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Der fröhliche Bosnier

Der fröhliche Bosnier

Beigebraun ist es geworden, eigentlich ganz nett. Früher war die Gaststätte „Sporthalle“ weiß gestrichen und der große Gastraum strahlte eher den Un-Charme einer Bahnhofswartehalle aus. Jetzt gibt es einen neuen Wirt, einen neuen beigebraunen Anstrich und alles ist sehr gemütlich eingerichtet. Stoiko heißt der Wirt, kommt aus Bosnien und kann nicht erklären, warum er seine Gaststätte ausgerechnet „Cantina Braziliana“ genannt hat.

Nett ist er, der Stoiko, und serviert gleich als wir reinkommen einen Slibowitz. Auch die kleine Vorspeise die „aufs Haus geht“ gefällt uns und die Allerliebste und ich fühlen uns auf Anhieb wohl. Außer uns sitzt nur noch ein anderes Paar, ganz am anderen Ende des Lokals, es ist noch sehr früh. Die haben aber schon bezahlt und gehen kurz darauf.

Der fröhliche Bosnier

Stoiko ist wirklich sehr freundlich und erzählt freimütig, daß er und seine Brüder zwei Wochen lang rund um die Uhr renoviert haben, um den Muff der Jahrzehnte aus dem Laden herauszubekommen. Er ist schon seit 25 Jahren in Deutschland, spricht mindestens so gut Deutsch wie ich und vermutlich um einiges besser Serbokroatisch oder was man sonst so in Bosnien spricht.

Einen Aschenbecher stellt er uns hin, ist überhaupt sehr bemüht und das ändert sich auch nicht, als sich das Lokal langsam mit weiteren Gästen füllt.

Eine Familie hat offenbar kurzfristig beschlossen, einen Geburtstag bei Stoiko zu feiern und beansprucht eine Weile seine volle Aufmerksamkeit, weil es für die zwölf Personen selbstverständlich ist, daß Stoiko und seine Frau vier liebevoll dekorierte Tische abdecken, zu einer Tafel zusammenschieben und neu eindecken.

„Da müssen Sie aber noch was machen“, zetert eine etwa 60jährige Frau: „Der Tisch der wackelt aber!“

„Kein Problem“, sagt Stoiko und fügt hinzu: „Ich drehe sofort unten eines der Füßchen heraus, dann wackelt da nichts mehr.“

Das Geburtstagskind, ein unglaublich fetter Mittsechziger, wendet sich duzend an Stoiko, schnauft kurz auf und sagt: „Da brauchst Du nichts zu schrauben und zu drehen, da legt man Bierdeckel drunter.“

Stoiko vertraut lieber auf die modernen Drehfüßchen seiner niegelnagelneuen Tische und dreht geschickt daran herum und nichts wackelt mehr. Kaum ist er mal kurz von der Bildfläche verschwunden, macht der Dicke eine abwertende Handbewegung und zerbröselt unter allgemeinem Beifall der übrigen Geburtstagsgäste einen Bierdeckel in vier Teile und krabbelt keuchend unter den Tisch, um die Bierdeckelschnipsel unter eines der Tischbeine zu stopfen.
Zwar wackelt der Tisch dann wieder, aber das stört keinen, denn hat nicht soeben deutsche Ingenieurskunst über die schlampige Improvisation der Balkanvölker triumphiert?

Ein unglaubliches Palaver füllt den Raum, es ist kaum zu glauben, was so ein Dutzend Eingeborener für ein Theater machen kann. Tante Minna will nicht neben Kurt sitzen, zumindest nicht rechts neben ihm, weil der nur noch links was hört. Luise will nicht mit dem Rücken zur Tür sitzen und Georg findet, daß es an mindestens 12 von den 12 zur Verfügung stehenden Sitzplätzen zieht. Trudel muß vor Kopf sitzen, damit sie ihr steifes Bein ausstrecken kann und ungefähr die Hälfte der anderen kann auf keinen Fall irgendwo sitzen, wo ein Tischbein im Weg ist. Derer gibt es aber, bei vier zusammengeschobenen Tischen gleich 16 Stück an der Zahl, weshalb nun auch jeder die Tischdecke lupfen muß, um seine Beine irgendwie zwischen die Tischbeine einzufädeln. Mindestens 27 Mal hört man den ach so neuen und originellen Spruch: „Eine böse Schwiegermutter habe ich ja schon.“ Alles lacht wiehernd.

