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Langeweile

Langeweile

Was ich überhaupt nicht verstehen kann, ist daß jemand Langeweile hat. Ich persönlich bin eher ein gemütlicher und ruhiger Typ, dennoch aber immer von einer gewissen inneren Unruhe getrieben, weil ich ständig irgendetwas zu tun habe. Meistens muß ich überlegen, was ich von den zu erledigenden Dingen zuerst mache.

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Anke und ich haben überlegt und sind zu dem Ergebnis gekommen, daß wir auch als Kinder kaum Langeweile kannten. Ich persönlich erinnere mich an einen verregneten Sonntagnachmittag, an dem mir langweilig war. Das ist in der Tat die einzige Erinnerung an Langeweile, die ich habe. Und Anke geht es auch nicht anders.

Anders ist das allerdings bei unseren beiden Kindern. Die haben eigentlich immer Langeweile. Es sei denn, es gibt was zu futtern oder sie dürfen hier im Wohnzimmer fernsehen. Da ist es dann vollkommen egal, was es zu essen gibt oder was da gerade im Fernsehen läuft, in diesen Momenten ist die Langeweile gebannt.

Ansonsten hören wir 250 mal am Tag: „Papa, mir ist langweilig.“

Das können Anke und ich schon allein deshalb nicht verstehen, weil wir zwei Kinder haben. Rouven ist zwölf und Josie ist acht. Das heißt, sie sind vom Alter und den Interessen her so nahe beieinander, daß sie etwas miteinander anfangen können, daß sie gut gemeinsam spielen könnten.

Tun sie ja auch, allerdings immer nur fünf Minuten lang, dann ist es dem Großen schon wieder „fad“. Fad heißt, daß er das Interesse an diesem Spiel verloren hat. Dabei spielt es auch keinerlei Rolle, wie lang so ein Spiel geht und wie groß der Aufwand vorher war.

Rouven hat eine Carrera-Bahn. Die aufzubauen dauert, dank seiner grobmotorischen Veranlagung, etwa eine halbe Stunde. Dazu muß aber zuerst das Kinderzimmer halb umgeräumt werden, damit die Schienen Platz finden. Nachdem dann etwas 45 Minuten aufgebaut wurde, geht die Suche nach Batterien los. Diese Bahn braucht nämlich sechs A-Zellen (Monozellen). Die haben wir nicht immer in beliebiger Zahl herumliegen, also bekommt das Kind 2 Euro und fährt mit dem Fahrrad zum nächsten Laden und kauft die passenden Batterien.

Insgesamt sind anderthalb Stunden ins Land gegangen, bis die Rennwagen endlich die ersten Runden drehen können. Einem wunderschönen Formel-1-Nachmittag steht nichts mehr im Wege. Doch man kann Wetten darauf abschließen, nach spätestens, allerspätestens zehn Minuten steht der Junge gelangweilt im Wohnzimmer und jammert uns vor, wie langweilig ihm ist. Josie soielt noch ein halbes Stündchen alleine, dann ist es ihr alleine auch „fade“.

Im Grunde bräuchten die Kinder einen persönlichen Animateur, der alle zehn Minuten eine neues Spiel mit ihnen spielt und mindestens alle 30 Minuten etwas Eßbares in den Ring wirft oder alternativ dazu einen albernen Tanz aufführt.

Anke sagt: „Lies doch mal was! Ich habe als Kind so viele Bücher gelesen, drüben im Regal stehen über hundert Kinderbücher.“

„Lesen, bäääääh“, sagt der Junge, „das ist doch voll langweilig.“

„Wieso langweilig“, sage ich, „da stehen doch spannende Geschichten drin.“

„Ja, da muß man aber lesen. So Geschichten gibt es doch auch als Film, warum soll man dann noch lesen?“

Anke und ich lesen in jeder freien Minute. Wir haben gar nicht so viele freie Minuten, um alles das lesen zu können, was uns interessiert. Oft sind die kleinen Viertelstündchen auf dem Klo die einzigen Zeiten an denen wir in Ruhe lesen können. Oft kommen wir ja auch deshalb nicht zum Lesen, weil alle paar Minuten ein gelangweiltes Kind unseren Lesefluß unterbricht.

