleuchtungsfirma ein Recht auf den Beleuchtungseffekt hat. Und abschließend kommentiert er noch das aktuelle Geschehen, um FLICKR, die mit einer absolut unverständlichen Zensur nunmehr dafür sorgen, daß massenhaft deutsche Nutzer dieser Bilderplattform den Rücken kehren.

Ob man nun die Hintergründe einer solchen Maßnahme versteht, ob man die Tragweite vollumfänglich nachvollziehen kann, bleibt völlig belanglos, zählt doch für den Internetbenutzer nur der tatsächliche, bequeme Nutzen solcher Plattformen. Ist der nicht mehr gegeben, taugt der Dienst auf Dauer nichts mehr.

Einmal mehr zeigt sich, wie flüchtig in dieser Web 2.0 Blase alles ist. So wie sich die bunt schillernde Oberfläche einer Seifenblase ständig ändert und verschiebt, so ändert und verschiebt sich auch im Web 2.0 alles schnell. „Panta rhei“, alles fließt!

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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