Anke und ich betrachten das Getümmel mit stoischer Gelassenheit. Restaurantbesuche haben für uns seit Jahren ausschließlich den Charakter von Comedy-Veranstaltungen und wenn man das alles unter dem Aspekt sieht, daß die Eingeborenen dort quasi improvisiertes Bauerntheater vorführen, kann man sogar darüber lachen.

Ein junges Pärchen mit Kleinkind kommt herein und zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich. Ob es denn keinen Kinderstuhl gäbe, will der junge Vater wissen, der sich das Kind mit einem Wickeltuch vor den Bauch gezurrt hat. „Selbstverständlich, nehmen Sie Platz, ich hole sofort einen Kinderstuhl“, beeilt sich Stoiko zu sagen und schafft einen ebenfalls neuen Kinderstuhl mit verstellbarem Innenleben herbei. Während der junge Vater sein Kind in den Stuhl schnallt, kriecht die junge Mutter auf dem Boden herum, um unter den Stuhl zu schauen.

Der fröhliche BosnierDer fröhliche Bosnier

„Ist Ihnen etwas heruntergefallen?“ will Stoiko wissen und bekommt zur Antwort: „Nein, ich suche das GS-Zeichen, wegen der Sicherheit, so Stühle müssen doch vom TÜV geprüft sein, sonst darf man die doch in der Gastronomie nicht verwenden, das ist ja sonst viel zu unsicher, wir legen da großen Wert darauf.“

Stoiko schaut etwas hilflos, vermutlich weiß er gar nicht, was ein GS-Zeichen ist und sagt nur: „Der Stuhl ist von der Brauerei.“
Zwar sagt das jetzt über die Standfestigkeit und die sonstigen Sicherheitsaspekte dieses Kinderstühlchens überhaupt nichts aus, aber die junge Mutter ist zufrieden, Hauptsache man konnte sein wichtigtuerisches Gehabe an den Mann bringen. Etwas beifallheischend schaut sie in unsere Richtung und sagt mit gesenkter Stimme zu uns: „Man muß ja so aufpassen, gell?“

Ich grunze nur.

Anke ißt ein Knoblauchsteak und ich habe mir einen „fröhlichen Bosnier“ bestellt. Das ist ein Knoblauchsteak mit Schafskäse überbacken und einem lustigen Fähnchen oben drauf. Auch der Geburtstagstisch hat inzwischen seine Vorspeisen bekommen und endlich kehrt dort kauende Ruhe ein.

Jens-Olaf, so heißt der junge Vater, läuft etwas kopflos mit einem Glas Babynahrung herum und sucht einen Ansprechpartner für seinen Wunsch, das Gläschen aufwärmen zu lassen. Daß er Jens-Olaf heißt wissen wir, weil Jutta, so heißt die junge Mutter, und Jens-Olaf die Angewohnheit haben, jeden Satz mit dem Namen des jeweils anderen zu beginnen und zu beenden.
Das hört sich ungefähr so an:

„Jens-Olaf, schaust du mal, ob die hier das Gläschen warmmachen können? Ja, Jens-Olaf?“

„Sicher Jutta, das mache ich doch gerne, Jutta.“

„Jens-Olaf, du bist so lieb, Jens-Olaf.“

Ich könnte kotzen!
Wenig später bringt Stoikos Frau das aufgewärmte Gläschen und Jutta möchte gerne den Fitness-Salat, aber bitte ohne Oliven, ohne Zwiebeln und ohne Karotten. Ach ja, Bohnen und Krautsalat verträgt sie auch nicht und gegen Tomaten ist sie allergisch.
„Jens-Olaf, du weisst dass wir vegetarisch leben wollen, ja, Jens-Olaf?“
Enttäuscht blättert dieser die Seite mit den Fleischgerichten um und bestellt sich ein Omelett mit Pfifferlingen.
Daraufhin entbrennt zwischen den beiden ein Streit darüber, ob Pilze nun Pflanzen oder Tiere sind und ob man als Vegetarier Pilze essen darf.

