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Geheimagent Maxwell Smart

Geheimagent Maxwell Smart

Frühes Werk trieb mich heute recht ungestüm zu fast noch nachtschlafender Zeit aus den Federn. Mehrere wichtige Telefonate zu einem entfernten Kontinent, auf dem eine andere Zeit gilt, als bei uns, waren die Ursache. Wer mag, kann ja mal spekulieren, welch fremdes Land und welche Zeit es gewesen sein kann. Hier war es kurz vor Vier.

Später dann habe ich den Fernseher eingeschaltet und eine uralte Episode, der noch älteren Serie „Mini Max“ gesehen. Mann, da wurden Kindheitserinnerungen wach. Brauchen moderne Agenten heute Computertechnik vom Feinsten und ultrafuturistische Laserwaffen, so ballerte Maxwell Smart mit einer ganz normalen Wumme und hatte als eines der seltsamsten Utensilien seinen berühmten Telefonschuh mit Wählscheibe.

In der heutigen Folge gab es folgenden Dialog, während Mini Max mithilfe seines Schuhs telefonierte:

Geheimagent Maxwell SmartGeheimagent Maxwell Smart

„Hier ist die Vermittlung.“

„Ich will nicht die Vermittlung, ich will den Geheimdienst.“

„Die Nummer hat sich geändert.“

„Und was machen wir jetzt?“

„Geben Sie mir ihre Rufnummer, dann ersetze ich Ihnen die 10 Cent für den Anruf.“

„Ich kann Ihnen die Nummer nicht geben ich spreche von einem Schuh aus.“

„Das macht doch nichts, geben Sie mir einfach die Nummer.“

„Das geht nicht, das ist ein Geheimschuh!“

Als Kinder hat uns das damals alles wahnsinnig beeindruckt. Heute hat ja jeder seinen „Geheimschuh“ in Form eines Handys dabei und es ist überhaupt nichts Ungewöhnliches, überall und jederzeit erreichbar zu sein.

Das scheint auch ein fundamentales Bedürfnis aller Menschen zu sein. Im Bericht des jetzt freigelassenen und vorher über Wochen von Afghanen festgehaltenen deutschen Ingenieurs kann man nachlesen, daß die Taliban, die ihn gefangen hielten, nicht genügend Grütze im Kopf hatten, um einfache Dinge regeln zu können, aus Autoreifen geschnitzte Gummilatschen an den ungewaschenen Füßen trugen, aber solarstrombetriebene Handys selbst in unwegsamen Gebirgsregionen einsetzen.

Das ist ja bei uns nicht viel anders. Man findet auch hier überall ungewaschene Leute mit Grütze im Kopf, denen das Handy wichtiger ist, als was Anständiges zum Essen im Kühlschrank.

Die Schuldnerberatungen, die sich durch einen Wust von 200.000 Privatinsolvenzen wühlen dürfen, wissen ein Lied davon zu singen, daß die Dauerschuldenmacher wahre Künstler darin sind, sich an der Zahlung von Miete, Strom und Wasser vorbeizumogeln, Hauptsache man hat ein Handy in der Tasche und ist rund um die Uhr erreichbar.

Ich persönlich bin ja auch ein regelrechter Handyfreak. Als die ersten brauchbaren Autotelefone herauskamen, deren Technik damals noch den halben Kofferraum eines Autos verstopfte, hatte ich einen Beruf, der mir ein Auto mit einem solchen Telefon bescherte. Seitdem war es fast immer so, daß ich so ein Telefon hatte. B-Netz, C-Netz und jetzt das Mini-Allerwelts-Netz.
Wenn man aber Berufe hatte, die es erforderlich machen, daß man rund um die Uhr angerufen werden kann und dann auch wirklich rund um die Uhr angerufen wird, ja dann verliert dieses Ständig-erreichbar-sein-Müssen ganz schnell an Reiz und wird eher zur Last.
Auf der einen Seite also fasziniert mich die Technik, dieser kleinen Wunderdinger und es macht mir Spaß, mich damit zu beschäftigen. Auf der anderen Seite bin ich aber auch heilfroh, daß ich mittlerweile nicht mehr ständig zur Unzeit angerufen werde.
Aber ich entführe ja auch keine deutschen Bauingenieure, um sie im afghanischen Hochland zu verstecken. Und außerdem wasche ich mich, habe was Anständiges zu Essen und zahle meine Miete.

Mit unseren Kindern arbeiten wir ständig daran, daß die zu einem vernünftigen Handyeinsatz erzogen werden. So ganz ist uns das noch nicht geglückt. Merkwürdigerweise sind die für alle ihre Freunde und Freundinnen immer und überall erreichbar, wenn wir aber mal was Dringendes haben, klappt das nie.
Auch haben wir es noch nicht geschafft, den Kindern begreifbar zu machen, daß Handys nicht auf Bäumen wachsen und man die Dinger eben nicht alle paar Wochen für nur 0 Euro geschenkt bekommt. Irgendwie hat mein 13jähriger es geschafft es in seinem kurzen Leben bisher auf fünf verschiedene Handys zu bringen. Mal hat er ein abgelegtes von Mama oder Papa bekommen, mal hat eins einfach den Geist aufgegeben, ein anderes wurde auf wundersame Weise vom Auto überfahren und wieder ein anderes erwies sich bei näherer Betrachtung tatsächlich als Fehlkauf. Im Juli bekam er dann sein absolutes Traumhandy. Damit sollte, so war unser Plan, seine Begierde nach neuster Kommunikationstechnik wenigstens für 2 Jahre wirkungsvoll gestoppt sein. Aber leider erwies sich das als Trugschluß. Zumindest rechnet er jetzt zu Weihnachten fest mit einem neuen Handy. Ob der kleine Kerl heimlich deutsche Bauingenieure verschleppt?

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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