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Gedanken zur Empathie

Gedanken zur Empathie

Wenn es ein Wort gibt, das ausgerechnet von jenen Zeitgenossen gebetsmühlenhaft in die Landschaft geblubbert wird, die nicht einmal merken, dass sie ihrem Gegenüber mit ihrem penetranten, aufgesetzten kann-ich-nachvollziehen-Gelaber auf den Sack gehen, dann ist es „Empathie“. Man muss ja heutzutage für beinahe alles und jeden Empathie aufbringen, mitfühlen, alles verstehen, will man nicht in der Ecke des Ignoranten, oder gar des Misanthropen verortet werden.

Nicht, dass ich was gegen Menschen hätte, die eine Tugend darin sehen und diese Tugend auch leben, anderen zuzuhören, sich in sie hinein zu versetzen, mitzufühlen, zu verstehen, eben Empathie zeigen. Leider gibt es in Zeiten des quasi zur Religion erhobenen Wettbewerbs und eisernen Ellenbogen davon viel zu wenige. Aber wenn Empathie in schiere Pose abgleitet, aus reinem Kalkül aufgesetzt, oder einfach nur zeitgeistlich dumm herum getragen wird, wie ein angesagtes Paar Schuhe, krieg´ ich Pickel.

„Also der Malte hat wirklich ganz wundervoll reagiert, als sich Amelie eine Auszeit genommen hat und für ein halbes Jahr nach Goa gereist ist. Er hat das voll gut verstanden, dass sie sich selbst erst mal finden muss, bevor sie bereit ist, mit ihm und den drei Kleinen Familie zu leben. Also diese Empathie, einfach bewundernswert.“

Gedanken zur EmpathieGedanken zur Empathie

So oder so ähnlich hören sich Gespräch an, denen man sich vor dem biodynamischen Gemüsestand des Karottendealers seines Vertrauens leider nicht entziehen kann. Ob man sich als Ohrenzeuge dieser blutdrucksteigernden Konversation augenblicklich ein Magengeschwür zulegt, oder zur Betäubung im nächstgelegenen Schnapsladen eine Pulle Hochprozentiges einpfeift, bleibt jedem selbst überlassen.

„Sag den beiden jetzt endlich, dass Du scharf drauf bist, sie zu vögeln, aber hör um Himmels Willen mit dem saudummen Gesülze auf. Ich kotze gleich in meinen Drink“.

Was ich damit meine? Nun, ich war ja tatsächlich auch mal ein Twen, wenngleich mir diese Zeit Äonen her zu sein scheint, und ich bin damals sehr oft in einem Club abgehangen. Dabei war es immer wieder erfrischend, den Gesprächen an der Bar lauschen zu dürfen, bisweilen auch enervierend, lauschen zu müssen. Meist gab der DJ nämlich Vollgas, und man konnte deshalb die zwangsläufig recht laut geführten Konversationen entsprechend gut verstehen. Eines Abends referierte einer meiner Geschlechtsgenossen mit schwülstigem, fadenscheinigem Tremolo und peinlich vorauseilender Entschuldigung über das unmögliche Verhalten mancher Männer bei Frauen, und dies gegenüber zwei unglaublich attraktiven Wesen, während ich, direkt daneben stehen, gerade meinen Drink in Empfang nahm.

Männer seien so furchtbar taktlos und ließen sich nur von ihren Trieben leiten, dabei verletzten sie immer wieder die zarten Seelen der Frauen, bla, bla, Rhabarber. Irgendwann ist mir der Kragen geplatzt und ich habe das Männchen machenden Hormonopfer angeblafft: „Sag den beiden jetzt endlich, dass Du scharf drauf bist, sie zu vögeln, aber hör um Himmels Willen mit dem saudummen Gesülze auf. Ich kotze gleich in meinen Drink“.

Für einen kurzen Augenblick war die ganze Szene wie tiefgefroren, der balzende Brachialcharmeur hielt tatsächlich die Schnauze, und ich war gerade dabei, das Trio zu verlassen, als mich die eine der beiden Frauen am Ärmel zog und meinte, dass dies jetzt wohl auch nicht gerade taktvoll gewesen sei. Ich erwiderte, dass der Kollege offensichtlich zu blöd zu baggern sei, und dass ich ihr an seiner Stelle sicher nicht mein Leid über andere Männer klagen würde, wollte ich sie ins Bett kriegen. Den Rest des Abends habe ich mich dann völlig relaxed mit den beiden Frauen unterhalten – der ungeschickte Galan hatte sich irgendwie in Luft aufgelöst – und, nein, ich bin danach alleine nach Hause gegangen.

