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Frau Dings hat Krebs

Frau Dings hat Krebs

Neulich hörte ich auf der Treppe, Frau Dings von oben habe Krebs. Sie sei ja schon eine Woche im Krankenhaus und es ging ihr gar nicht so gut. Ach was? Die ist weg? Ist mir gar nicht aufgefallen.

Naja, die ist ja auch schon alt. Wie alt ist die eigentlich? Hm, vermutlich so Mitte Sechzig. Ist das alt? Ich bin ja auch schon fast Fuffzig. Eigentlich ist sie ja noch gar nicht so alt, wenn ich es richtig bedenke.


Heute treffe ich sie zufällig, als ich das Haus verlassen will. Sie kommt gerade vom Krankenhaus. Was sagt man da? Auf die Schnelle fällt mir gar nichts anderes ein als: „Ach, da freue ich mich aber, dass ich sie sehe.“
Warum sage ich das? Ich kann die Dings eigentlich gar nicht leiden. Im Grunde haben die mir noch nie was getan und eigentlich leben die auch sehr unauffällig. Warum mag ich die dann nicht? Ach ja, das sind ja Rentner und gegen die habe ich so meine Vorbehalte. Aber das muss ich Frau Dings ja nicht ausgerechnet heute sagen.

Frau Dings hat KrebsFrau Dings hat Krebs

Sie sagt: „Ja, wurde auch Zeit, dass ich jetzt mal wieder nach Hause komme. Nächste Woche geht das los mit der Chemotherapie.“

Jetzt hat sie die Sprache selbst auf ihre Krankheit gebracht. Meine Mutter hatte auch Krebs, deshalb sage ich: „Ja, meine Mutter hatte ja auch diese Krankheit.“
Warum sage ich ‚diese Krankheit‘? Weshalb sage ich nicht, wie es wirklich war? Warum sage ich nicht: „Meine Mutter ist auch an Krebs gestorben.“

Nee, das kann man doch nicht sagen. Ich kann ja unmöglich zu Frau Dings sagen, was mir wirklich durch den Kopf geht: „Ist schon Scheiße, Krebs zu haben und bald sterben zu müssen. Machen Sie sich noch ein paar schöne Tage!“

Was soll ich aber stattdessen sagen?

Warum nimmt man den Namen dieser ekelhaften Krankheit nicht in den Mund. Krebs! Krebs! Krebs! Das schreibt sich doch so leicht. Aber sagen konnte ich es nicht.

„Lassen Sie es sich gut gehen“, sage ich und stammele dann noch etwas hilflos: „Wenn wir irgendetwas für Sie tun können, lassen Sie es uns wissen.“

Ach herrjeh, sagt man sowas nicht nur, wenn jemand gestorben ist und man mit dem Witwer oder der Witwe spricht? Noch lebt sie ja. Aber ist das nicht irgendwie das selbe, wenn man Krebs hat und tot zu sein? Keine Ahnung. Ich glaub‘ ich habe da zu lange was verdrängt.

Ich mach‘ alles falsch!

Mehr aus Verlegenheit kümmere ich mich noch schnell um den Inhalt meines Briefkastens und sage so einen sinnlosen Rentnersatz: „Wieder mal nur Reklame, na dann sind wenigstens keine Rechnungen dabei.“ Zwinge mir ein gequältes Lächeln ab und will schnell entschwinden.
Aber ich kann die Frau doch nicht einfach so stehenlassen. Sie wartet noch auf ihren Mann, der ihre Krankenhaustasche aus dem Kofferraum holt.
Den kann ich noch weniger leiden, als sie. Aber dieses Mal bin ich froh, als er endlich kommt.

Irgendwie bin ich erleichtert, als sie endlich im Haus verschwinden.

Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!


peter wilhelm autorenlesung

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