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Frieden auf Erden

Frieden auf Erden

Der Frieden im Biergarten meines Lieblingskaffeehauses wurde jäh unterbrochen. Auf Stöcken kamen sie angewalzt: Hedwig, Irmgard und Käthe. Nein, sie waren nicht fußkrank, obwohl sie schon so liefen. Nein, sie hatten Nordic Walking gemacht, gehörten also in die Kategorie „Fett am Spieß“ und wollten sich von den Strapazen ausruhen.

Ausruhen bedeutet ja bei Frauen, daß sie genau das Gleiche tun, wie die ganze Zeit zuvor, nämlich plappern, was das Zeug hält, nur eben daß man dabei sitzt. Vorne am ersten Tisch wollte Irmgard nicht sitzen, wegen der Sonne. Hedwig konnte nicht in meiner Nähe sitzen: „Ih, der raucht ja!“ und Käthe war es egal: „Mir ist es egal, wo wir uns hinsetzen, Hauptsache es ist der runde, kleine Tisch da vorne rechts.“

„Klaus, machscht ämol, ä Latte“, bestellte sich Irmgard einen Milchkaffee, der nur deshalb drei Euro kostet und keine Einsfuffzig, weil er im Glas serviert wird. Käthe wollte lieber was Kaltes: „Bring mir mal ne große Flasche Sprudelwasser, aber ohne Kohlensäure, gell?“
Hedwig wollte auch einen Milchkaffee, nahm aber die 50 Cent preiswertere Variante, die da Café au lait heisst, was Hedwig aber offenbar für die spanische Variante hielt und das ‚au lait‘ eher wie ‚Olé‘ aussprach und dabei graziös ihr fettes Händchen in die Luft streckte und schnippend ein Paar Kastagnetten nachahmte: Olé!

Eine Weile noch schnattern die drei Watschelenten, dann schneidet Hedwig eines jener Themen an, bei dem sogar Frauen ihre Stimmen senken und es wurde wieder etwas ruhiger.

Frieden auf ErdenFrieden auf Erden

Ein Mann mit Zopf nähert sich, gezogen von einem kalbsgroßen, o-beinigen Hund, irgendeine Mischung aus Sabberschleuder und vorstehenden Zähnen. Der Hund war auch ziemlich häßlich. Der Zopfmann hat keine Chance, sein Vieh zu halten, als dieses am Rand den kleinen Teich mit Springbrunnen entdeckt. Der Hund will saufen und zieht den Zopf einfach hinter sich her und schlabbert minutenlang aus dem Teich. Dann erst gelingt es dem Mann den Hund zu einem der Tische zu ziehen und nimmt dort Platz. Ob man denn auch einen Napf mit Wasser für den Hund habe, will er wissen und Klaus, der Wirt, erfüllt auch diesen Wunsch.
Doch als der Napf mit Wasser vor ihm steht, will das Tier nicht saufen. „Lecker Wasser, Boschka! Schönes kaltes Wasser, Boschka!“
Das Tier hebt nur müde die Lider, wenn sein Name fällt, aber es säuft nicht. Es liegt faul neben dem Tisch, leidet unter der Hitze und will nur seine Ruhe.

Hedwig, eine von den Fettspieß-Tanten, beginnt unruhig auf dem Stuhl hin und her zu rutschen. Immer wieder geht ihr Blick zum Hund hinüber. Schließlich ergreift sie das Wort: „Sie, können Sie den Hund bitte kurz nehmen, ich hab nämlich Angst vor Hunden, ich bin als Kind mal gebissen worden.“

Der Zopf weiß gar nicht, was die Alte von ihm will; sein Hund liegt wie ein gebratener Rollmops in der prallen Sonne. Vorsichtshalber zieht er die Leine etwas straff und klemmt sie unter eines der Stuhlbeine. Hedwig tauscht dennoch mit Käthe den Platz, die verkündet, man habe früher ja selbst immer Hunde gehabt und sie habe ja überhaupt keine Angst.

Der Hundebesitzer bekommt sein Radler, da nähert sich von halblinks ein ebensolcher. Auf einem Rennrad radelt der herbei, steigt schwungvoll ab und klappert herbei. Der Radler hat nämlich ganz komische Schuhe an, in denen man nicht richtig laufen kann. An seinem Rad hat er keine richtigen Pedale und irgendwie ist da unten was an seinen Schuhen, was klappert und scheppert, irgendwas ganz Modernes. In der Hand hat er eine Plastikflasche mit irgendeinem isotonischen Gesöff, setzt sich hin und trinkt davon.
Klaus der Wirt nähert sich mit der Getränkekarte, doch der Radler winkt ab und deutet auf seine isotonische Flasche. Klaus sagt irgendwas zu ihm, doch der Radler schüttelt den Kopf. Ich höre nur, wie Klaus dann etwas lauter zu ihm sagt: „Ich geb Dir gleich isotonisch!“ Daraufhin erhebt sich der Radler widerwillig, klappert zu seinem Rad, macht noch ein bißchen ein beleidigtes Gesicht und radelt davon.

Hedwigs Tochter kommt zufällig vorbei. Man erkennt sie daran, daß sie genauso aussieht wie Hedwig und mehrmals „Hallo Mutti“ ruft. Auf dem Arm hat sie einen kleinen hechelnden Spitz, also ebenfalls einen Hund.
Boschka, der Hund vom Zopfmann, springt auf, reißt den Stuhl seines Herrchens um und springt in Richtung von Hedwigs Tochter. Der Zopfmann kippt hintenüber und landet unsanft im Springbrunnenteich. Da Hedwigs Tochter jenseits des Tisches steht, nimmt Boschka die Abkürzung direkt über diesen. Da für Hund und die Getränke zu wenig Platz auf dem Tisch ist, weichen diese dem stürmischen Tier, indem sie polternd und klirrend auf dem Boden landen.
Hedwig, Hedwigs Tochter, Irmgard und Käthe schreien, der Zopfmann ruft den Namen seines Hundes, die Hunde kläffen. Hedwigs Tochter hat ihren Hund hoch über ihren Kopf gehoben, Boschka hüpft aufgeregt um sie herum.

Der Zopf ist pitschnass, als es ihm endlich gelingt, sein Kalb zu bändigen. Die Frauen schnattern aufgeregt und schimpfen lauthals über die Bestie. Klaus und eine Bedienung fegen Scherben zusammen und ich nippe an meinem Glas.

Biergärten haben sowas Gemütliches.

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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