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Herr Oettinger, das war ziemlich doof

Herr Oettinger, das war ziemlich doof

Ach, was regen sich jetzt alle möglichen Leute wieder auf. Der Oettinger, was hat der bloß wieder gemacht? Meine Güte!
Schauen wir mal, wie Dreibein das sieht:

Da stirbt also Hans Filbinger. Jener Hans Filbinger der wegen seiner Rolle als Marinerichter im Dritten Reich nicht ganz unumstritten war. Und unser gewählter Ministerpräsident Günther Oettinger weiß nichts besseres zu tun, als sich in seiner Traueransprache dahingehend zu äußern, Hans Filbinger sei ein Gegner des NS-Regimes gewesen.

Herr Oettinger, das war ziemlich doof

Als ich das hörte, glaubte ich meinen Ohren nicht zu trauen.


Filbinger, der Todesurteile mit unterzeichnet hat und somit ohne Zweifel Mitschuld, wenn nicht gar Schuld auf sich geladen hat, soll nun auf einem ein Gegner dieses Regimes gewesen sein?

Herr Oettinger, das war ziemlich doofHerr Oettinger, das war ziemlich doof

Aber, Herr Oettinger, wie kommen Sie denn auf so etwas?

Vielleicht meint Ministerpräsident Oettinger ja, daß Hans Filbinger tief in seinem Innern kein überzeugter Nationalsozialist gewesen sei.
Nun, die Vita des Filbingers gibt zumindest ansatzweise diesem Gedanken Nahrung.
Filbinger war im katholischen Schüler- und Studentenbund der der NSDAP nicht gerade nahestand und er erhielt auch ein angestrebtes Stipendium nicht, weil „einen ausgesprochen religösen und konfessionellen Weltanschauungshorizont“ habe.

Wikipedia schreibt dazu weiter: 1934 bis 1937 war Filbinger Mitglied der SA und 1933 bis 1936 des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (NSDStB). 1935 veröffentlichte er in einer katholischen Studentenzeitschrift einen Aufsatz, der Elemente der nationalsozialistischen Volksgemeinschafts- und Rassenideologie übernahm.Gleichwohl stellte Generalstaatsanwalt Emil Brettle im Januar 1937 dem Kandidaten Filbinger bei der Vorstellung zum ersten juristischen Staatsexamen eine Zulassung zum zweiten Examen erst dann in Aussicht, wenn die aktenkundigen politischen Beanstandungen ausgeräumt wären.

Filbinger trat im Frühjahr 1937 der NSDAP bei und begann damit die Referendarsausbildung. 1940 wurde Filbinger zur Marine eingezogen und erreichte 1943 den Dienstgrad eines Oberfähnrichs zur See. Kurz vor der Beförderung zum Leutnant wurde er zur Militärjustiz abkommandiert – gegen seinen Willen, wie er selbst nachträglich darstellte. Er habe zweimal vergeblich versucht, dieser Abkommandierung durch Meldung zur U-Boot-Waffe zu entgehen.

So haben wir es in Filbinger mit einem Mann zu tun, der vielleicht wirklich tief in seinem Innersten vom Tun der Nazis nicht überzeugt war und vielleicht war Filbinger auch kein überzeugter Nazi.

Aber damit steht er ja nicht allein. Das Nazi-Reich bestand ja nicht aus zwei Dutzend Verbrechern, denen einige Tausend nachfolgten, sondern aus einem Millionenvolk der Wegseher und Mitmacher.
Und ein Wegseher und Mitmacher, einigen wir uns mal auf diesen kleinsten gemeinsamen Nenner, war Filbinger nun mit Sicherheit.

Mag es so sein, daß er seine Tätigkeit in der Marinejustiz als Pflichterfüllung nach militärischer Beamtenart verstanden hat, so hat er diese Pflicht aber zum belegbaren Nachteil derjenigen erfüllt, die durch seine Schuld oder Mitschuld ums Leben gekommen sind.

Es gab Blockwarte, die nur wegen der schönen Uniform und weil sie endlich mal was zu sagen hatten, mitgemacht haben und ansonsten dem Regime in keinster Weise verbunden waren. Und letztlich hat es auch KZ-Kommandanten gegeben, die äußerst kinderlieb waren, allgemein als umgängliche und nette Menschen galten und dennoch Millionen ins Gas gescheucht haben.

