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Heisse Tage – Hühnerfüßige Pressleberwürste schunkeln zum diminutiven Brezel

Heisse Tage – Hühnerfüßige Pressleberwürste schunkeln zum diminutiven Brezel

Über den Sommer 2016 können wir uns nicht beklagen. Es war ein typisch deutscher Sommer: durchwachsen.
Pessimistisch veranlagte Nörgler erkennt man daran, daß sie diesen Sommer als zu kalt und zu naß beschreiben werden.
Optimisten hingegen würden wahrscheinlich eher sagen, daß der Sommer mit seinen vielen heißen Tagen doch sehr schön war.

Als nörgelnder Optimist meine ich: Der Sommer war wie jeder andere in Deutschland und da halte ich es ganz so wie Mark Twain1.
Mark Twain hat über den deutschen Sommer nämlich einmal gesagt, er sei nur ein grün angestrichener Winter.
Und er sagte:

„Sommer ist die Zeit, in der es zu heiß ist, um das zu tun, wozu es im Winter zu kalt war.“

So ist das auch bei mir. Im Winter ist es mir beispielsweise viel zu kalt zum Laufen. Ich nehme mir schon so lange vor, jeden Tag zusätzlich noch eine Stunde spazieren zu gehen.
Aber es ist im Winter viel zu kalt. Außerdem könnte ich mich erkälten oder bei Eisesglätte ausrutschen und mit sonstwas brechen.

Im Sommer hingegen ist es ja bekanntlich heiß. Die Sonne brennt und man weiß allenthalben um die Gefahren der UV-Strahlung, die bei zuviel Sonnengenuß Hautkrebse der verschiedensten Arten auslöst.
Und natürlich muß man auch an seinen Kreislauf denken. Hohe Ozonwerte, hoher Luftdruck, alles nicht gut für den Kreislauf.
Bliebe noch der Übergang. Der Übergang zwischen Winter und Sommer wird als Frühling bezeichnet und der Übergang vom Sommer in den Winter, den nennt man Herbst.
Beide Jahreszeiten kennzeichnen sich vor allem durch zwei Umstände. Nämlich daß die Bekleidungsindustrie für diese Zeiten die sogenannten Übergangsjacken erfunden hat und daß beide Übergangszeiten gar nicht vorkommen.

Ist doch so! Wann hatten wir denn das letzte Mal einen schönen Frühling? Langsam beginnt die Natur sich zu regen, die Vöglein zwitschern, es laut das Wärmelige ums Gemüt…
Schön wär’s ja. Doch die Realität ist doch ganz anders. Eben noch kratzte sich die Birke winterlich-verschlafen den letzten Schnee aus der hageren Belaubung, da knallt uns schon die Sonne mit 32 Grad auf den Schädel.

Im Herbst ist es nicht anders. Früher dehnte sich der Herbst gelangweilt über Erntedank hinweg, der Bauer spannte seine Rosse aus und ging aufs Oktoberfest. Es fröstelte sich schon durch die Nächte, das Laub verfärbte sich rot und braun. Man wußte, jetzt nahet der Winter.

Und die Wirklichkeit?

Heisse Tage - Hühnerfüßige Pressleberwürste schunkeln zum diminutiven BrezelHeisse Tage - Hühnerfüßige Pressleberwürste schunkeln zum diminutiven Brezel

Es hitzt uns noch der Zentralstern mit 40 Grad die Birne heiß, da liegen beim Krämer schon die Adventskalender im Regal und allenthalben bieten die fleißigen Kaufleute Streusalz und Schneeschieber wohlfeil.

So sieht’s doch aus. Frühling und Herbst gibt es doch gar nicht mehr. Abgeschafft. Kommen nicht mehr vor.
Definitiv gibt es nur noch die zwei kommerziell besser auszuschlachtenden Jahreszeiten Sommer und Winter.

Für den Sommer halten die Kaufleute allerlei Grillzubehör, Gartenmöbel und anderen Tinnef bereit, der wenig kostet, schnell kaputt geht, aber die Terrasse oder den Zweiquadratmeter-Balkon in einen Lifestyle-Bereich verwandeln soll. Man glaubt kaum, wie viele Werbeslogans und Produktnamen man aus den Wortbestandteilen „Fun“, „Summer“, „Lifestyle“ und „Wellness“ bilden kann.
Sehr gerne übrigens verwenden die Werbeagenturen noch die Zusatzbegriffe „Insel“, „Oase“ und „Bereich“.

