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Die Schokoladenseite der Stones

Die Schokoladenseite der Stones

Ich mag ja lieber die Beatles. Aber Anke meint, die würden nicht mehr auf­treten.
Ich finde das schade und Anke meint, das läge hauptsächlich daran, dass ein paar von denen schon mausetot seien. Das find ich noch mehr schade.
(Kann man schade eigentlich steigern? Schade, schader, am schadesten?)

Sie findet ja die Stones besser. Die Rolling Stones. Da muss ich ehrlich sa­gen, die kenn ich jetzt nicht so genau. Wenn man die Beatles mag, so wie ich, dann kommen die Stones einfach nicht im Weltbild vor. Da hat man schon mal was von gehört, aber man würde sich keine Platte von denen kaufen. Ich zumindest nicht.

Anke sagt, dass die jetzt auftreten und sie könnte Konzertkarten besorgen. Ich sage: „Die treten noch auf? Die sind doch schon uralt!“


„Du bist auch uralt!“, meint die Aller­liebste[1].

Die Schokoladenseite der StonesDie Schokoladenseite der Stones

„Das kann ja gar nicht sein. Als ich ein kleiner Junge war, waren die schon er­wachsen.“

„Musik hält eben jung.“

„Was soll das denn heißen?“

„Gar nichts!“, sagt die Allerliebste und fügt nach einer Kunstpause hinzu: „Viel­leicht hättest du doch das Gitarrenspielen nicht aufgeben sollen.“

Wie meint sie das?

Ich war mit Anke sogar mal auf einem Konzert von Peter Maffay. Außer „Über sieben Brücken musst du gehen“ kannte ich gar nichts von dem. Außerdem fand ich die Version von Karat immer besser. Aber dann war das Konzert doch ganz schön und ich fand Maffay ziemlich gut. Schade, dass der so klein ist. Zu Hause am Fernseher hätte man den bestimmt besser gesehen.

Deshalb sage ich: „Wenn die da vorne auf der Bühne stehen, sieht man doch kaum was von denen.“

„Dann müssen wir eben Karten für Plätze ganz vorne besorgen.“

Wir? Ich ahne schon, was kommt.

Manchmal denke ich, die Frau ist fern­gesteuert. Ich denke irgendwas und meine Allerliebste macht das dann. Leider stelle ich das immer nur hinterher fest. Das be­deutet, ich kann mich anstrengen und denken was ich will, sie macht es nicht. Aber manchmal passiert genau das, was ich eben gedacht habe. So auch jetzt:

„Eigentlich könntest du dich um die Karten kümmern!“

Sehen sie! Ich ahnte es, ich befürch­tete es und es trat ein. Warum kann man so eine Gabe nicht aktiv nutzen?

Ich hab schon über zwanzig Mal bei der Kartenverkaufsstelle angerufen, da geht keiner ran oder es ist besetzt. Nach dem zwanzigsten Mal kommt endlich ein Freizeichen. Dann eine Bandansage, man sei wegen des Stones-Konzertes über­lastet und Karten gäbe es ab morgen früh acht Uhr.

Anke meint: „Nein, da kannst du nicht um zehn gemütlich hinfahren, da musst du dich ab heute Abend anstellen!“

„Wie? Anstellen?“

„Anstellen eben! Und warten bis das Kassenhäuschen aufmacht, damit du ei­ner der Ersten bist.“

Nee, also wirklich! Ich bin fest entschlossen, mich zu weigern.

Also stehe ich wenig später mit einem Klappstuhl aus Schwiegervaters Garten in der Schlange. Etwa 120 Leute sind vor mit und ebenso viele hinter mir. Meine Güte, die sind alle schon so alt!

„Hey, Opa! Haste mal ‚ne Kippe?“, fragt mich der Typ hinter mir. Opa! Frech­heit! Gut, mein Haar ist mit den Jahren etwas licht geworden, aber sonst bin ich doch noch ganz gut in Schuß. Ich gebe dem Typ eine Zigarette ab und schenke ihm einen meiner verächtlichen Blicke.

Glücklicherweise ist es nicht kalt, sonst würde ich mich in dem einsetzenden Nie­selregen bestimmt erkälten. Die anderen sind Profis, die haben Schirme und Re­gencapes dabei, ich nur den Klappstuhl. Als der Regen stärker wird, halte ich mir den Klappstuhl wie ein Dach über den Kopf. Jetzt muß ich zwar stehen, werde aber nicht naß. Ich stelle mir vor, wie die Allerliebste zu Hause im warmen Bett liegt. Aber es ist eben die Aufgabe des Mannes, die Höhle bei Sturm und Wetter zu verlassen, um Beute zu machen, wäh­rend die Frauen das Feuer hüten. Ich finde es nur ungerecht, daß das Feuerhüten heutzutage aus einer Drehbewegung am Heizungsthermostat besteht.