Wo will man denn da bitteschön die Grenze ziehen?
Unterschiede muß man schon machen, das ist ja wohl klar. Ein harmloser Mitläufer, der sich von Fahnen, Marschmusik und Uniformknöpfen blenden ließ, hat sicher eine andere Qualität als jemand der aus tiefster Überzeugung ein gläubiger Nationalsozialist war.
Aber was ist denn, wenn man es so betrachtet, schlimmer? Jemand der heute noch heimlich eine Führerbüste auf dem Klavier stehen hat und seit 1932 fest in dieser Ideologie verhaftet ist, aber nie jemandem etwas zuleide tat, oder jemand der nur wegen der schönen Uniform zwei Jahre Blogwart war, aber zahlreiche Nachbarn wegen Abhörens von Feindsendern ins KZ brachte?
Und nicht vergessen dürfen wir diejenigen, die als Beamte oder Wehrmachtsangehörige einfach nur glaubten, ihre Pflicht tun zu müssen. Sei es, daß sie sich entschuldigend darauf berufen, sei es, daß sie wirklich von dieser Pflichterfüllung überzeugt waren.

Zu welcher Gruppe mag Filbinger gehört haben?
Ich weiß es nicht und es tut auch überhaupt nichts zu Sache!

Denn eines ist gewiss und nur darum geht es:
Es ist völlig verfehlt, Hans Filbinger als Gegner des NS-Regimes zu bezeichnen.

Günther Oettinger wollte vielleicht auf die Umstände vor der Militärkarriere Filbingers hinweisen, vielleicht hat Filbinger gar den einen oder anderen Juden gekannt, geschützt und nicht verraten, wer weiß? Aber das alles würde, wenn es so wäre, nicht diese Aussage Oettingers stützen.

Ein Gegner des Regimes muß nicht unbedingt ein aktiver Gegner, etwa im Sinne der Geschwister Scholl oder eines Grafe von Stauffenberg, gewesen sein. Nein, auch innere Gegnerschaft mit ansonsten vorgetragenem Stillhalten, schon aus einem gewissen Selbsterhaltungszweck heraus, zählt hier.
Aber wo bitte trifft das auf einen Marinerichter zu?

Wenn Oettinger gesagt hätte, daß Filbinger -tief verwurzelt im katholischen Glauben- niemals ein verbrecherischer Nationalsozialist hat sein wollen, aber in treuer Pflichterfüllung Fehler gemacht hat, die unverzeihlich sind. dann hätte er den Nagel vermutlich auf den Kopf getroffen.

Doch so wie Oettinger es jetzt formuliert hat, ist das Wasser auf die Mühlen der ohnehin-immer-Empörten, kann es von Betroffenen (bewusst?) falsch verstanden werden und ist eine falsche Darstellung der Geschichte.

Auf der anderen Seite ist es aber ein Hohn, zu behaupten, Oettinger habe damit Juden in ihrem Andenken beschmutzt, Geschichtsklitterung begangen oder gar Filbinger fälschlicherweise als Widerstandskämpfer dargestellt.

Günther Oettinger hat sich äußerst dumm ausgedrückt, den Nagel nicht auf den Kopf, sondern das Geschichtsverständnis der Menschen auf den Daumen getroffen.

Ein schnelleres Reagieren und ein kurzfristiges klärendes Wort hätten dem Herrn Ministerpräsidenten gut zu Gesicht gestanden.

Philipp Jenninger hat damals sein Amt als Bundestagspräsident wegen weitaus weniger abgeben müssen, er hatte eine Rede, wie er Jahre später selbst einräumte, insoweit falsch vorgetragen, dass aufgrund von Sprechlage und Betonung der Eindruck entstehen konnte, er würde sich nicht ausreichend vom nationalsozialistischen Gedankengut distanzieren.

Tja, Herr Oettinger, das ist mal äußerst dumm gelaufen und Sie haben meiner Meinung nach auch noch völlig falsch reagiert.

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
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Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
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