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Die CRISPR-Schere

Die CRISPR-Schere

Dem großen chinesischen Vorsitzenden Mao Zedong alias Mao Tse-tung wird der kluge Aphorismus zugeschrieben, demzufolge jeder, der nicht ständig lerne, täglich dümmer werde. Kann man im Prinzip so stehen lassen. Aus heutiger Sicht hätte er diesen Gedanken vielleicht etwas präzisieren können, angesichts des exponentiellen Zuwachses an Wissen.

Nun gut, damals waren andere Zeiten, und Mao ging es eher darum, einige hundert Millionen Mäuler stopfen zu können, als sich philosophischen Ergüssen über die Befindlichkeiten der Gattung Homo Sapiens des 21. Jahrhunderts zuzuwenden. Gleichwohl ist es heutzutage unmöglich, angesichts der ständigen Abfolge von Weltuntergängen, von den Mayas am 12. Mai 2012 bis zu den Zeugen Jehovas, die alle Nase lang das Ende der Welt vorhersagen, herauszufiltern, was an Information relevant und was davon völliger Blödsinn ist, wie beispielsweise der soeben genannte Plural von Weltuntergang.

Aktuell gesellt sich beispielsweise zu den üblichen Plagen, mit denen uns die Medien jedweder Couleur tagtäglich auf Ramschniveau zumüllen, wie radikal islamische Salafisten oder lebensgefährliche Dieselmotoren, eine niederträchtige Heimsuchung aus dem Reich der Chemie, das gemeine Hühnerei betreffend, bzw. Millionen davon, die mit Fipronil kontaminiert sind, dem Additiv eines Schädlingsbekämpfungsmittels, das darin eigentlich nicht sein sollte. Das Thema wird wie eine tibetische Gebetsmühle nun medial bis hysterisch gedreht, bis zur nächsten Sau, die durch Dorf getrieben wird.

Man muss die Medienschaffenden allerdings insoweit in Schutz nehmen, als dass sie einen elenden Zeitgeist namens Schnellebigkeit bedienen müssen. Es stimmt zwar, dass sie diesen Zeitgeist erschaffen, oder, je nach Ansicht, selbst aus der Flasche befreit haben; gleichwohl sind sie nun dessen Gefangenen im Hamsterrad, und es ist nun mal ihr Job, tagesfrische sinnfreie Hiobsbotschaften abzusondern, selbst wenn sie damit seriösen Journalismus auf eine Stufe mit einer Jahrmarktsbude stellen, oder wenn sie einen solchen Müll raushauen, wie eine reisserische Story über ein Milbenpulver, über das sie alles mögliche erzählen können, weil es ohnehin keine Sau kennt, geschweige denn sich darüber weiterführend informiert.

Wir mussten uns vor Jahren mit einem weitaus übleren Stoff in unserem Frühstücksei befassen: Dioxin. Na, noch auf dem Schirm? Eher nicht, oder? Zur Erinnerung: Dioxin ist mit das Giftigste, womit uns die moderne Chemie die Frühstückseier veredeln kann. Dagegen ist Fipronil vermutlich ein fluffiges Dessert in Richtung Mousse au Merde.

Um jetzt endlich zu Thema zu kommen: Ich habe heute im Radio einen Bericht gehört, der mich hoffnungsvoll in die Zukunft schauen lässt. Biochemiker haben ein Werkzeug namens CRISPR-Schere entwickelt, mit der man defekte Gene nonchalant aus dem Erbgut schneiden und danach durch intakte ersetzen kann. Der Hammer, oder? So ist es beispielweise möglich, dass Paare mit einer angeborenen Erbkrankheit wie z. B. Mukoviszidose, nicht mehr auf ihren Kinderwunsch verzichten müssen, da man eben diesen Gendefekt bei der In-Vitro-Fertilisation mittels der CRISPR-Schere korrigieren kann. Ich denke, das wäre eine Nachricht, bei der Mao Zedong sagen würde, man solle mit ihr sein Wissen anreichern, um nicht dümmer zu werden – im Gegensatz zu dem nervigen Geschwätz über Fipronil.

Man stelle sich nur vor: Meinen Eltern hätte dieses Werkzeug bei meiner Zeugung schon zur Verfügung gestanden, und es wäre zum Einsatz gekommen. Meine Beiträge würden sich auf das Wesentliche beschränken und nicht ständig in breitgetretenen Vorworten ausufern. Phantastischer Gedanke. Oder Edmund Georg Stoiber und seine Gattin Elisabeth Stoiber (geb. Zimmermann) hätten bei der Konzeption ihres Filius Edmund Rüdiger Rudi Stoiber dafür gesorgt, dass sich dieser in seinem späteren Beruf als Politiker und zwangsläufig auch als Redner, nicht ständig in seinen berühmt-berüchtigten „Ähs“ verhaspelt hätte. Es wäre für ihn und all diejenigen, die seinen Reden zwangsläufig zuhören mussten und noch immer müssen, sicher ein Segen.

Allerdings hätte uns die genetische Korrektur des weißblonden Fallbeils wiederum um ein Juwel von geradezu rhetorischer Genialität gebracht: Den unvergleichlichen 10-Minuten-Hochgeschwindigkeits-Trip von Münchner Hauptbahnhof zum Franz-Josef-Strauß-Airport im Erdinger Moos via Transrapid. Wer diese epochale Rede noch nicht kennt, sollte seine Wissenslücke unverzüglich schließen. Ich denke, ich übertreibe nicht mit der Einschätzung, dass man dieses rhetorische Jahrhundertwerk dereinst ins Weltkulturerbe aufnehmen wird. Vergleichbar mit dem Spruch vom ollen Luther: Hier stehe ich und kann nicht anders, Amen.

Und wenn ich mir dann noch ausdenke, welche Monster superreiche Eltern sich bei den sündhaft teuren privaten High-End-Kliniken in den USA, in England und China mi der CRISPR-Schere würden designen lassen:, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl und schnell wie die Windhunde…pardon, mein Fehler, das sind natürlich die Modelle fürs Kanonenfutter. Sie würden zwar auch optimiert, dann aber entweder von Frauen aus dem Pöbel ausgetragen, oder gleich in künstlichen Plazenten gezüchtet.

Vielleicht auch die Monster aus der Führungsschicht. Diese werden im Gegensatz zu den kämpfenden Klonen jedoch hyperintelligent sein, frei von Skrupel und ökonomisch sinnloser Empathie, will meinen: Für höchste CEO-Posten und Regierungsämter geschult auf den besten Privat-Universitäten…

Ich vermute, Mao Zedong würde die CRISPR-Schere doch als ziemliche Scheiße betrachten und verkünden, dass man sich einen solchen Müll nicht merken muss.

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Peter Grohmüller

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Hallo, ich bin Peter Grohmüller und leide nicht an dieser Welt, aber mir fällt ihr Leiden auf.

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Wenn es eine Wunde gibt, dann muß man sie entweder heilen oder Salz hineinstreuen. Wir, das sind die Kritischen, die Hinterfragenden und die Lallbackenentlarver. – So einer bin ich.

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peter wilhelm autorenlesung
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