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Das leidige Thema: Oma im Strassenverkehr

Das leidige Thema: Oma im Strassenverkehr

Das muss ich noch schnell erzählen:

Gestern fahre ich durch ein Wohngebiet, Tempo 30. Rechts und links sind große Parkplätze für die Anwohner.
Von einem dieser Parkplätze rollt plötzlich ein Ford Fiesta von rechts heran. Ich bin schon sehr nah dran und denke, na der muß ja warten. Das macht der Ford aber nicht. So mit Tempo 10-20 rollt er einfach auf die Straße, nimmt mir die Vorfahrt und ich steige gleichzeitig auf Bremse und Hupe. Erstaunlich, wie unser dicker Bus noch schiebt, selbst bei Tempo 30.
Vielleicht bin ich auch 35 gefahren oder 28, so genau kann ich das nicht sagen, weil die Tachonadel in diesem Geschwindigkeitsbreich immer so zittert.
Jedenfalls konnte ich den Zusammenstoß noch so eben verhindern. Manchmal juckt es mir in solchen Situationen in den Fingern, es einfach ein bißchen krachen zu lassen. Eine neue Stoßstange wäre gar nicht schlecht…. Aber man macht es ja dann doch nicht und es bleiben einem ja sowieso nur Bruchteile von Sekunden und es steckt tief in einem, Unfälle zu vermeiden. (Und das, obwohl ich zu 1/16 polnisches und zu 1/8 russisches Blut in mir habe!)


Solche Situationen passieren mir beinahe jeden Tag, Euch vermutlich auch hin und wieder. Also warum erzähle ich das?

Das leidige Thema: Oma im StrassenverkehrDas leidige Thema: Oma im Strassenverkehr

Ich erzähle das, weil in dem Fiesta eine alte Frau saß. Jetzt ist auch das an und für sich nichts Ungewöhnliches. Hier fahren so viele Überalterte, daß ich manchmal den Eindruck gewinne, die Jüngeren kaufen ihren Alten lieber ein Auto, als sie endlich ins Heim zu stecken. Klingt bitterböse, fast zynisch, hat aber einen wahren Kern. Der liegt darin begründet, daß wir in der Häuslebauerregion leben und die allermeisten Alten irgendwann ganz alleine in einem riesigen Haus wohnen. Oft sind das 2- oder gar 3-Familienhäuser, die sie alleine blockieren. Vermieten tun sie schon lang nicht mehr, zuviel Ärger mit den Mietern.
Selbst wenn sie hinfällig und beinahe pflegebedürftig sind, wollen sie nicht ins Heim; wer will das schon? Sie drohen ihren Kindern permanent mit sofortiger Enterbung und stellen dem Kind das Haus in Aussicht, das sich später mal um sie kümmert. Später!
Da will natürlich jedes der Kinder, daß es der Mutter und dem Vater (so lange es geht?) gut geht, es steht ja ein Häuschen in Aussicht.
Die dörfliche Wohnsituation bringt es dann ebenfalls noch mit sich, daß die alten Leute nicht auf ein Auto verzichten wollen.

Das weiß man, wenn man hier wohnt und ich habe wirklich den nötigen Respekt vor dem Alter. Dementsprechend nehme ich im Straßenverkehr bereitwillig Rücksicht auf alle, die nicht so doll Auto fahren können: Fahrschüler, Anfänger, Behinderte, Alte und Frauen.

Aber bevor ich mir noch mehr Feinde mache, schreibe ich lieber weiter von der alten Frau im Fiesta.
Wenn ich sage ‚alte Frau‘ dann meine ich damit ‚über 75 Jahre alt‘. Das ist ja noch nichts Ungewöhnliches. Aber diese Frau reagierte überhaupt nicht auf mein Hupen, ja die Allerliebste und ich hatten den Eindruck, daß sie noch nicht einmal wahrgenommen hatte, daß sie nur um Millimeterbreite einem Zusammenstoß entgangen war. Immerhin wäre ich ihr mit gut 2 Tonnen und Tempo 30 exakt auf der Fahrerseite in die Tür gedonnert.

Nein, sie scherte einfach ein und zuckelte mit Tempo 10-20 vor uns her. 200 Meter weiter kommt eine Ampel, da steht sie dann neben uns, weil sie links abbiegen will. Ich schaue etwas intensiver in ihre Richtung, sie erwidert meinen Blick, schaut wieder weg, schaut wieder her. Dann geht ihre linke Hand zur Türkonsole und betätigt den Knopf für die elektrische rechte Seitenscheibe.
Sie beugt sich zu mir herüber und ruft mir zu:

„Sie misse net glaube, dass isch sie nett gesehe hätt‘. Awwa ä bissel Reschpekt vorm Alter kann man wohl erwartte, gell?“

Es folgte noch irgendein Wort, das ich nicht richtig verstanden habe. Ich meine ja, sie hätte noch ‚Arschloch‘ gesagt, die Allerliebste meint, die Alte habe bloß die Nase hochgezogen und geröchelt.

Hallo, Meldung an alle Alten, die von mir Respekt im Straßenverkehr erwarten, um mir die Vorfahrt zu nehmen:

Bitte ganzjährig eine rote Pappnase aufsetzen und gut sichtbar ein Schild mit der Aufschrift „alter Depp“ auf dem Dach befestigen, dann passe ich auf! Okay?

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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