Gern hätte ich da noch zugehört, aber neben uns, einen Tisch weiter, nimmt ein Rentnerehepaar Platz. Er ist etwa Anfang Siebzig, sie vielleicht Ende Sechzig. Noch bevor Stoiko die beiden begrüßen kann, poltert ihn der Alte an: „Ein Pils und einen Grauburgunder!“

„Ich will aber keinen Grauburgunder“, wehrt sich seine Frau.

„Du trinkst doch immer Grauburgunder.“

„Aber heute will ich mal was ganz anderes.“

„Ja was denn?“

„Apfelsaft!“

„Also bringen Sie uns ein Pils und einen Apfelsaft“, gibt der Rentner mit einem gönnerhaften Unterton die Bestellung an Stoiko weiter. Na, schließlich gönnt er seiner Frau heute mal etwas Besonderes, einen Apfelsaft!

Am Geburtstagstisch ist erneut Unruhe ausgebrochen, eine Frau namens Gretel lässt es sich nicht nehmen, die mittlerweile leergegessenen Vorspeisenteller nach Hausfrauenart zu stapeln und wirft dabei einen Großteil des Bestecks auf den Boden. Ich habe es nie verstanden, warum Frauen diesen Trieb nicht unterdrücken können. Mir ist überhaupt kein Restaurant oder Hotel auf dieser Welt bekannt, in dem das Personal nicht in der Lage wäre, einen Tisch auch dann abzuräumen, wenn nicht eine der anwesenden Frauen vorher die Teller zu einem Türmchen gestapelt hat. Im Gegenteil, durch das typisch deutsche Stapeln werden die Teller nun auch unten verschmiert, was dem, der hinten in der Küche die Reste entsorgt, zusätzlich schmutzige Hände beschert. Aber Gretel lässt sich nicht bremsen und kann nur mit Mühe und Not davon abgehalten werden, den Tellerstapel, der ohnehin verdächtig wackelt, auch noch in die Küche zu tragen.

Das junge Elternpaar ist inzwischen an ein logistisches Problem geraten. Zwar haben sie ein buntes Plastikgeschirr für ihren Kleinen mitgebracht und den auch aufwendig und lautstark gefüttert, jedoch wissen sie jetzt nicht, wohin mit dem verschmierten Plastikzeug. Jens-Olaf weigert sich verständlicherweise das Zeug so in seinen Rucksack zu stecken und Jutta lehnt eine von Stoiko offerierte Plastiktüte entrüstet ab, wegen der Weichmacher! Stoiko nimmt das Plastikzeug mit in die Küche, um es dort spülen zu lassen.

Das Rentner-Ehepaar neben uns hat sich Rumpsteak bestellt. Sie gehören aber offenbar zu den 81 Millionen Deutschen, denen das Vorhandensein des Buchstaben P im Wort Rumpsteak entgangen ist und sie bestellten sich „zwei Rum-Schdeks“. Vermutlich glauben auch sie, daß so ein Steak in Rum gebraten wird.
Sie findet ihr Rumpsteak lecker, meint aber, das sei ja alles viel zu viel. Die von Stoiko offerierte Seniorenportion hatte sie mit großer Entrüstung abgelehnt, man wolle doch auch schließlich etwas haben für sein Geld.
Er hingegen ist offenbar mit der Qualität des Fleisches nicht zufrieden und spuckt jeden Bissen, nachdem er ihn durchgekaut hat, auf den Teller zurück. Das heißt, wenn ich bei der Wahrheit bleiben will, muss ich es so schildern: Er schneidet sich ein Stückchen Steak ab und stopft es sich in den Mund. Dann kaut er mit vollen Backen, so als ob er mindestens das ganze Steak im Mund hätte, wischt sich währenddessen zwei- bis dreimal mit der Serviette den Mund ab und führt dann die leere Gabel zum Mund. Alsdann sabbert er den durchgekauten Fleischbrei auf die Gabel und häuft das oral vorverdaute Zeug neben den Fritten auf seinem Teller auf.

