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Die Brille mit dem goldenen Punkt

Die Brille mit dem goldenen Punkt

Die Allerliebste braucht eine neue Brille. Ihre alte ist eigentlich gar nicht alt, erst anderthalb Jahre, aber sie taugt nichts mehr, meint meine Frau, man könne nichts mehr damit sehen.

Die Brille mit dem goldenen Punkt

Der freundliche Optiker an der Ecke hat ein Schild vom örtlichen Gewerbeverein im Fenster hängen: „Leute kauft im Ort!“ und deshalb gehen wir dahin. Bei irgendeinem Fielmann, Apollo oder Family-Optiker wollen wir nicht kaufen, der örtliche Handel hat’s nötiger. Und ob wir in ein paar Jahren noch auf die „grüne Wiese“ fahren können, um uns mit dem Notwendigsten zu versorgen, wissen wir auch nicht; also darf man den örtlichen Handel nicht sterben lassen.

Herr Brummer, so heißt der Optiker, ist sowas von schwul, daß uns eine nicht unangenehme Wärme aus seinem Brillenladen entgegenschlägt, als wir eintreten.


„Was Hübsches fürs Näschen?“ flötet Herr Brummer und schwups hat die Allerliebste ein Brillengestell aus Plastik auf der Nase. Es ist vorwiegend rot, mit etwas Gelb und Blau, auch Grün ist dabei. Sie sieht aus wie Dame Edna oder eben wie Herr Brummer, der hat nämlich das gleiche Gestell auf. Nur sind in seinem Gläser drin, während das Mustergestell, das meine Frau verunziert, nur Fensterglas drin ist.

Die Brille mit dem goldenen PunktDie Brille mit dem goldenen Punkt

Der schwule Brummer umhüpft mein Weib und ist ja sowas von begeistert, daß er fast unter sich macht: „Hühübsch! Toholl! Sssennßatzjonälll!“
Ich finde es schlicht und ergreifend Scheiße und mache hinter Brummers Rücken abwehrende Handbewegungen, die die Allerliebste aber nicht sieht. Sie schaut mit kurzsichtigen Augen durch Fensterglas und hält das Rudern meiner Arme und mein stumm in den Raum artikuliertes NEIN für den Ausdruck wahrer Begeisterung.

„Meinen Sie wirklich, daß mir sowas steht?“ fragt sie den Brummer und dann an mich gewandt: „Schatz, schau mal, wie sehe ich aus?“

Da mein Armerudern zwecklos war, rede ich Klartext und sage: „Scheiße!“

Herr Brummer fährt, wie von der Tarantel gestochen, herum, drückt seine eigene Brille etwas fester auf die Nase und ich sage vorsichtshalber noch:

„Für eine Frau zumindest…“

Das versöhnt den Optiker ein bißchen und er rupft das bunte Teil der Allerliebsten von der Nase und zeigt ihr ein paar andere Gestelle. Unterdessen werfe ich einen Blick auf die Preise. Mir stockt der Atem, das Billigste was ich sehe kostet 700 Euro.
Offenbar bemerkt Brummer meine zunehmend ablehnende Haltung und sagt: „Das ist Paloma Picasso“.

„Aha, und deshalb ist das so teuer?“

„Tja“, macht der Optiker und dreht dabei die Händchen wie eine indische Tempeltänzerin. „Natürlich haben wir auch günstige Angebote, schauen sie mal hier drüben!“

Inzwischen erklärt Anke ihm, daß sie eine Gleitsichtbrille möchte und der Brummer rechnet uns vor, daß die Gläser auf jeweils 250 Euro kommen, mit Diamantentspiegelung 300 und leichter Tönung (weil das ein schönes Auge macht) 400.

Weil das ein schönes Auge macht? Nur eins? Und was ist mit dem anderen?
Ist eigentlich schon jemandem aufgefallen, daß je nutzloser Irgendetwas ist, die Tendenz zunimmt, davon im Singular zu sprechen? „Ach was ein hübscher Schuh!“

Zurück zu den Brillen:
Im Kopf rechne ich schnell zusammen, daß wir mindestens 1.800 Euro loswerden, wenn wir bei Herrn Brummer eine Brille kaufen, deshalb sage ich zu Herrn Brummer das, was alle Kunden sagen, die nichts kaufen wollen: „Wir überlegen das noch in Ruhe und kommen dann wieder.“

Ich drücke der Allerliebsten zuerst ihre Brille wieder auf die Nase, dann die ganze Frau zur Tür hinaus. Sie will maulen, aber ich mache: „Pscht!“

„Und was sollte das jetzt wieder sein?“ fragt sie mich draußen und ich entgegne:
„Wir fahren jetzt mal zu dem Laden, der immer Reklame macht. Da soll es komplette Gleitsichtbrillen für 99 Euro geben.“

Direkt nach dem Betreten des Billigoptikerladens spricht uns eine junge Frau an und fragt nach unserem Begehr. Die Allerliebste sagt: „Ich bräuchte eine neue Brille.“

Die Optikerin: „Für die Dame oder für den Herrn?“

Sagte die Allerliebste nicht noch vor wenigen Sekunden. „Ich bräuchte eine neue Brille?“

Sicherheitshalber sage ich, auf meine Frau deutend: „Für sie!“

Vermutlich ist das der Grund, daß uns die Optik-Maus direkt zu den Herren-Brillengestellen führt.

„Nein, nein, eine Brille für mich“, beteuert meine Angetraute und endlich begreift es auch die Optikerin und führt uns in dem riesigen, mit Hunderten von Brillengestellen angefüllten Laden zu einem kleinen, schmalen Regal.