Glaubt man den Werbeversprechen und den Hochglanzfotos in den Prospekten, dann verwandeln all diese Produkte auch den jämmerlichsten Minibalkon in eine Lifestyleoase oder Summerfun-Insel.
Und das popelige 4 Quadratmeter Wohnklo soll sich dank der „Bäderberatung“ im Baumarkt in eine Wellnessoase oder einen Sanitärbereich teleportieren.
Bitte, ist schon mal jemandem aufgefallen, daß das deutsche Durchschnittsbadezimmer von der Größe her alles andere als ein Bereich ist. Das sind kleine Kammern, oft von vollidiotischen Architekten ohne Fenster konzipiert. Und wer meint in einer 4-7 Quadratmeter großen Nasszelle könne er einen Wash- and Shower-Bereich einrichten, der hat nicht alle Würmer im Kompost.

Auch die Terrasse mutiert zu einem Bereich. Glaubt man der Werbung, verbringen alle Menschen dieser Welt den ganzen Sommer mit der Würstelzange in der Hand hinter einem Weber-Grill.
Und natürlich grillt man entweder den Deutschländer Bratmaxxe oder eben vegetarisch-vegan und ganz dem Zeitgeist entsprechend ohne Fructose, Laktose und Gluten. Denn wer sowas ißt, der fällt bekanntlich morgen tot um.

Genau auf diesen Kommerz zielt der Sommer ab.

Und im Winter, ja da dreht sich alles um Weihnachten. Schon ab Ende August versuchen uns die Verführer der Werbeindustrie auf den weihnachtlichen Kaufrausch vorzubereiten. Und was machen wir? Wir kaufen!
Und das tun wir, weil uns weisgemacht wird, unterm Tannenbaum herrsche eitel familiärer Sonnenschein und Friede, Freude und Eierkuchen.
Wer viel kauft, ist glücklicher.
Glückliche Familien dank Mon Chéri [ˈmõˑʃeˌʀi] (frz.: Mein Liebling).

Daß aber an Weihnachten die Selbstmordrate in die Höhe schnellt und daß zu keinem anderen Anlaß mehr innerfamiliärer Zoff und Streit herrschen, das verschweigt die adventsduselige Werbung gerne.
Würde jemand realistisch an die Sache herangehen, dann würde er pünktlich zum Christuswiegenfest Kalashnikovs und Arsen oder günstige Stricke anbieten; er würde viel davon verkaufen.

weihnachtsindustrie-pixabay

Ah ja, so ganz sind die beiden Übergangszeiten doch noch nicht verschwunden. Wenn sie auch klimatisch nicht mehr vorkommen, so werden sie doch als kleine aber umso einträglichere Nischen genutzt, um uns noch mehr Unnötiges anzudrehen. Die Stichwörter lauten hier: Karneval und Halloween.

Jetzt bin ich persönlich ja beiden Festivitäten sehr verbunden. Gezeugt am Rosenmontag und geboren in der Halloween-Nacht, müsste mir ja förmlich vor Vergnügen der Draht aus der Mütze knallen, wenn wieder geschunkelt wird. Aber ich kann dem Schunkeln im Allgemeinen schon nichts abgewinnen. Und ganz im Besonderen kann ich der stets übergewichtigen betrunkenen Frau, die sich bei mir zum Schunkeln einhakt, und dann immer gegen den Takt völlig enthemmt die Richtung wechselt, auch nichts abgewinnen.

Außerdem bin ich Humorist und Satiriker und leide unter der Tatsache, daß die meisten der mich umgebenden Menschen sich unter dem Einfluß von Alkohol und unter dem Schutz einer albernen Maskierung über die dümmlichen Plattheiten von Karnevalsikonen wie dem „Brezelinchen“2 vor lauter Lachen wegschreien, aber gleichzeitig dem feinen und intelligenten Alltagshumor absolut verschlossen gegenüber stehen. Mit anderen Worten: Die Dummen verstehen keinen Spaß, im wahrsten Sinne des Wortes.

Und Halloween? Ach, Halloween gefällt mir eigentlich schon deshalb, weil sich Philologen und Gutmeinende immer so schön darüber aufregen.

Und dann denke ich ja auch immer vorausschauend. Ich bin ja kein unpolitischer Mensch und ich habe ja auch mal Volkswirtschaft und Soziologie auf dem Lehrplan gehabt.
Ja, und deshalb muß man es nur begrüßen, wenn Kinder und Jugendliche sich schon früh darin üben, von Tür zu Tür zu ziehen, um zu betteln.
Denn angesichts der demographischen Entwicklung und der brenzligen Situation der Rentenfinanzierung kann man eins mit Bestimmtheit sagen: In 40 Jahren wird den deutschen Rentnern gar nichts anderes mehr übrig bleiben, als an den Türen der Reichen zu betteln, wenn sie nicht verhungern wollen.
Da ist es gut, wenn sie schon als Kind geübt haben.

