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Gleiwitz liegt am Bosporus

Gleiwitz liegt am Bosporus

Also ich weiß ja nicht, wie es Euch geht: Mich erinnert der sogenannte „gescheiterte Putschversuch“ vom 15. Juli 2016 in der Türkei jedenfalls eher an Adolfs Überfall auf den Sender Gleiwitz, oder meinetwegen auch an den Tonkin-Zwischenfall, als an einen geplanten Umsturz. Man muss sich nur mal folgendes überlegen: Die Türkei verfügte in den Tagen dieser merkwürdigen Veranstaltung über eine Armee von knapp 400.000 Mann. Keine Ahnung, ob es dort auch weibliches Personal gab, oder noch gibt. Da müsste sich gegebenenfalls Uschi von der Leyen mal drum kümmern. Aber ich schweife vom Thema ab.

Nur zum Vergleich: Die Bundesrepublik hat bei annähernd gleicher Einwohnerzahl in etwa 178.000 Drillichträger. Ich kann mir beim besten Willen einfach nicht vorstellen, dass ein wild entschlossenes Team aus der Führungsebene der türkischen Streitkräfte derart amateurhaft vorgegangen wäre, wenn es sich tatsächlich um einen ernsthaften Versuch gehandelt haben soll, Erdoğan zu stürzen, bzw. dass diese „Verschwörer“ es nicht auf die Reihe bekommen hätten, aus 400.000 Mann eine schlagkräftige Truppe zu rekrutieren, die ein solches Vorhaben auch erfolgreich hätte umsetzen können.

Aber ich gestehe: Das ist mein persönlicher Eindruck, und in Ermangelung belastbarer Fakten, lasse ich die offizielle Darstellung der türkischen, wie auch (seltsamerweise) aller anderen weltweiten Medien eben mal so stehen. Allerdings erlaube ich mir, zu bemerken, dass sich mir eine Frage stellt, wie immer bei solch merkwürdigen Unisono-Meldungen: Cui bono? Oder auf gut deutsch: Wer profitiert davon?

Was sich bei der martialischen Inszenierung der Gedenkfeiern zu Niederschlagung jenes merkwürdigen Putschversuches meines Erachtens förmlich aufdrängt, ist die frappierende Ähnlichkeit, mit der sich der von Allah geliebte Sohn der Republik, der selbstlose Retter der Demokratie am Bosporus, bei den Reichsparteitagen in Nürnberg auf dem Zeppelinfeld bedient, zumindest was das Fahnenmeer und die phantastische Illumination des Nachthimmels betrifft, kurzum: das rotzfrech abgekupferte Drehbuch, wo er doch angeblich keine Nazis mag.

Sein wutschnaubendes, hysterisch geiferndes Gebrüll über die vermeintlichen Feinde der türkischen Demokratie und seine Palette an chirurgischen Grausamkeiten, die er verspricht, ihnen angedeihen zu lassen, so ihm das türkische Volk in einem weiteren lächerlichen Referendum dazu die Freigaben erteilen sollte, sprich: die Todesstrafe wieder einzuführen, erinnert mich an das verlogene widerliche Spektakel der Berliner Sportpalastrede vom 18. Februar 1943, in der Joseph Goebbels dem deutschen Volk suggerierte, es habe irgendeine Option, irgendeine Wahl, „nein“ zu sagen.

Das alles passt haargenau auf die Aussagen des Buches „Der islamische Faschismus: Eine Analyse“ des deutsch-ägyptischen Politologen Hamed Abdel-Samad und lässt nichts Gutes ahnen. Überträgt man nämlich die Thesen dieses Buches auf die Türkei, bleibt nur die Erkenntnis, dass Recep Tayyip Erdoğan mit seinem janusköpfigen Pathos, die Demokratie in der Türkei retten zu wollen, obwohl er sie mit allen Fasern seines Körpers verachtet, nur ein Ziel verfolgt: Diese unislamische Gesellschaftsform brutal abzuschaffen und einen Gottesstaat nebst Scharia als einzig gültige Rechtsform zu errichten.

Erdoğan wird das, besser gesagt: SEIN Volksbegehren natürlich haushoch gewinnen und unter frenetischem Jubel seiner Anhänger die Todesstrafe wieder einführen. Nach der kompletten Zerschlagung aller Oppositionsparteien und der Gleichschaltung sämtlicher Medien, werden sich die von ihm ernannten Richter in Schauprozessen á la Freisler sämtlicher potentieller Gegner und denunzierter Zweifler annehmen und diesen Verrat, Umsturzversuch oder, was sich immer gut anhört: Bildung oder Unterstützung einer terroristischen Vereinigung, zur Last legen. Und darauf steht nun mal: Richtig, die Todesstrafe. Die Türkei ist ja schließlich ein Rechtsstaat, wie, ähm…genau, wie die USA. Und beim Ami regt sich auch keiner mehr sonderlich auf, wenn in Huntsville mal wieder Kanülen gelegt und Menschen ins Jenseits gefixt werden. Solche Interna sollen die freundschaftlichen transatlantischen Beziehungen ja nicht eintrüben. Ähm: Weshalb darf die Türkei nochmal die Todesstrafe eigentlich nicht wieder einführen? Wie war das mit der roten Linie? Ach ja, da ging es um die EU. Andere Baustelle. Ich schweife schon wieder vom Thema ab.

