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Juri rudert

Juri rudert

Vor vier Monaten hat Juri seinen „Lustigen Bosnier“ eröffnet. Der Verpächter war froh, dass er endlich einen Wirt gefunden hatte, der den Laden in Schwung brachte. Juri und seine Frau kommen aus dem Fach, kennen sich aus und erkannten auf Anhieb, warum vor ihnen der Laden eher schlecht gelaufen war. Mit viel Phantasie richteten sie das Restaurant ein, kochten sich die Seele aus dem Leib und schon nach ganz kurzer Zeit war der Laden jeden Tag voll.

Ich war erstaunt, wie schnell sich das herumgesprochen hatte und wie schnell die Gäste erkannt hatten, dass es da gutes Essen in nettem Ambiente gibt.

Gestern waren wir nach 14 Tagen mal wieder bei Juri. Aber was war los? Der Laden leer, nur ein älteres Ehepaar hatte sich von seiner Herz-Lungen-Maschine losgerissen und war mit ihren Rollies zu Juri gerollt. Juri steht hinter der Theke und poliert gelangweilt Gläser.
Normalerweise muss er rennen, um alle Bestellungen abzuwickeln.

„Scheißnichtraucher!“ lautet seine Antwort auf meine diesbezügliche Frage. „Nur einen Tag sind die noch gekommen, die Raucher, dann war wie abgeschnitten.“

„Und wo sind die ganzen Nichtraucher? Es hieß doch, die Kneipen wären dann voll von Nichtrauchern“, gebe ich zu bedenken.

Juri zuckt mit den Achseln: „Die haben ja jetzt keinen Grund mehr hier über die Raucher zu meckern, was sollen die also hier?“

Wir waren zu viert, haben bestellt und bei Juri geht das alles immer sehr schnell und zügig.
Während wir aßen, kamen noch zwei junge Frauen. An der Tür blieben sie stehen, blähten ihre Nüstern und nahmen Witterung auf. „Herlinde, da wird auch nicht mehr geraucht“, sagte die eine zu der anderen und die beiden setzten sich an den Tisch direkt neben uns.

Juri rudertJuri rudert

Ist Euch das auch schon einmal aufgefallen? In einem Lokal können 144 freie Plätze sein, die neuen Gäste setzen sich immer an den Tisch direkt nebenan. Vor allem tun sie das dann, wenn sie den tiefen inneren Drang verspüren, ihre persönlichsten Geheimnisse in der Lautstärke einer Bahnhofsdurchsage abzusondern.

So taten es auch Herlinde und ihre Freundin Irmhild. Irmhild hatte noch nie einen Mann, wie wir erfuhren, die machen nämlich nur Arbeit und Herlinde sucht seit 20 Jahren, findet aber keinen, der ihre Vorliebe für Nordic Walking, Bionade und vegetarisches Essen teilt.
Die vegetarischen Tagliatelle bestellen die beiden sich, also Nudeln mit warmem Salat drüber und finden es ganz großartig, dass da kein Fleisch dran ist.

Juri bringt uns noch einen Nachtisch „aufs Haus“, um uns zu halten. Wir haben nämlich inzwischen fertiggegessen und ich habe „Zahlen bitte“ gerufen. „Was ist los?“ erkundigt sich Juri: „Hat es Euch nicht gefallen? Ihr bleibt doch sonst immer noch auf einen Mokka und ein Schnäpschen.“

„Weißt Du, Juri“, sage ich: „Wenn ich gegessen habe und gemütlich da sitze, dann gehört für mich einfach das Rauchen einer Zigarette zur Gemütlichkeit dazu und wenn ich das hier nicht mehr darf, na dann fahre ich nach Hause, da darf ich.“

Juri schenkt uns noch einen Nachtisch, wofür wir sehr dankbar sind, was uns aber danach auch nicht zum längeren Bleiben veranlasst.
Neben uns sitzen Herlinde und Irmhild. Irmhild sagt: „Ach, was ist das schön, dass wir Nichtraucherinnen jetzt nicht mehr den ganzen Qualm einatmen müssen.“

Nee, müssen sie ja auch nicht, aber bald werden sie da auch keine vegetarischen Tagliatelle mehr essen können, wetten?

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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peter wilhelm autorenlesung

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