„Nur die mit dem goldenen Punkt“, sagt sie und macht eine weit ausholende Handbewegung, als ob dort Tausende von Gestellen mit goldenen Punkten hingen. Es hängen in der Tat etwa 50 Gestelle in dem Regal, allerdings hat nur ein Drittel davon einen goldenen Punkt.

Die Optikmaus sieht, daß wir ob dieses überreichlichen Angebotes etwas skeptisch schauen und meint dann noch: „Am besten sie kommen nächste Woche wieder, da haben wir ein paar mehr“, bevor sie uns alleine läßt, damit wir uns „in Ruhe umschauen“ können.

Na, das nenne ich mal geschäftstüchtig!

Etwas widerwillig probiert die Allerliebste einige der Gestelle aus, die meisten sehen aber absolut Scheiße aus. Doch plötzlich hat sie dann doch eins auf, daß ihr gut steht und mit dem sie mir auch gut gefällt.

Wir überlegen ein paar Minuten, dann entscheidet sie sich endgültig für dieses Gestell. Ich schaue mich nach der jungen Frau von soeben um, doch sie ist nicht mehr da. Stattdessen eilt jetzt ein netter Mann herbei, der flötet: „Und? Sie haben das Passende gefunden? Na prima!“

Anke gibt ihm das Brillengestell und er entdeckt den goldenen Punkt. Sein eben noch lächelndes Gesicht nimmt unverzüglich einen angewiderten Ausdruck an.
„Na, dann schauen wir mal. An was hatten sie denn bei den Gläsern gedacht?“

Anke sagt: „Das Sonderangebot für 99 Euro.“

Der Optiker weicht zurück, so als ob meine Frau gesagt hätte, daß sie die Beulenpest oder Geschlechtsteilfußpilz hätte.

„Zu flach!“ tönt er und fügt dann hinzu: „Für Gleitsichtgläser ist dieses Gestell zu flach, es muß größer sein!“

„Dann zeigen Sie uns doch bitte einmal größere Gestelle“, fordere ich ihn auf.

„Die haben wir hier drüben, bitte sehr!“

Ich erkenne auf den ersten Blick, daß die Gestelle, die er uns jetzt zeigt, alle mindestens 299 Euro kosten und frage ihn:

„Haben Sie denn keine günstigeren. Ich meine, das Ganze soll doch nur 99 Euro kosten.“

„Für 99 Euro bekommen Sie aber nur ein Gestell mit einem goldenen Punkt und die sind zu klein für Gleitsichtgläser.“

„Moment Mal, wie kommt man denn dann an eine Brille für 99 Euro, wenn Sie nur Gestelle da haben, die alle zu klein sind?“

„Die Gläser, die bei dem Angebot dabei sind, wären ja sowieso nicht entspiegelt und wenn Ihre Frau die Brille länger tragen will, also ein paar Stunden am Tag, dann ist das ja sowieso nichts.“

„Wozu bräuchte man eine Gleitsichtbrille, wenn nicht dafür, sie mehrere Stunden zu tragen?“

Er geht gar nicht auf meinen Einwand ein und ergänzt stattdessen: „Und eine Vergütung haben die günstigen Gläser auch nicht!“

Ich beharre auf meiner Frage: „Was kann man denn dann mit einer solchen Brille für 99 Euro machen, vorausgesetzt Sie hätten ein Gestell dazu.“

Er zuckt nur mit den Achseln und ich frage weiter:

„Was würde denn dann eine Brille kosten, für die Sie ein Gestell da hätten in die Sie brauchbare Gläser einbauen.“

„Mindestens 899 Euro“, gesteht er etwas kleinlauter ein.

„Das heißt, Sie machen Tag und Nacht Werbung im Fernsehen, im Radio, in Zeitschriften und wenn man so eine Brille haben möchte, gibt es keine?“

„Doch doch, Sie können ja so eine Brille haben!“ wehrt er sich.

„Die Gestelle sind doch aber zu klein!“

„Ja, ich müßte dann beim Einpassen der Gläser quasi den Leseteil unten abschneiden.“

„Finden Sie das sinnvoll?“

Er zuckt wieder mit den Achseln und man sieht ihm an, daß er an einen dieser nörgelnden Kunden geraten ist, der genau weiß, was er will und sich nicht auf den Arm nehmen läßt.

„Nächste Woche kriegen wir noch andere Gestelle.“

„Und in die passen dann Gleitsichtgläser rein? Und die sind dann günstig und kosten mit Gläsern 99 Euro?“

„Nur wenn ein goldener Punkt drauf ist!“

Wir haben da keine Brille gekauft, wir sind auch nicht zu Herrn Brummer gegangen, sondern wollen in den nächsten Tagen mal zu dem großen Optiker gehen, bei dem die Kinder in der Werbung immer fragen, warum Opa früher immer so scheiße ausgesehen hat.

Ach so: Vielleicht sollte ich noch erzählen, daß diese Geschichte nur der Ordnung halber unter „satirische Geschichten“ eingereiht wurde. Sie hat sich aber gestern tatsächlich so zugetragen und zwar bei Apollo-Optik.

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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peter wilhelm autorenlesung

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1 Kommentar auf "Die Brille mit dem goldenen Punkt"

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alpha
Gast

bestätigt mich mal wieder bei meiner optikerwahl …

finde die meisten „kleinen“ optikerläden extrem hochnäsig und will da gar nicht mehr rein …

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