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Freisprecheinrichtung – und jeder hört mit

Freisprecheinrichtung – und jeder hört mit

Ich weiß, daß die Tussi aus der Nachbarstraße ihren Mann betrügt. Ich weiß, daß Herr P. den Strom abgestellt bekam. Und ich weiß, daß Lieses Freundin Gretel am Hintern blutet.
Ja, ich weiß auch, daß Herr B. von der A.-Versicherung eigentlich noch zu Familie F. müßte, aber keinen Bock mehr hat und ins Freibad geht.
Alles das und viel mehr weiß ich nicht, weil ich ein Spion der NSA wäre, sondern weil die Leute mir das alles in die Ohren posaunen.
Sie stehen mit ihrem Auto in unserer Straße und benutzen viel zu laut eingestellte Freisprecheinrichtungen zum Telefonieren.

Doch der Reihe nach:

Im Auto mit dem Handy zu telefonieren, ist verboten.
Zumindest wenn man keine Freisprechanlage benutzt.

Aber auch die Verwendung einer Freisprechanlage kann ihre Tücken haben.

Denn, was viele nicht bedenken: Ihre Freisprechanlage ist so laut eingestellt, daß jeder auch außerhalb des Autos mithören kann.

Ich wohne in einer Sackgasse. Am Ende der Straße befindet sich ein Schaltgebäude der Telekom.
Dort ist es ein ständiges Kommen und Gehen. Mal kommen Telekom-Techniker, mal Subunternehmer, mal Elektriker und andere Handwerker.
Überdies wird unsere Straße auch gerne von Geschäftsleuten zum Kurzzeitparken benutzt.

Freisprecheinrichtung - und jeder hört mitFreisprecheinrichtung - und jeder hört mit

Und wenn die Leute dann von ihren Besorgungen zurück sind, wollen sie oft vom Auto aus telefonisch den nächsten Termin klarmachen.
Manche geben aber auch die Ergebnisse der vorherigen Besprechung durch.
Ja und wieder andere telefonieren mit Mausi oder Schatzl und freuen sich lautstark auf das nächste Stelldichein.

Lise, Du wirst es nicht glauben, ich habe wieder einen eingewachsenen Zehennagel und meine Hämorrhoiden haben heute Morgen geblutet!

Was die Leute da am Telefon erzählen, das kann man hören. Die Freisprecheinrichtung ist eben sehr laut und die Leute schreien auch immer, weil sie meinen, das würde die Gesprächsqualität verbessern.

Deshalb weiß ich also, daß Herr P. seine Stromrechnung nicht bezahlt hat. Frau R. aus einer anderen Straße hat ein Verhältnis mit einem Audifahrer. Und wer gerade Störungen bei seinem Internet- oder Telefonanschluß hat, das weiß ich auch meist.
Ich kenne auch zahlreiche Rezepte, die per Mobiltelefon durchgegeben werden, und ich habe auch schon etliche Arzt-Diagnosen gehört, die jemand am Telefon brühwarm jemand anders erzählen musste.
Dabei interessiert mich das alles gar nicht und ich möchte es auch gar nicht hören müssen. Aber weghören kann man nunmal nicht.

Ich persönlich habe für mich daraus Konsequenzen gezogen. Ich telefoniere nur noch während der Fahrt mit der Freisprecheinrichtung, wenn die Wagengeräusche das Gespräch sicher übertönen. Ansonsten stecke ich mir lieber den Ohrhörer ins Ohr.

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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peter wilhelm autorenlesung

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2 Kommentare auf "Freisprecheinrichtung – und jeder hört mit"

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Lochkartenstanzer
Gast

Manchmal wünscht man sich die alten gelben Telefonzellen zurück. Je nach Gesprächslautstärke konnte man da zwar ggf. auch mithören, aber meist nur dann, wenn man sich absichtlich danebengestellt hat.

Vielleicht sollte man ja die Telefonzellen wieder einführen und das Telefonieren mit Mobiltelefonen nur in solchen Zellen erlauben. 🙂

Georg
Gast

Da lobe ich mir unseren Stadtteil,dank hohem Anteil von Bewohnern mit Migrationshintergrund wird man zwar mehr oder weniger laut angebrüllt aber man versteht nur Wortfetzen wie z.B. Kindergeldkasse,Bremsscheibenspray oder Sonderangebot.alles andere bleibt einem verschlossen.

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