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Blutdruck

Blutdruck

Die letzte Tage hatte unsere Scherohnie Besuch von Verwandten aus ihrer norddeutschen Heimat. Ein dauernder Duft nach mehr oder weniger frischem Labskaus wehte durch das ganze Haus und durch die Balkontür drangen Wortfetzen an meine Ohren, die verdächtig nach Ohnsorg-Theater klangen.

Das ermöglichte es mir, unser Haus zu betreten und zu verlassen, ohne daß mir Frau Ruckdäschl ständig über den Weg lief, die Rentnerin war einfach zu beschäftigt.

Blutdruck

Heute Morgen klopft sie aber an unsere Tür und wenn ich heute Morgen sage, dann meine ich den Morgen in seiner ganzen Früh‘ und Pracht, es war kurz nach Sieben.

„Sie, höre se mol, Sie misse noch die Mülläämer vortue!“

Damit will mich die selbsternannte Concierge darauf aufmerksam machen, daß ich -in demütiger Befolgung der Hausordnung- mit dem Rausstellen der Mülltonnen an der Reihe bin. Durch den Feiertag am vergangenen Montag habe sich das doch alles um einen Tag verschoben, erklärt sie mir weiter und macht dann so eine Handbewegung, die wohl heißen soll: „Hopp, hopp, hopp!“

BlutdruckBlutdruck

„Ich mache es gleich“, sage ich und stoße mit dieser Aussage an unüberbrückbare Gräben in der Aussagekraft meiner Sprache und des hiesigen Dialekts. Im Ruhrgebiet, wo ich herstamme, bedeutet ‚gleich‘ eben gleich, also so etwas wie in Kürze. Hier hingegen bedeutet gleich soviel wie sogleich, sofort, gestern, also auf jeden Fall auf der Stelle.

Deshalb bleibt die Scherohnie auch in der Tür stehen und ich bringe es abermals nicht übers Herz, die Alte einfach mit einem leichten Stoß die Treppe runterzuschubsen. Vermutlich würde sie sich dabei den Hals brechen, was mir bestimmt einen goldenen Orden der Nachbarn, aber auch 8 Jahre Knast einbringen würde. Diese Überlegungen stelle ich aber erst jetzt beim Schreiben an, denn während die Scherohnie in unserer Wohnungstüre steht, bin ich nur damit beschäftigt, mir etwas Straßengeeignetes überzustreifen, damit ich den Frohndienst an den Mülltonnen antreten kann.

Jetzt bleibt die Ruckdäschl aber niemals an der Tür stehen, sondern folgt einem immer in die Wohnung und läuft dann bis in den hintersten Winkel. Wenigstens faßt sie nichts an!

„Was habbe sie denn da?“ fragt sie und deutet auf mein Blutdruckmessgerät.

„Das ist für meinen Blutdruck, das habe ich vom Arzt bekommen“, sage ich wahrheitsgemäß und die Scherohnie nickt. Sie überlegt kurz und sagt:

„Des muss ma so iwwer de Arm stülpe und uffpumpe, odder?“

„Ja genau, die Manschette kommt um den Oberarm, dann pumpt es sich automatisch auf und nach einer Weile kann man an dem Apparat den automatisch ermittelten Wert ablesen.“

„Ei, des is ja unpraktisch.“

Diese Aussage der Scherohnie verwundert mich jetzt aber doch, handelt es sich schließlich bei meinem Blutdruckmessgerät um ein hochmodernes Produkt deutscher Medizintechnik. Aber ihre Erklärung folgt auf dem Fuße:

„Gehe Sie mol mit mir in mei‘ Wohnung. Da hebb isch noch den Apparat, den wo mei Schorsch immer genumme hot, der is jo viel praktischer.“

Ich muß ja sowieso runter und warum soll ich mir nicht das Blutdruckmessgerätes ihres seeligen Georgs anschauen? Also gehe ich mit Frau Ruckdäschl nach unten und will schon in Richtung ihrer Wohnungstüre abbiegen, habe aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Sie gibt mir einen Schubser, sodaß ich beinahe die kleine Treppe zur Haustüre hinuntergefallen wäre und sagt:

„Erster die Tonne‘!“

Wie konnte ich auch annehmen, daß es auf Gottes weiter Welt an einem frühen Samstagmorgen etwas Wichtigeres geben könnte, als zwei grüne Plastikmülltonnen?

Einige Minuten später schiebe ich nacheinander die beiden Tonnen, begleitet von der plappernden Rentnerin, die 30 Meter von unserem Haus an die nächste Straßenecke. Wenigstens eine Tonne hätte die Ruckdäschl ja schieben können, aber das macht sie aus Prinzip nicht, denn sie ist ja erst in zwei Wochen wieder dran.

Erst nachdem ich den Weg zwei Mal hin und zwei Mal her gelaufen bin, marschiert sie in Richtung ihrer Wohnung und lässt mich ein.

„Komme Sie, jetzat zeig isch Ihne, was mei Schorsch für än toller Apparat hat. Den hott er zehn Johr lang genumme und immer sein Blutdruck damit gemesse. Der Apparat is viel praktischer als Ihrer und man kann auch Fieber damit messe.“

Während sie das sagt, steht sie in ihrem Wohnzimmer und rührt keinen Finger. Ich erwarte eigentlich, daß sie jetzt eine Schranktür öffnet und den geheimnisvollen Apparat hervorholt, aber sie steht nur da und schaut mich erwartungsvoll an.

„Frau Ruckdäschl, wo isser denn jetzt der Apparat?“

„Ei do hängt er doch!“

„Wo?“

„A do an der Wand.“

Ich folge mit den Augen ihren ausgestreckten Zeigefinger und erblicke an der Wand eine Kuckucksuhr. Sie merkt aber, wo ich hinschaue und sagt:

„Nee, do gleisch daneben.“

Ich drehe meinen Kopf etwas und sehe den geheimnisvollen Apparat. Es ist eine Wetterstation in Eiche altdeutsch mit einem Barometer und einem Thermometer.

„Sehe Sie’s jetzt? Do hot mein Schorsch jeden Morgen seinen Blutdruck abgelesen und wenner ämol Fieber gehabt hot, dann hot er sei‘ Zung an der Thermometer gehalte. Des ist doch viel praktischer wie des Ding wo Sie da oben hawwe. Da muss man nichts uffpumpe oder um der Arm mache.“

Abermals stellt sich mir die Frage: Was soll man dazu sagen?

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!


peter wilhelm autorenlesung
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