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Dosenwand

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Ich komme gerade vom Einkaufen zurück, will die Haustüre aufschieben, doch das geht nicht. Schon nach wenigen Zentimetern blockiert die Tür. Liegt von innen eine Leiche vor der Tür? Ist es gar die Leiche unserer Frau Rückdäschl, jener selbsternannten und daueraufmerksamen Nachbarin vom Parterre?

Nein, die kann es nicht sein, denn die scheint quicklebendig, man hört aus dem Treppenhaus ihre Stimme: „Einhundertsiebenundachtzig, Einhundertachtundachtzig…“

„Hallo, Frau Rückdäschl! Die Tür geht nicht auf.“

„Ei, Sie misse dursch de Keller nei kumme, do geht jetzt nämlich gar nichts.“

Also wuchte ich meine zwei Einkaufstaschen hoch, laufe um das Haus herum und nehme den Weg durch den Kellereingang. Als ich die Kellertreppe hochkomme, sehe ich, daß die Rückdäschl mit einem Notizblock zwischen Hunderten von Konservendosen, Einmachgläsern und Nudeltüten herumhüpft. „Zweihunderteinunddreißig, Zweihundertzweiunddreißig….“

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„Ich weiß ja nicht, was Sie da machen, Frau Ruckdäschl, und bevor Sie darüber nachdenken, den Versuch zu unternehmen, es zu erklären, möchte ich nur die Frage stellen: Hätten Sie das nicht in Ihrer Wohnung machen können?“

„Ei, schwätzet sie net so hochgestoche‘, helfet Sie mir lieber!“

„Und wobei soll ich Ihnen bitteschön helfen? So wie es aussieht, haben Sie ihre gesamten Vorräte ins Treppenhaus geschafft.“

„Ach wo denken Sie hin. Des ist doch nur doch nur ein kleiner Teil meiner Vorräte. Das Meiste steht in meiner Wohnung schon in allen Zimmern verteilt.“

Dazu muß man wissen, daß sämtliche Rentner in unserem Haus, allen voran Frau Ruckdäschl, in der Befürchtung leben, ‚der Russe‘ komme ganz bestimmt, irgendwann, vielleicht schon bald, auf jeden Fall aber unverhofft und der fresse dann den Deutschen alles weg, scheiße in die Ecken und vergewaltige alle Frauen, Männer, Hunde und Hühner.
Aus eben diesem Grund hält sich die Ruckdäschl keine Hühner, sagt immer „Und passe Sie gut de‘ Hund auf!“, wenn ich mit unserem Labrador Gassi gehe und läuft stets mit zusammengekniffenen Pobacken, damit ihr kein Vergewaltiger aus dem Kaukasus eventuell noch unbemerkt hinterrücks etwas antun kann. Aber aus eben jenem Grund hortet sie alle möglichen Lebensmittel in konservierter Form, damit sie die ersten drei Wochen der russischen Invasion unverhungerter Weise überstehen kann.
Das weiß ich schon lange, ich beobachte sie ja immer, wenn sie im Keller in dreitägigen Abständen ihre Einmachgläser und Konservendosen mit einem feuchten Tuch abwischt. („Damit sich da kein Ungeziefer festsetzt!“)

Daß sie den ganzen Plunder, zu einem gewissen Teil aus Lebensmittelmarken bestehend, die es heute schon gar nicht mehr gibt, ins Treppenhaus schleppt und dort zu pyramidalen Gebilden auftürmt, das hat Premiere!

„Warum, um alles in der Welt, bauen Sie ihre Vorräte hier auf?“

„Ah, wegen dem neue‘ Gesetz! Sie kenne sich aber wohl gar net aus gell?“

„Was denn für’n neues Gesetz?“

„Na wenn der Schäuble vorbeikommt.“

„Sie meinen unser allseits geliebter Bundesinnenminister Schäuble kommt hier bei uns vorbei? Meinen Sie, der hat soviel Hunger, daß Sie ihm das ganze Zeig hier anbieten müssen?“

„Dummes Zeug, Unfug! Das sind meine Vorräte und jetzt gibt es doch das neue Gesetzt wegen der Vorräte. Das ist die Vorratsdatenspeicherung! Da speichert der Schäuble Daten über meine Vorräte, damit die wissen, wieviel ich so hab und ob ich vielleicht noch was abgeben kann. Die im Osten haben ja nichts.“

Es beruhigt mich sehr, jemanden wie Frau Ruckdäschl im Haus zu haben, jemanden, der mit täglich aufs Neue die Welt erklärt. Was würde ich bloß ohne Frau Ruckdäschl machen.

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peter wilhelm autorenlesung
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