Aber wenigstens wird es dann noch Übergangsjacken geben. Vor allem bei ADLER.3

Manchmal wünschte ich mir, die Menschen würden sich im Sommer mehr Gedanken über ihre Kleidung machen.
Gut, ich bin ein Mann Mitte-Ende fünfzig und da ergibt es sich zwangsläufig, daß man als solcher Gefallen an etwas leichter bekleideten schönen und wohlgeformten jungen oder mittleren Damen findet.

Aber leider ist es so, daß die schönen und wohlgeformten jungen und mittleren Damen zwar durchaus vorkommen, aber ebenso durchaus in der Minderzahl sind.
Es überwiegen doch die Mittelschönen und Unwohlgeformten, die sich leicht bekleidet zeigen. (Sie hierzu auch plakativ das Beitragsbild zu diesem Artikel.)
Halux valgus in Flip-Flops und Fett in hautengen pinkfarbenen Bermudaleggins, das ist die an eine hühnerfüßige Preßleberwurst erinnernde Realität.

Es ist nicht eben alles Gold, was in Werbeprospekten glänzt.
Ich sitze neulich bei unserem Nudeltunker vor dem Eiscafé und schlürfe einen Espresso. Am Nebentisch blättern zwei fettleibige weibliche Menschen im aktuellen Lidl-Prospekt.
Sie betrachten eine Seite, auf der schöne schlanke Frauen geringelte Caprihosen tragen. An den Füßen haben die Prospekthühnchen Flip-Flops mit bunten Plastikblumen drauf und oben herum tragen sie dünne Blusen, die keck in Bauchnabelhöhe zusammengeknotet sind. Hübsch!

Nur sagt dann die eine alte Fettel zur anderen alten Fettel: „Ach nee, wie hübsch. Ei, diese Zehentrenner kauf ich mir auch.“
Äh, was bitte? Zehentrenner? Handelt es sich dabei um ein messerscharfes oder zangenartiges Operationsbesteck für die Beseitigung zusammengewachsener Zehen?
Nein, mitnichten. Im hiesigen Dialekt sind Zehentrenner Flip-Flops, weil da ja ein trennender Steg zwischen Großzehe und zweiter Zehe ist.
Die andere Fettel sagt: „Morgen geh ich gleich als Erste zum LIDL, die Klamotten kauf ich mir.“

Und schon habe ich sie vor meinem geistigen Auge:
Die 120 Kilo-Frau mit Oberweite 180 in einem Blüschen, das direkt unterm Busen keck zusammengeknotet ist, also in Kniehöhe.
Und ihren Cinemascope-Arsch hat sie in geringelte (!) Caprihosen gezwängt, die dank Strech-Technologie nicht reißen, sondern cellulitefreundlich ein quergestreiftes Muster auf wabbelige Schenkel projizieren.
Ja und die schlanken Füßchen, die dazu geeignet wären, auf dem Wasser gehen zu können, werden von viel zu schmalen Flip-Flops, äh Zehentrennern, geziert.

Genau!

Es ist manchmal zum Weglaufen.

————————-

1 Mark Twain ist den meisten als Autor von „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ bekannt. Darüberhinaus war Twain aber Journalist und Satiriker und verstand es äußerst intelligent und witzig zu spotten.
Viel davon hat er in dem Buch „Bummel durch Europa“ auch über die Deutschen zu Papier gebracht.
Hier finden Sie den Europa-Band und den daraus abgleiteten Auszug „Reise durch Deutschland“. Ich kann die Bücher nur empfehlen:

Mark Twain: Reise durch Deutschland, gebundene Ausgabe
Mark Twain: Bummel durch Europa, gebundene Ausgabe

2 Und für alle, die nicht wissen, wer oder was ein Brezelinchen ist, hier ein Video zum Abgewöhnen:

3 Weitere Links:

Die Jacke des Todes von Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!


peter wilhelm autorenlesung

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2 Kommentare auf "Heisse Tage – Hühnerfüßige Pressleberwürste schunkeln zum diminutiven Brezel"

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Georg

Die Deutschen haben sechs Monate Winter und sechs Monate keinen Sommer. Und das nennen sie Vaterland.

Napoleon I. Bonaparte

Wool

Wenn die letzten Teiche eisfrei sind, bereiten wir uns auf den Winter vor.

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