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Der Playboy

Der Playboy

Rouven, mein 12jähriger, will einen Playboy haben, oder sowas. Er will den haben, weil Tim oder Lukas den auch hat. Das ist irgendein kleines Teil aus Plastik, etwas größer als ein Handy, auf dem man ganz doll spielen kann. Wie das Ding genau heißt, will ich gar nicht wissen und werde es auch nie erfahren, weil ich meine Ohren nämlich sofort auf Durchzug schalte, wenn er wieder davon anfängt.

Dabei kann er defintiv ohne das Ding nicht mehr weiterleben, unmöglich. Man könne nur auf dem Game-Playboy-Ding so toll „Last death of Eminem“ spielen oder so ähnlich und wer heute kein solches Playgame-Teil habe, der sei in der Schule bei den ganzen Klassenkameraden abgemeldet und gehöre zur Kaste der Parias, der Unberührbaren. Von der sofortigen Anschaffung eines solchen Dings durch uns und das kostenfreie Zurverfügungstellen an ihn, hänge sein gesamtes weiteres Lebensglück ab, meint mein Sohn.


Normalerweise könnte man ja zu Weihnachten über den Ankauf eines möglicherweise gebrauchten Boygame-Dödels nachdenken, dem steht aber entgegen, daß das Gerät erst neu auf dem Markt ist, es also noch keine gebrauchten gibt und der Neupreis irgendwo jenseits von 150 Euro liegt. Und das ist ein Preis, den wir gar nicht einsehen. Für damals 300 Mark habe ich mir mein erstes Auto gekauft!

Der PlayboyDer Playboy

Rouven meint, das läge einzig und allein daran, daß die Anschaffung dieses Autos damals mit der Geburt des letzten deutschen Kaisers zusammengefallen sei. Er will partout nicht einsehen, daß mein Geburtsjahr weit nach dem zweiten Weltkrieg liegt und ordnet meine Erzählungen von früher irgendwo kurz nach der Steinzeit ein.

Jedenfalls braucht er jetzt einen Spielboy und wird nahezu verrückt, weil wir uns standhaft weigern, das Ding anzuschaffen. Es ist nämlich nicht allein der Kaufpreis, der uns schreckt, sondern die Tatsache, daß dieser Junge mit gar nichts spielt. Nicht mit Brettspielen, nicht mit Bausteinen, nicht mit seiner elektrischen Rennbahn und auch mit nichts sonst. Es ist auch nicht so, daß er keine elektronischen Glücklichmacher besitzt. Das Kind hat eine Playstation (die kann man ja nicht mitnehmen!), einen Computer (der ist doch doof!) und einen Gameboy von Nintendo (den finde ich nicht mehr!).

Würde er auch nur den geringsten Ansatz eines Interesses für eines dieser Spielzeuge zeigen, so wäre wir ja überglücklich und würden sein Tun und Streben in jeder Weise unterstützen. Aber er interessiert sich einfach nicht, für nichts. Seine Lieblingsbeschäftigung ist, sich zu langweilen und beleidigt zu sein, dass keiner was mit ihm macht.

Ich sage es jetzt mal ganz deutlich: Wenn der Junge zeigen würde, daß er sich für spätmittelalterlichen Pantomimentanz aus Papua-Neuguinea interessieren würde, ich würde mit ihm in die Tanzstunden gehen und ihm das passende rosafarbene Tanzröckchen kaufen. Egal, was die Stunden kosten würden, er dürfte das machen.

Aber er interessiert sich für nichts und so steht zu befürchten, daß schon kurz nach der Anschaffung des jetzt gerade lebenswichtigen Playgamedings, wahrscheinlich 6 Stunden danach, das Ding ebenso unberücksichtigt in der Ecke liegt, wie alles andere.

Da sein Nintendo-Gameboy schon so lange unbeachtet herumlag, hatte ich mir den mal geholt und probiert, ob ich noch Tetris kann, hat ganz gut geklappt. Danach ist der Gameboy in meiner Schreibtischschublade verschwunden, falls ich irgendwann noch mal Tetris spielen will.

Davon hatte Anke, meine Allerliebste, aber nichts mitbekommen. Deshalb zuckte ich zuerst auch zusammen, als sie unseren Sohn anherrschte: „Finde du erst mal deinen Gameboy wieder, den du seit Wochen suchst! Solange du den nicht gefunden hast und uns zeigst, daß du mit dem Ding auch spielst, brauchst du gar keinen Gedanken mehr an irgendein neues elektronische Spielzeug verschwenden!“

Schon am nächsten Tag räumte der Junge sein Kinderzimmer auf. Aber dieses Mal tiptop. Sogar staubgesaugt hatte er. Ja, was soll ich sagen, er suchte seit diesem Tag seinen Gameboy und räumte jeden Tag auf, in der Hoffnung, daß der doch noch auftauchen möge.

Nun, ich bin ja kein Unmensch! Deshalb habe ich mir fest vorgenommen, dem Jungen sein Nintendo-Playgamedings zu kaufen. Vorausgesetzt er findet den Gameboy; den habe ich derweil in der Schreibtischschublade ganz weit nach hinten geschoben und eine Broschüre darübergelegt.

Wer weiß, vielleicht will ich eines Tages ja mal wieder Tetris spielen, eines fernen Tages.

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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