Das allein finde ich schon ekelerregend, aber es wird mir schlagartig schlecht, als seine Frau zu ihm sagt: „Willst du das nicht?“
Vor meinem geistigen Auge sehe ich sie schon mit ihrer Gabel in seinem hochgewürgten Gewölle herumstochern, doch dann biegt die Gabel glücklicherweise auf seinem Teller in Richtung Nordost ab und piekst ein kleines Stückchen Petersilie auf.
Puuuuh!

Auch Anke und ich sind mit dem Essen fertig. Wir stapeln unsere Teller nicht und ich habe auch nichts hochgewürgt. Wir haben kein Kind dabei, das jetzt das ganze Lokal vollschreit und mit hochrotem Kopf zu kotzen anfängt und wir streiten uns auch nicht wie die Kesselflicker, weil es jetzt von der anderen Tür her zieht und Georg nicht mit Franz den Platz tauschen will.

Und trotzdem werden wir zum Ziel allgemeinen Unmutes und ziehen anderthalb Dutzend feindselige Blicke auf uns, als ich es mir erlaube, mir eine Zigarette anzustecken.

Jutta wirft mir einen vernichtenden Blick zu und beginnt sofort mit der Getränkekarte zu wedeln. Jens-Olaf rutscht nervös auf seinem Stuhl hin und her und tut so, als ob er hüsteln müsse.
Wiegesagt, die Gaststätte ist groß wie eine Bahnhofshalle, die Tische stehen weit auseinander, über uns saugt eine Klimaanlage und aus der Tatsache, daß auf allen Tischen Aschenbecher stehen, schließe ich, daß man da rauchen darf. Und für mich gibt es nach dem Essen nichts Schöneres, als einen Mocca mit einem Cognac zu nehmen und dazu in Ruhe und Frieden eine Zigarette zu rauchen.

Der Rentner neben uns mault hörbar: „Sowas aber auch! Eine Unverschämtheit!“, sagt es aber zu seiner Frau und traut sich nicht, sich direkt an uns zu wenden. Am anderen Tisch, wo man eben noch den Geburtstagsgästen Bilder vom letztjährigen Geburtstag zeigte, beschließt man, ein Fenster zu öffnen. Natürlich zieht es jetzt noch mehr und die alten Damen dort müssen sich wie auf ein Kommando alle ihre mitgebrachten Strickjäckchen anziehen. Alle, aber auch wirklich alle schauen jetzt in unsere Richtung, denn auch die Allerliebste steckt sich eine an.

Das ist für Jutta jetzt zuviel, sie erhebt sich, steuert auf unseren Tisch zu und kräht mich an: „Muss das jetzt sein? Sehen Sie nicht, daß wir nicht rauchen?“

Ich bleibe bei der für den Umgang mit hiesigen Eingeborenen am besten geeigneten Kommunikationsform und grunze nur etwas Unverständliches. Jutta reicht das, Hauptsache sie hat wieder was gesagt.
Der dicke Alte neben uns spuckt sein letztes Stück Rumpsteak auf den Teller, glotzt in meine Richtung, während seine Frau nervös an ihrer Serviette nestelt und zu ihm sagt: „Hugo, mach was!“

Hugo nimmt seinen ganzen Mut zusammen, steht auf, kommt die vier Meter zu unserem Tisch herübergewatschelt und will etwas sagen. Doch ich komme ihm zuvor, stehe ebenfalls auf, überrage ihn um mindestens einen halben Meter und sage von hier oben: „Is‘ was?“
Da beschließt er, besser nichts zu sagen und geht wieder zu seinem Tisch. Boah, der hat’s mir aber gegeben!

Am Geburtstagstisch hat man die Köpfe zusammengesteckt und ich glaube, man schmiedet schon Pläne, wie man uns am besten lynchen könnte, da kommt Stoiko mit einem kleinen, ovalen, braunen Tablett. „Darf ich kurz Platz nehmen?“, fragt er, ich nicke und er setzt sich. Auf dem Tablett stehen drei Gläser mit Slibowitz und es liegen zwei dicke Zigarren daneben. „Ich will mit Ihnen anstoßen und wir zwei rauchen jetzt schöne Zigarren zusammen, meine Tochter ist schwanger und ich werde Opa, das müssen wir doch feiern!“

Ich rauche ja sonst keine Zigarren, aber die hat mir besonders gut geschmeckt!

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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