Was ich damit sagen möchte? Ich halte Respekt für die höchste und wichtigste Tugend, die man sich zu eigen machen sollte. Empathie ist dann quasi eine logische Konsequenz, wenn man sein Gegenüber respektiert. Es gehört einfach zum Respekt, zuzuhören und zu überlegen, ob das, was man gerade im Begriff ist, zu tun, den Anderen verletzen und/oder benachteiligen könnte.

OK, ich gebe es unumwunden zu: mein Auftritt an der Bar und meine drastische Ausdrucksweise stehen der eben genannten Aussage diametral entgegen. Empathie geht definitiv anders. Zu meiner Entschuldigung, oder vielmehr zur Erklärung möchte ich anmerken, dass dieser Vorfall über 30 Jahre her ist, und dass ich damals wohl (noch) ziemlich ignorant war. Heute würde ich sicher meinen Drink nehmen und mir eine Ecke ausser Hörweite suchen, in der ich vor solch peinlicher Balz verschont bin.

Ihr meint nun wahrscheinlich, dass der Ausdruck „peinliche Balz“ wieder unmöglich ist, dass ich mir widerspreche. Das sehe ich anders. Empathie beutet, dass man sich in jemanden hinein versetzen kann, dessen Verhalten verstehen kann. Aber ich muss dies nicht automatisch für gut befinden, oder gar annehmen.

Im Idealfall könnte man sich sämtliche Religionen und Anstands-Büchlein jedweder Art in die Haare schmieren. Im Prinzip könnte man sich sogar all jenen verklausulierten Gehirnschmalz, den sich verklemmte Juristen in ihren staubigen Büros ausbrüten, schenken, wäre Respekt ein ungeschriebenes, global gültiges und von jedermann praktiziertes Gesetz. Aber Empathie mit Demut zu verwechseln und auch noch die andere Wange hinzuhalten, ist Dummheit, oder, wie der oben erwähnte Bänkelsänger,
stets griffbereit, quasi als wohlfeiles Ass im Ärmel mit sich herumzutragen und zielgerichtet einzusetzen, grenzt an Heuchelei, mithin das Gegenteil von Respekt.

Deshalb wäre meines Erachtens jener Malte aus dem Gespräch am Gemüsestand auch kein verständnisvoller Held, sondern ein Depp, ließe er es, aus dem Zeitgeist geschuldeten Verständnis, zu, dass Amelie, die Mutter der gemeinsamen Kinder mal eben für ein halbes Jahr auf Selbstfindung ginge, derweil er und die Kleinen mit ihren Sorgen oder auch einfach nur mit ihrem Alltag ohne Mutter und Frau zurückblieben.

Zu Empathie und Respekt gehört nämlich auch die Einsicht, dass „100% ich“ eine Illusion ist. Niemand kann „100% ich“ von seinem Leben erwarten, denn es gibt immer ein Gegenüber, dessen „ich“ ebenfalls Raum zum Leben benötigt. Und da das „ich“ immer nur eine Momentaufnahme ist, wäre ebenso es töricht, von seinen Mitmenschen das Recht auf „100% ich“ zu erwarten, wie diesen „100% ich“ zuzugestehen. Es ist die Ausgewogenheit, die man immer wieder anstreben und ausloten muss. Das mag zwar anstrengend sein und zuweilen auch nicht honoriert werden, aber im Idealfall ist Empathie, der vermeintliche Verzicht und die Annahme eines Teils des „gegenüber-ich“, sogar eine Bereicherung – das nennt man dann Freundschaft oder Liebe – und diesen Gewinn sollte man sich nicht entgehen lassen. Soviel „ich“ sollte man sich gönnen.

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Peter Grohmüller

Peter Grohmüller

Hallo, ich bin Peter Grohmüller und leide nicht an dieser Welt, aber mir fällt ihr Leiden auf.

„This world is sick and we are the doctors.“

Wenn es eine Wunde gibt, dann muß man sie entweder heilen oder Salz hineinstreuen. Wir, das sind die Kritischen, die Hinterfragenden und die Lallbackenentlarver. – So einer bin ich.

Alle namentlich gekennzeichneten Beiträge geben allein die Meinung des Autors wieder.


peter wilhelm autorenlesung
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