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Darwinismus für Anfänger

Darwinismus für Anfänger

oder: Warum Charles Darwin auf der Arche Noah das Schnabeltier erfunden hat

Wir haben ein Familienwappen. Das kommt daher, dass einer meiner Vorfahren irgendwann mal einen Adelstitel bekommen hat. Heute hat das keine Bedeutung mehr. Geblieben sind das Wappen, ein kleiner Namenszusatz und ein Stammbaum, der bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht.

Deshalb passt es mir nicht, dass Rouven zu mir kommt und mich fragt: „War dein Opa eigentlich ein Schimpanse oder ein Gorilla?“

Anhand von Fotos zeige ich meinem Sohn, dass sowohl mein Großvater, als auch mein Urgroßvater Menschen waren.

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„Aber unsere Lehrerin hat gesagt, dass wir alle vom Affen abstammen!“

„Mein lieber Sohn! Es mag Menschen geben, die so etwas glauben und meinetwegen sollen die auch ruhig alle vom Affen abstammen. Wenn ich mir Kalle, den Schrauber, so anschaue, dann liegt diese Annahme ja auch nahe! Ich persönlich stamme aber von Menschen ab und keiner meiner Vorfahren hat auch nur im Entferntesten auf einem Baum gelebt!“


„Die Lehrerin hat gesagt, dass nicht Gott die Menschen gemacht hat, sondern Charles Darwin!“

Darwinismus für AnfängerDarwinismus für Anfänger

„Charles Darwin hat die Grundlagen für die Evolutions-Theorie geschaffen.“

„So ähnlich wie bei der Oktober-Evolution?“

„Das war die Oktober-Revolution, das ist was ganz anderes. Die Evolutionstheorie besagt, dass sich durch Auslese und Mutation aus einer Art eine andere Art entwickelt. Also dass quasi aus einem Meerestier alle Säugetiere entstanden sind.“

„Dann war mein Urgroßvater also ein Fisch?“

„Nein, das soll alles vor vielen Millionen Jahren passiert sein und ganz lange gedauert haben.“

„Die Lehrerin hat aber gesagt, dass Charles Darwin auf den Galapagos-Inseln den Affen erfunden hat und daraus sind die Menschen geworden.“

„Aber Darwin war doch selbst ein Mensch! Es muss doch also schon Menschen gegeben haben, bevor Darwin angeblich den Affen erfunden hat!“

„Aber die Lehrerin hat uns das so erklärt!“

„Und wo soll Charles Darwin hergekommen sein?“

„Den hat vielleicht Gott gemacht!“

„Wenn überhaupt, dann hat Gott Adam geschaffen.“

„Da hat die Lehrerin gesagt, dass das nicht stimmen kann. Wenn es nämlich nur Adam und Eva gegeben hätte, dann wären wir alle gezüchtigt!“

„Wie bitte, gezüchtigt?“

„Ja, sie hat gesagt, dass dann alle Kinder von Adam und Eva verwandt gewesen wären.“

„Die Kinder der selben Eltern sind immer miteinander verwandt!“

„Aber nur so lange, wie sie keinen Sex machen.“

„Ach so! Du meinst Inzucht. Ja, das stimmt. Sieh mal, die Bibel erzählt Geschichten aus ganz alter Zeit und vieles was da steht, hat nur symbolischen Charakter. Man weiß nicht, wie Gott den Menschen gemacht hat und man weiß auch nicht, wie viele er gemacht hat. Vermutlich waren Adam und Eva die ersten und dann hat Gott noch andere gemacht.“

„Zum Beispiel Charles Darwin!“

„Das mit Darwin war viel später! Gott hat Himmel und Erde gemacht, dann die Pflanzen und Tiere und dann die Menschen.“

„Ja, und Darwin hat dann die Tiere auf seiner Arche auf die Galapagos-Inseln gebracht und dort hat er aus dem Affen die Menschen gemacht!“

„Meine Güte! Das mit der Arche war Noah und Charles Darwin hat meines Wissens seine Erkenntnisse anhand von irgendwelchen Finken gewonnen.“

„War mein Urgroßvater dann ein Vogel?“

„Nein, weder Affe, noch Fisch und schon gar kein Vogel, sondern ein ganz normaler Mensch!“

„Und dessen Großvater?“

„Auch ein Mensch!“

„Und von diesem Menschen der Großvater?“

„Auch ein Mensch! Das waren alles Menschen, über Hunderte von Generationen.“

Mein Sohn denkt nach und ich bin mir sicher, dass meine blendende Argumentationskette ihn überzeugt hat. Deshalb verblüfft er mich vollkommen mit der Frage: „Und wie kommt das Schnabeltier zustande? Es hat den Schnabel und die Füße einer Ente, das Fell eines Otters, den Schwanz eines Bibers. Es legt Eier und ist trotzdem ein Säugetier.“

„Ich glaube, als der liebe Gott die Tiere gemacht hat und damit fertig war, hat er sich zurückgelehnt und über sein Werk gefreut. Dann hat er gesehen, dass er in seiner Ersatzteilkiste noch ein paar Teile übrig hatte. Er fand es zu schade, die Teile übrig zu behalten und hat noch schnell, kurz vor Feierabend aus diesen Teilen das Schnabeltier gemacht.“

Das gefällt meinem Sohn und unser Gespräch ist beendet.

Am nächsten Tag kommt er nach der Schule zu mir uns sagt: „Ich soll dir einen schönen Gruß von meiner Lehrerin bestellen, du sollst nicht so einen Quatsch erzählen.“

„Wie bitte?“

„Ja, sie sagt aus den Urtierchen, solchen Bakterien sind kleine Krebse entstanden. Daraus dann die Fische und daraus dann die Amphibien. Dann kamen die Reptilien aus denen sich die Vögel und die Landtiere entwickelt haben.“

„Ja und?“

„Das Schnabeltier hat Charles Darwin erfunden.“

„Und das sagt deine Lehrerin?“

„Ja! Auf der Arche Noah! Charles Darwin hat, kurz nachdem Gott Feierabend gemacht hat, alle Tiere auf der Arche Noah zu den Galapagos-Inseln gebracht. Dort hat er dann den Affen und das Schnabeltier erfunden. Daraus sind dann die Menschen geworden.“

Vielleicht ist das Kind ja doch noch zu klein, um alles zu verstehen. Ich beschließe, dass es besser ist, noch ein paar Jahre abzuwarten. Zehn oder zwanzig Jahre vielleicht.

(c) Peter Wilhelm, 2004, 2005, 2006
aus: „Die Erde ist eine Scheibe“, TB 242 S., Verlag „Die Wortbildungsmassnahme“

Wahrnehmung der Autorenrechte u.a. durch VG-Wort

Mehr satirische Geschichten findest Du hier im Index und natürlich im aktuellen Buch des Autors Peter Wilhelm, das Du im Buchhandel oder hier bestellen kannst.

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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