Erdoğan wird bei der nächsten Präsidentenwahl 2019, der laut aktueller türkischer Verfassung übrigens einzig möglichen Wiederwahl, einen fulminanten Sieg einfahren, als ersten gleich das mit den beiden Amtszeiten…oder noch viel besser: er wird die komplette Verfassung abschaffen und dann vermutlich das Kalifat ausrufen. Aufgrund seiner exzellenten Beziehungen zum IS und zur Hamas (oder war es zur Hisbollah?) – egal – Erdoğan kann jedenfalls aus dem Vollen schöpfen, wenn ihm etwas unklar sein sollte, was den wahren islamischen Gottesstaat betrifft.

Und wieso dieses seitenlange Blabla? Was ich damit eigentlich ausdrücken möchte, und wozu ich dachte, diese „Einleitung“ zu benötigen ist Folgendes: In der Regel wird bei allen faschistischen Regierungen – und dazu gehören die Religionsdiktaturen nun mal – irgendwann zwangsläufig die Feindkarte ausgespielt. Ich meine damit nicht nur auf Wahlplakaten für die Landeier, oder in den Dauerjubelarien des Staatsfernsehens, sondern so richtig: Mit Panzern, Gewehren, mit Granaten, mit der Luftwaffe, also mit dem ganzen Brimbamborium. Der Faschismus hat nämlich einen entscheidenden Konstruktionsfehler: Das Volk jubelt dem geliebten Führer nur dann zu, wenn er den vermeintlichen Feind nicht nur verbal bedroht, sondern ihm irgendwann auch mal auf die Fresse haut, ihm seine Weiber, sein Land und seine Kohle abnimmt und damit den eigenen Anhängern das versprochene, bessere Leben spendiert. Oder anders ausgedrückt: Faschismus führt zwangsläufig zum Krieg.

Nur gegen wen will Sultan Erdoğan eigentlich in den Krieg ziehen? Wo gibt es denn genügend Kohle abzugreifen, mit dem er dem Volk die versprochenen Wohltaten auch bieten kann. OK, er hat in Syrien ja kräftig mitgemischt und den IS tatkräftig unterstützt. Er soll sogar seinen Kumpels von der Hisbollah Giftgas geliefert haben, mit denen die dann syrische Zivilisten gekillt haben sollen, um diese Sauerei wiederum Assad in die Schuhe zu schieben. Aber das ist irgendwie alles Scheiße, nur zweite Reihe. Nichts, womit man beim Volk Punkte einheimsen kann, nix für einen erhabenen, großen Führer wie den geliebten Sultan, für seine gottgefällige Hoheit, Recep Tayyip Erdoğan.

Es muss ein eigener Feldzug her! Aber wie gesagt: gegen wen? Eine wunderschöne alte Feindschaft pflegen die Türken bekanntermaßen ja mit den Griechen, und wenn man weiß, dass vor der griechischen Küste gigantische Rohöl- und Erdgasfelder lagern, die jedoch noch unerschlossen sind, weil die Griechen sich bisher geweigert haben, die Amis den Schatz heben zu lassen, weil diese eben nur lächerlichen 10% geboten haben, statt der üblichen 40%…wenn Erdoğan hier ansetzt, vielleicht noch ein wenig die Zypern-Karte aus dem Ärmel zieht, braucht er nur noch einen letzten Grund bei den Hellenen einzumarschieren und sich das ganze schöne Gas und das Öl zu krallen. Und falls der Zypern-Joker nicht ziehen sollte, kommt eben, wie bei Faschisten so üblich, Gleiwitz 2.0 oder Tonkin 2.0.

Halt, da fällt mir gerade ein: Es müsste ja dann korrekterweise Gleiwitz 3.0 bzw. Tonkin 3.0 heißen! 2.0 waren ja seinerzeit George W. Bushs Massenvernichtungswaffen, also die von Saddam Hussein. Aber war 3.0 nicht Rudolf Scharpings Hufeisenplan, der den Schroder Gerd und den Fischer Joschka haben Jugoslawien überfallen lassen? Dann wären wir ja bei 4.0! Also ich blicke mit der Zählweise jetzt nicht mehr durch.

Egal, eigentlich. Denn welche Startnummer der türkisch-griechische Krieg auch immer haben mag, so er denn kommen sollte: Griechenland ist, wie übrigens die Türkei, seit 1952 in der NATO. Das ist schon mal uncool. Und zudem wollten ja die Amis das Öl und das Gas. Deshalb ja auch der Überfall des IWF und der EU-Troika auf Athen. Also das könnte richtig problematisch werden – für die ganze Welt, wie weiland 1939, Gleiwitz 1.0.

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Peter Grohmüller

Peter Grohmüller

Hallo, ich bin Peter Grohmüller und leide nicht an dieser Welt, aber mir fällt ihr Leiden auf.

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Wenn es eine Wunde gibt, dann muß man sie entweder heilen oder Salz hineinstreuen. Wir, das sind die Kritischen, die Hinterfragenden und die Lallbackenentlarver. – So einer bin ich.

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