Wie lange muß ich noch im Regen stehen. Der Typ hinter mir meint, es wären noch sechs Stunden. Im Schein einer Straßenlaterne schaue ich auf die Arm­banduhr, zwei Uhr morgens.

Es muß bald acht Uhr sein, denn plötzlich kommt Bewegung in die Gruppe vor mir. Eilig werden die Sachen zusam­mengepackt und alle blicken nach vorne. Zum Glück regnet es seit einer Stunde nicht mehr. Mir steht trotzdem das Wasser in den Schuhen.

Langsam schiebt sich die Schlange in Richtung des Kartenhäuschens. Jetzt kann ich es schon sehen. Ein junger Bur­sche verteilt Zettel mit den Preisen. Ich studiere die Liste. Meine Güte! Es geht bei 78 Euro los, und das für einen Stehplatz hinten in der Mitte. Ich will aber einen Sitzplatz ganz vorne. Ich habe Peter Maf­fay schon nicht richtig sehen können. Ist Mick Jagger eigentlich größer? Der Sän­ger von den Scorpions ist auch so klein. Eigentlich müßte man die Veranstalter zwingen, daß so kleine Künstler entweder auf Stelzen gehen oder daß das Publi­kum wenigstens Operngläser bekommt.

Bald darauf bin ich an der Reihe. Ich habe mich für zwei Sitzplätze vorne rechts an der Seite entschieden. Der Mann im Kassenhäuschen sagt: „125 Euro“

Ich lege ihm das Geld hin und finde es ziemlich teuer. Er glotzt mich an und fragt: „Doch nur eine Karte?“ Ich weiß was er meint, lege noch mal 125 Euro hin und finde es noch teurer.

Die Allerliebste ist zufrieden. Na im­merhin etwas! Sie ist ja nicht besonders anspruchsvoll, nur wenn’s drauf ankommt.
Aber wahrscheinlich liegt es in der Natur der Dinge, daß ich als Mann nie weiß, wann es für sie als Frau auf irgendetwas ankommt. Aber dieses Mal habe ich es wohl richtig gemacht. Sie sagt: „Vorne rechts ist gut, dann ist die Bühne auch rechts von uns. Ich kriege immer einen steifen Hals, wenn ich lange nach links gucken muß.“

Sie müssen gar nicht weiter darüber nachdenken, liebe Leserinnen und Leser. Sie haben Recht! Wenn man vorne ganz rechts sitzt, dann ist die Bühne eher links von einem und keinesfalls rechts, so wie es die Allerliebste annimmt. Aber mit rechts und links hat sie es nicht so. Und um jahrelangem Sexentzug zu entgehen, lasse ich sie in dem Glauben, sie dürfe nach rechts schauen. Ihr kommt es ja offensichtlich darauf an.

Und sehen sie! Ich hätte nie geahnt, daß es auf so was ankommt. Ich kriege immer einen steifen Hals, wenn ich den Kopf lange in eine Richtung drehen muß, egal ob links oder rechts.
Ich ahne aber, daß es ihr insgeheim auf etwas anderes an­kommt. Rechts ist ihre Schokoladenseite! Ich persönlich finde ja, daß sie von rechts genauso schön ist, wie von links.
Aber Frauen denken da anders. Ich finde Anke ja immer schön. Dennoch höre ich ab und zu: „Wie ich heute wieder aussehe!“ Und immer kommt dieser Spruch im Doppel­pack: „Wie ich heute wieder aussehe!“

Ich sage dann: „So wie immer!“ und meine das auch so. Sie sagt dann: „Aber guck mal hier!“ und deutet auf irgendeinen Teil ihres Körpers oder ihres Gesichtes, der –meiner Meinung nach- schon immer da war und auch schon immer so aussah. Ich muß das nicht verstehen. Vielleicht kommt das alles ja vom vielen Feuerhüten.

Die Sitzplätze in der Sportarena sind schön. Jeder hat eigene Armlehnen. Lu­xus! Das Gerangel an den Eingängen hielt sich in Grenzen und jetzt sitzen wir, zwei Stunden vor Beginn des Konzertes der Rolling Stones auf unseren Plätzen. Anke, die Allerliebste, hatte gesagt: „Da müssen wir früh hingehen, dann ist das Gerangel am Eingang nicht so groß.“ Manchmal hat sie Recht.

Aus den Lautsprechern dröhnt Musik, die Bühne ist mit schwarzem Stoff ver­hangen. Das Rund füllt sich. Ich habe ge­nug Zeit, mir die Leute anzuschauen. Alles alte Leute, über die ich eine eigene Ge­schichte schreiben könnte; aber vielleicht kommt das ja noch.