Man kann den Kindern auch mit neuen Spielzeugen keine Freude machen. Das heißt, sie freuen sich schon, aber sie haben nicht lang Freude daran. In einem Supermarkt sehe ich eine batteriebetriebene Seifenblasenmaschine. Sie sieht aus wie eine Wasserpistole mit einem kleeblattförmigen Rotor an der Spitze. Den taucht man in ein kleines Wännchen mit Seifenblasenflüssigkeit und dann drückt man ab. Es entstehen tausende wunderschöner, schillernder Seifenblasen. Ich habe extra noch ein günstiges Halbliterfläschchen Seifenlauge dazugekauft, damit die Kinder ausgiebig spielen können. Der Pistole lag zwar ein kleines Fläschchen bei, aber damit kommt man ja nicht weit.

Du ahnst schon, wie es weitergeht, oder?

Als die Seifenblasenpistole überreicht wurde, war das Hallo groß. Die beiden Kinder konnten gar nicht schnell genug die Batterien einsetzen und vom Balkon aus die ganze Straße mit einem Teppich aus Seifenblasen überziehen.

Das machte sogar unseren Nachbarn Spaß und man sah von allen Balkonen Hände, die versuchten, die Blasen zu fangen. In gewisser Weise wecken solche Seifenblasen in jedem von uns das Kind.

Schon am nächsten Tag war das Interesse an der Seifenblasenmaschine erlahmt. Die große Reserveflasche steht seit einem Jahr unangetastet im Regal und selbst das kleine Fläschchen ist noch fast voll.

Neulich hatten die Kinder mal wieder Langeweile ohne Ende und ich sage: „Warum spielt ihr denn nicht mal mit eurer Seifenblasenpistole?“

„Aber Papa, die ist doch voll öde, die haben wir doch schon benutzt.“

„Die kann man doch immer wieder benutzen.“

„Nö!“

Aus, fertig, Ende…

Da könnte Michael Jackson nackt im Kinderzimmer tanzen, den Kleinen wäre das nach zehn Minuten fad.

Anke und ich hatten schon befürchtet, daß unsere Kinder irgendeinen Schaden haben. Aber auf einem Elternstammtisch haben wir dann gehört, daß das eine ganz typische Erscheinung ist, über die alle Eltern klagen, die Kinder in diesem Alter haben. Allen Kindern ist immer langweilig.

„Papa, machst du heute was mit uns?“, so lautet eine besonders häufig vorgetragene Frage. Natürlich mache ich im Grunde gerne etwas mit den Kindern. Ich war schon im Schwimmbad, beim Minigolf und auf Dutzenden von Abenteuerspielplätzen. Das Ergebnis ist immer das gleiche. Papa spielt Minigolf oder so und die Kinder sitzen gelangweilt am Tisch und trinken Limo.

In der Nachbarstadt ist Dampftreffen. Da treffen sich hunderte begeisterter Fans von Dampflokotiven, Dampfmaschinen und allem, was man sonst noch mit Dampf antreiben kann. Ich fahre mit meinem Sohn dorthin und kaufe zwei sündhaft teure Eintrittskarten.

Nach zwei Stunden war ich es leid, das gelangweilte und beleidigte Kind von Attraktion zu Attraktion zu ziehen und als einzige Reaktion zu hören: „Wo gibt es hier Bratwurst?“

Einen Sonntagmorgen sitze ich mit dem Jungen allein im Wohnzimmer. Es ist eine gute Gelegenheit, mit ihm mal ein Gespräch von Vater zu Sohn zu führen. Ich baue das Gespräch psychologisch geschickt auf und führe ihn unmerklich zum entscheidenden Punkt. Nach etwa einer Stunde stelle ich ihm die entscheidene Frage: „Dann sag mir mal, was dich interessiert. Wenn du an gar nichts denkst und dann so ins Überlegen kommst, was fällt dir dann ein? Was ist so das Ziel deiner ganzen Träume?“

Der Junge zuckt nur mit den Schultern und glotzt mich an, wie ein Huhn beim Eierlegen.

Rund eine halbe Stunde später sagt er auf einmal: „Du Papa..“

„Ja?“

„Mir ist was eingefallen.“

„Was ist dir eingefallen?“, frage ich zurück.

„Na, was mich interessiert, wovon ich immer träume.“

Endlich! Mein Sohn offenbart mir sein Innerstes. Ich werde endlich erkennen und erfahren, was dieses gelangweilte Kind wirklich interessiert! Deshalb nicke ich ihm aufmunternd zu.

Er holt Luft, rudert etwas grobmotorisch mit den Armen und dann sagt er:

„Schweinebraten!“

Muß ich noch Irgendetwas schreiben? Nee, oder?

Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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