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Haltet den Dieb!

Haltet den Dieb!

Das Sankt-Florians-Prinzip kennt jeder: „Heiliger Sankt Florian! Verschon mein Haus! Zünd andre an!“
Es bedeutet also, daß es einem egal ist, was mit den anderen passiert, Hauptsache einem selbst geht es gut.

Einen ähnlichen Effekt hat das Prinzip „Haltet den Dieb!“. Nur ist hier der Unterschied, daß man selbst ein aktiver Dreckspatz ist und wenn man dann bei seinem dreckspatzigen Tun erwischt wird, deutet man auf einen anderen, oft völlig Unbeteiligten und ruft ihm ein „Haltet den Dieb!“ hinterher.

Ganz ähnlich ist es in folgendem Fall:

Kann man wenn man etwas stiehlt, was einem gestohlen wurde ein Dieb sein? Und darf dann der, der geklaut hat und wiederum beklaut wurde, auch noch auf Justizias Hilfe hoffen?

ImproEverywhere veranstaltet, via Internet organisierte, Flashmob-Aktionen. Bei solchen Flashmobs verabredet sich via SMS, Twitter oder Webseite ein Mob, der schnell wie der Blitz (Flash) irgendwo auftaucht und gemeinsam etwas völlig Unerwartetes veranstaltet. Da fahren dann auch schon mal 500 Leute nackt Fahrrad oder 800 hungrige Flashmobber stürmen eine Burger-Filiale und „fressen“ sie leer. Niemandem entsteht ein wirklicher Schaden und Spaß soll das Unfugtreiben in großer Menge angeblich auch noch machen.

Die Spaßbeulen von ImproEverywhere setzten dem Ganzen aber noch eins oben drauf: Sie dachten sich einen Aprilscherz aus, der eine Beerdigung zum Ziel ihres Flashmobbens hatte. Angeblich suchte sich eine Gruppe der Spaßaktivisten eine wildfremde Beerdigung aus den Todesanzeigen New Yorks aus und besuchte spontan die Beerdigung, um der Familie den Eindruck zu verleihen, der Verstorbene habe so viele Freunde gehabt, von denen man nichts gewußt habe.

Nun sind Beerdigungen in diesem frühen Teil der Veranstaltung nicht unbedingt für Späße geeignet. Später nach dem Leichenschmaus, wenn alle was getrunken haben, soll das ja manchmal anders sein. Aber in diesem Fall war die angebliche Tat des Mobs eher mit gemischten Gefühlen zu sehen, da hört für manchen der Spaß auf.

Sogar ein Video existiert von dieser Veranstaltung.
Es zeigt auch die Vorbereitungen usw. Schnell wird klar, daß es sich um einen Fake handelt, der das eigene Tun der Flashmobber auf die Schippe nehmen soll.

Nun nahm der Fernsehsender CW 11 die Sache wohl aber einen Tick zu ernst und übersah vor allen Dingen, daß die ganze Sache ein Fake und völlig frei erfunden war: Weder lag eine Leiche im Sarg, noch waren die Witwe und die Angehörigen echt, alles nur gespielt, um ein angebliches Flashmob-Video drehen zu können.

Hier der CW 11-Bericht:

CW 11 News Falls for Fake Improv Everywhere April Fool’s Mission – video powered by Metacafe

Das war natürlich ein gefundenes Fressen für die Flashmobber und man stellte neben seinem eigenen Video auch das von CW 11 auf seine Homepage, schließlich hatten sich die Fernsehleute von CW 11 frech und ohne die Urheberrechte abzuklären ebenfalls einfach des Video von ImproEverywhere bedient und als Quelle einfach YouTube angegeben.

Die Übernahme der eigenen Sendung betrachtete der Sender aber nun als Urheberrechtsverletzung und ließ sogar das YouTube-Video löschen.

Es sieht doch aber alles mehr danach aus, als fühle sich der Sender da bei schlechten Recherchen und beim Klauen ertappt und rufe nunmehr „Haltet den Dieb!“

Noch eine interessante Geschichte rund um das Veröffentlichungsrecht:

Reamonn, Musikgruppe rund um Frontmann Rea Garvey, machte sich einen Spaß. Wie schon viele Künstler vorher probierte Rea Garvey einmal aus, was passiert, wenn man sich als Straßenmusiker irgendwo an eine Ecke stellt. Kommt da was dabei herum? Werfen die Leute Geld in den Gitarrenkasten? Oder wird man gar erkannt?
So probierte es Garvey in Heidelberg mal aus und stellte sich mit Royseven-Sänger Paul Walsh in der Heildeberger Altstadt hin um zu musizieren und zu singen. Man wollte einfach mal sehen, wer mehr einnimmt.

Garvey hatte aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht, genauergesagt ohne den Kellner eines Lokals. Der wurde nämlich von seinem Chef nach draußen geschickt, um den Straßenmusiker ein paar Häuser weiterzuschicken, damit die Gäste nicht belästigt werden. Das tat Garvey dann auch.

Nun wurde der Auftritt der beiden bekannten Sänger von einem Zeitschriften-Magazin begleitet und für die Schreiber dieses Heftes war das natürlich eine brandheiße Story. Sie veröffentlichen ein Bild besagten Kellners mit dem Schriftzug daneben: „Bitte weitergehen Herr Reamonn: ‚Sie können hier keine Musik machen‘.“

Jetzt erhielt der Kellner vom Landgericht 2.000 Euro ‚Schmerzensgeld‘ zugesprochen weil das inzwischen eingestellte Magazin seine Rechte am eigenen Bild verletzt hatte. Beide Parteien sind aber in Berufung gegangen, der Kellner weil er ursprünglich 6.000 Euro gefordert hatte und das Magazin wohl weil es gar nichts bezahlen möchte.

Bleibt zu hoffen, daß der Kellner recht bekommt, finde ich.

Nachzutragen bliebe noch, daß Paul Walsh den Sangeswettstreit mit 11,56 Euro zu 6,54 Euro gewonnen hat.

Haltet den Dieb!Haltet den Dieb!

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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