Es ist genau 20 Uhr, als eine Fanfare ertönt und der schwarze Stoff nach oben geht. Ich sage zu Allerliebsten: „Na, dann sollen sie mal anfangen die Rolling Sto­nes!“

„Wo denkst du hin?“, fragt mich die Al­lerliebste, „Da kommen jetzt erst noch die Vorgruppen!“

Und so geschieht es auch. Drei junge, ganz junge Mädchen mit unglaublich dün­nen Beinen und ebensolchen Stimmen hüpfen über die Bühne und singen auf Englisch ein Kinderlied. An­geblich die kommenden Weltstars mit ei­nem Superhit. Ah ja.

Das geht nicht besonders lang, denn außer dem einen Hit haben die Weltstars nix zu bieten. Das hätte ein richtiger Welt­star, wie Frank Sinatra noch erleben müs­sen! Danach kommt die Gruppe ‚Explo­sion’ und spielt ein Medley ihrer größten Hits. Ich kenne weder die Gruppe, noch die Hits und frage mich, wann die Stones endlich kommen. Meine Konzerterfahrun­gen sind rudimentär, zumindest was Rock und Pop anbetrifft.

In klassischen Kon­zerten war ich hingegen schon ganz oft. Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn vor jedem Beethoven-Konzert erst die Orff­sche Klanggruppe des örtlichen Kinder­gartens auftreten würde. Nun ja, das was ‚Explosion’ da vorne macht, ist auch nicht anders, nur lauter.

Es kommen noch zwei Gruppen, die ich auch nicht kenne Dafür spielen die aber Lieder, die mir ebenfalls unbekannt sind. So geht das anderthalb Stunden. Dann ist erst mal Pause. Die Musik aus den Lautsprechern wird immer einpeitschender und es kün­digt sich an, daß es bald losgehen wird.

Schon 45 Minuten später, es ist Viertel nach Zehn, geht es los.
Im Stadion wird es ganz dunkel, ein Knall, ein Blitz und vorne zerreißt der schwarze Stoff. Die Schein­werfer gehen an und da sind sie, die Rol­ling Stones!

Also, ich muß sagen, die sind echt Klasse!
Bei machen Liedern denke ich, daß ich zwar das Lied kenne, aber gar nicht wußte, daß das von denen ist. Wirklich nicht schlecht. Man kann sogar was sehen. Mick Jagger ist eindeutig grö­ßer als Peter Maffay! Es kann natürlich auch sein, daß man meine Idee mit den Stelzen umgesetzt hat, zumindest läuft Mick Jagger so auf der Bühne herum.

Neunzig Minuten spielen die Stones. Keine Zugabe! Toll! Die Allerliebste meint: „Das haben die nicht nötig! Hauptsache, wir haben die mal live gesehen!“

Ich kenne meine Frau nun immerhin schon über dreißig Jahre und weiß, daß sie enttäuscht ist.
Wir haben 250 Euro für die Karten ausgegeben und ewig lang das Vorprogramm über uns ergehen lassen. Und dann haben die Stones nur andert­halb Stunden gespielt. Aber sie würde das nie zugeben. Schon deshalb nicht, weil ich eine ganze Nacht mit nassen Schuhen und Schwiegervaters Klappstuhl über dem Kopf in der Schlange gestanden habe.

Ich liebe diese Frau! Und zwar ihre Schokoladenseite und die andere Seite. Wie heißt eigentlich das Gegenteil von Schokoladenseite?

[1] Nach unserer Heirat wurde aus Anke die Allerliebste. Dieser Kosename ist vor allem deshalb entstanden, weil meine Frau, besonders in Situationen, in denen sie die gesamte Macht ihrer Weiblichkeit ausspielt, so herzallerliebst gucken kann. Ihr Mund lächelt dann so süß, die Nasenspitze zittert leicht und eigentlich sagt ihr ganzes Gesicht: „Ich liebe dich!“. Doch schaut man ihr in die Augen, erkennt man, daß da noch eine Botschaft mitschwingt: „Du Mann, du!“ oder synonym: „Du Depp!“. Sie ist wirklich allerliebst.

Außerdem ist die wiederkehrende Verwendung einer so gearteten Bezeichnung eine kleine Reminiszenz an Ephraim Kishon und seine „beste Ehefrau von allen“. Ich neige mein Haupt in Ehrfurcht vor dem großen Meister.

© 2007

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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peter wilhelm autorenlesung
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  1. Georg
    Georg 4 November, 2016, 10:32

    Also Herr Wilhelm,in ihrem Alter da lauscht man hingebungsvoll die Jelena aus Krasnojarsk oder diese Bohlen-Dohle Andrea Berg aber doch keine Stones:

    http://www.br.de/puls/musik/aktuell/studie-musikgeschmack-aendert-sich-im-alter-100.html

    Antwort auf diesen Kommentar

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